Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 47 - 48

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 6)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584008-2602399--11355-2602469
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

47 ■Vicki Baum: Rafael Gutinann. 48 Stilleben prangten, deren stetes Hauptstück ein grünlich gcsulzter Zwiebelkarpfcn war. Noch immer empfand Rafael etwas von dem neugierigen und bewundernden Staunen seiner Kindheit, wenn er diese Auslage sah. Er musste lächeln und die Spannung in seinem Innern löste sich; er atmete tief auf. Vielleicht liess es sich auch hier leben; ein paar Stunden des Tages hier im Geschäft, und dann die Abende mit Mcnkis und Corinna, die blieben ihm ja. Menkis musste sich einen andern Führer suchen, und schwer war es schon — das Ganze . . . Rafael presste die Hände ineinander und erstickte ein Schluchzen. Aber es war doch etwas wie ein Weg, eine Möglichkeit, ein Jahr lang oder zwei; und dann hatte er genug Musik gelernt und ging aus der Gasse fort, hinaus in die Stadt, ein freier Mensch, ein Künstler. . . . Er schaute noch einmal in seine Noten; „Corinna zu eigen" stand da. Dann ging er zurück in die dunkle Gasse. Der Vater sass wieder auf der Schwelle des Ladens; die Gasse war aus ihrem Mittagsschlaf erwacht und voll von handelnden lauten Stimmen. Rafael strich sich über die Stirn. „Vater, ich folg Ihnen," sagte er in seiner müden, scheuen Weise; „es is mer sehr schwer, aber ..." Er brach ab; der Vater schaute nicht auf ihn, seine Augen sahen mit einem seltsamen Ausdruck gerade vor sich hin. „Aber eines bitt' ich Ihnen, Vater: die AI)ende muss ich frei haben. Musste frei haben, musste . . .! Hamlich erauslaufen in der Stadt, jeden Abend — was?" Rafael schwieg. „De werst n i c h t frei ham, sog cch der. In Belfts Geschäft is ze tun bis um zehne abend!" Rafael presste die Hände ineinander. „Vater, wenn Sie's nicht wissen, sag ich's Ihnen: ich geh zugrund, wenn icli nicht da heraus kann!" „So — zegrund. No — und wenn scho . . .?" „Vater!" „Dei Grossvatcr is nicht zegrund gegangen und dei Vater nicht. Geht Rosenblüh zegrund? Geht Siebenstern zegrund?" Lazer Gutmanns Gesicht wurde feindlich, er hob den Arm zu einer vagen Gebärde. „Da draussen in de Stadt, da gehn se zegrund, hundert, tausend! Haste schon gesellen wen zegrund gehen da erin in de Gassen?" „Vater — Sie kennen mich nicht, Sie verstehen mich nicht: und dann — um was bitt ich denn? Nur den Abend — nur ein paar Stunden — eine einzige Stunde täglich — Vater!" „Du gelierst in der Gassen und werst nicht auf ä Vertlstund erauskümmen!" Rafael neigte sich weit vor und sah dem alten Lazer Gutmann, in die Augen; sie waren den seinen ähnlich; auch des Vaters Stirne war blass in der Erregung, auch des Vaters Hände waren ineinandergepresst. „Vater — bin ich Ihnen so fremd? Verstehen Sie mich denn gar nicht?" Lazer Gutmann erhob sich mit einer plötzlichen Bewegung, sein Gesicht straffte sich, indes er in das Dunkel des Ladens tauchte. Rafael hörte die schweren tappenden Schritte des Vaters, die im Laden auf und ab gingen, unruhig und ungleichmässig, als suchten sie etwas. Aber Rafael sah sich nicht um; er starrte vor sich hin, in die grauen Pfützen, dann weiter, die Mauer entlang, an der Stiefel und Kleider hingen; er schaute auf die Menschen, die sich vor den Geschäften drängten und stritten, und die ihm so unendlich fremd und entfernt worden waren. Er sass da, schweigend und mit dumpfem Kopf und sah die Gasse hinab, bis dorthin, wo sie mit einer Biegung im Dämmern verschwand. Eine Stunde verging; die Mutter im Laden erwachte; ein Streiten klang auf. Ihre helle, geschwätzige Stimme überschrie den Vater, verlangte, forderte, empörte sich; verlor sich schluchzend und stieg grell und spitzig aus einem lauten Weinen empor. Rafael sass auf der Schwelle und sah sich nicht um, hörte nichts. Was Mutter und Vater drin sprachen, floss nur als ein Geplätscher von Tönen an ihm vorbei; er verstand keine Worte. Die Schatten stiegen höher und höher empor an den vorgeneigten Häusern; es war, als würde die Dämmerung aus der Gasse hinanfwachsen und den sonnigen Streifen, der oben bei den Dächern lag, benagen, class er schmaler und schmaler wurde und verschwand. Lazer Gutmann trat aus dem Laden and setzte sich neben Rafael auf die Schwelle; noch immer war seine Stirne blass, und in der Hand hielt er eine Geige mit traurigen, zerrissenen Saiten. „No," sagte er, „da hab cch e Vielin, etwas c Schatz, etwas e Kostbarkeit! Liegt in Geschäft erum seit zwanzig Jahr, seit dreissig Jahr — ka Mensch kaft se. No — wer werd sein meschugge, un kaferi e Vielin, was?" Rafael schaute erstaunt den Vater an; was wollte er? „Hosen, Stiefel, alte Sessel, ja; aber e Geigen? Zerbrechen hätt mer se missen, nur zerbrechen . . ." Lazer Gutmann fuhr, mit der Hand in die zerrissenen Saiten; das Holz der Geige seufzte auf. Plötzlich hob Lazer Gutmann den Kopf. „Des woar meine Geigen, auf der hab iach gespielt . . ." Rafael drehte sich rasch herum. „Sie, Vater?" „En altes Gerimpel, en alte Vielin — niemand kaft se . . . zerbrechen . . ." sagte Lazer Gutmann vor sich hin. „Ja, Rafael, iach hab gespielt drauf, gern hab ich gespielt und sehen. Tja ... No, wie iach bin barmizwe geworn, hat mei Vater selig mer die Geigen weggenommen un hat se geworfen in Geschäft. Hasst, was ech hab gewant un geflennt driber . . ." Lazer Gutmann schaute seinem Sohn in die Augen. „Zerbrechen hätt er se sollen,"' sagte er nochmals. „Als bin cch heimlich gegangen un Ii ab heimlich gespielt auf de Geigen. Wie mehr ech hab gespielt, wie mehr bab ech gewant. Wenn ech e so denk, was fir e Lad mer hat gemacht de Geigen . . . zerbrechen hätt' mer sc sollen." Lazer Gutmann stand auf. „So, Rafael," sagte er, „ich bin der nicht fremd un iach versieh dich ganz gut. lach sag der, du werst e guter Geschäftsmann werden un werst nix zegrund gehn wegen en Unsinn, — etwas e nix, — etwas — en alte Geigen." Er packte das alte Holz an, dass es knackte; „aber du werst mer nix hamlich gehn spielen un wanen. Du sollst arbeiten, horste, arbeiten von frih bis Nacht. Nix hamlich gehn in der Stadt eraus. Herste, Rafael?" Rafael schaute dem Alten müde in die Augen; dann senkte er den Kopf.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.