Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1911-01-01 · Heft 1 (Januar 1911) · p. Seite 45 - 46

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
11 (1911)
Issue
Heft 1 (Januar 1911)
Article
Rafael Gutmann
Date
1911-01-01
Page
Seite 45 - 46 (sequence 5)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
92% known words query
IRI
…/2583875-2584006-2584008-2602399--11354-2602468
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

45 Vicki Baum: Rafael Gutmann. 46 der Schein in die Tiefe der Gasse. Drunten stehen graue Pfützen, Abfälle liegen umher, die Luft ist schwer wie schlammiges Gewässer. Rafael Gutmann kauerte auf der Schwelle des Ladens; ihm zur Seite baumelten grosse Röhrenstiefel, alte Hosen, ein Strohhut, ein Pferdekotzen, in schöner Eintracht an der Mauer. Im Laden sass in der dunkelsten Ecke die Mutter und schlief; auch in den andern Geschäften war Ruhe. Aus einem Fenster im ersten Stock sah stumpf und schläfrig Salornon Roscnblühs dunkler Kopf; von Zeit zu Zeit spuckte er zufrieden einen Apfelkern hinunter. Es war ein warmer Spätherbstmittag. Rafael Gutmann neigte sich mit zusammengezogenen Brauen wieder über die Noten auf seinem Schoss; er las, und ein angestrengtes, intensives Horchen lag in seinem Gesicht. Manchmal hielt er inne, dachte nach, wog irgendeinen Klang im Ohr und besserte dann etwas aus. Er wand Blatt um Blatt, bis ein langsames, leuchtendes Lächeln in seine Augen kam: die Arbeit war gut. Ein alter Jude kam in eifrigem Selbstgespräch die Gasse herunter; er gestikulierte mit rechnenden Fingern und schien vergnügt. Salornon Roscnbliih warf mit Schwung ein ganzes Apfelgehäuse herab, dass die graue Pfütze unten widerwillig aufklatschte. Der Alte sah zum Fenster hinauf und auf den arbeitenden Rafael hinunter, schüttelte den Kopf und verschwand murmelnd und rechnend um eine Biegung. Es war David Belft. Rafael beugte den Kopf noch tiefer und schrieb lächelnd über seine Noten: Variationen über ein russisches Lied. Corinna zu eigen. Nun war die Arbeit fertig und morgen sohle Corinna sie haben. Er stand auf, streckte und dehnte sich; dann fuhr er mit einer müden Bewegung über seine Stirn, und es war, als hätte er Lächeln und Leuchten fortgewischt. Aus einem Haus klang das gleichmässige singende Sprechen einer Frauenstimme und plötzlich war alles voll einer lastenden Traurigkeit; die seltsam verbogenen Häuser, die dämmrige, enge Gasse, die schwere Luft: alles, was Rafael bei der Arbeit nicht gesehen, vergessen hatte. Und indes die quälende, unbestimmte Angst ihm näher und näher kroch, neigte sich Rafaels erregte, blasse Stirne aufs neue mit schmerzlicher Intensität über die Noten. Da klangen Schritte auf, ein Schatten warf sich schwer und wuchtig über das Papier und verlöschte das Gewimmel der Notenköpfe: Lazer Gutmann stand vor dem Laden. „Guten Tag, Vater," sagte Rafael scheu und machte höflich Platz. Lazer Gutmann nickte schweigend, ging eine Weile im Laden umher, blieb vor der schlafenden Mutter stehen; er befühlte zerstreut ein Stück roten Tuches, dann nahm er einen Sessel heraus und setzte sicli neben Rafael in die Türe des Geschäfts. „Nu, Rafael, was machste da?" fragte er, noch immer zerstreut und gedankenlos; — „ech weiss, ech weiss; Unsinn — was? Unsinn ..." Rafael schwieg; seinem Vater gegenüber war er noch immer ein scheuer, ängstlicher, kleiner Junge. Lazer Gutmann spielte in seinem Bart und sah zur Seite; dann wandte er plötzlich die Augen voll auf Rafael. „Ech woar jetzen bei David Belft." „Ja, Vater . . Rafael schaute in seine Noten, und versuchte, dem Gang der Melodien zu folgen; aber irgend etwas in ihm summte einen Text mit, beharrlich und quälend: was will der Vater nur, was will er, was geschieht ..?" „Morizl ham se scho erausgeschmissen aus'n Chor, was? Er is scho zu alt, was? Warum haste nix erzählt?" „Ich weiss nicht, Vater," sagte Rafael, aber ein jähes Erschrecken kam ihn an; seit jenev Hochzeit ging er wie mit geschlossenen Augen herum: er wollte, wollte nichts sehen, nichts wissen, nichts denken. Noch war er beim Chor, noch verbrachte er wundervolle Tage und Abende mit Menkis und Corinna; noch lebte er draussen in der Stadt, wo Musik und Licht war und andre Menschen. Heute noch, morgen — einen Monat noch. . . . Nur nicht denken, wohin der Weg dann führen sollte . . . „Morizl kümmt eweg aus der Gassen," sagte Lazer Gutmann in Rafaels Gedanken hinein; „er gebt'n zu ne grossen Geschäft in de Stadt; der Chammer!" War da nicht Rettung? Tagsüber in der schönen freien Stadt draussen arbeiten, und die Abende mit Menkis und Corinna. Musik und glückliches Lernen, Oper und Konzertsaal wie bisher. . . . Rafael atmete tief auf. „Was schauste? Was lachste?" Lazer Gutmann richtete sich auf, sah Rafael in die Augen und sagte auf einmal mit seltsam lauter und klarer Stimme: „Dass de's weisst, du kümmst zu Belft ins Geschäft; ich hab's scho mit'n abgemacht!" Er blieb noch eine Weile aufgerichtet sitzen, als erwarte er Streit und Widerstand; aber es kam nichts; er schob seinen Sessel mit einem Ruck in den Laden zurück und ging, an der schlafenden Mutter vorbei, ins Zimmer. Rafael sass und starrte in seine Noten. „Corinna zu eigen — Corinna zu eigen . . ." las er viele Male nacheinander. Es kam ihm lächerlich vor und er verzog höhnisch den Mund. Ihm war, als hätte er einen schweren Schlag vor die Stirn bekommen und sein Lächeln wurde schief und bewusstlos, wie das eines Menschen, der in Ohnmacht fällt. „Wohin geht es mit mir — wohin . . .?" murmelte er, indes er mit schweren Schritten die Gasse hinunterging. Da war der kleine Platz, blendend hell nach der Finsternis der Gasse, und die Sonne spielte flirrend am Schild von David Belfts Geschäft. Rafael setzte sich auf einen Stein und starrte hinüber, wie oftmals in seiner Kinderzeit. David Belfts Geschäft war der Stolz des Judenviertels; nicht nur Hosen und Tuch, Stiefel und Partiewaren bekam man hier; alles, was die Judengasse brauchte an Esswaren, Spezereien, Zwiebeln und Kerzen, an Spagatschnüren, Gurten und tausenderlei „Schnokcs", war in wildem, farbenfreudigem Durcheinander in David Belfts Geschäft aufgestapelt. Es liegt in der Natur der Sache, dass alle Esswaren nach Petroleum schmeckten, und alle Kleidungsstücke angenehm aber bestimmt nach Zwiebeln rochen, indes die kleineren Gebrauchsgegenstände und „Schnokes" in verschwenderischer Weise mit Gansfett betropft waren. Dafür aber hatte der Laden nicht nur eine Glastüre, sondern sogar eine Auslage, in der kühn komponierte

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.