Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Die Erben des Islam
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 23 - 24 (sequence 3)
- Language
- German
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23 Dr. Ärsene Kahen (Paris): Die Erben des Islam. 24 Weit ausgreifende Pläne leben allerdings mir in den Köpfen der hervorragenden Führer, und es wird wohl noch lange dauern, bis sie Gemeingut aller Bekenner geworden sind. Aber eine lebhafte ökonomische Regsamkeit geht durch alle Sehich» ten des ganzen Islam, von der Mandschurei bis zum Kap, von den malaiischen Inseln bis Marokko. In der Einbildung der Westeuropäer lebt ein grundfalsches Bild vom Muslim. Man hält ihn für träge, fatalistisch, neuen Ideen unzugänglich, für unfähig, das moderne Wirtschaftsleben zu begreifen und sich ihm anzupassen. Das Bild mochte einmal wahr gewesen sein. Heute ist es grundfalsch. Der Islam der Bücher und der verflossenen Jahrhunderte, der Islam der Inschriften und der Philologen, der erschöpft ist, weil er zu lange gelebt hat, bis in eine Epoche hinein, die nicht mehr die seinige ist, dieser Islam liegt in den letzten Zügen und wird bald zur Vergangenheit gehören. Die grossen Massen bewahren sich ihr äusseres Aussehen. Sie pilgern nach frommer Weise, um in dem felsigen Mina ihre Opferhammel zu schlachten. Sie können in Hitze geraten im Streit über die Betonung eines Koranverses. Aber über diesen Schichten, die tief unten in Unwissenheit und Mitteimässigkeit dahindämmern, erhebt sich und wächst eine ganz neue AVeit. Ihre Apostel sind nicht der „Chuan",. nicht der Priester, Wundertäter und Schriftgelehrte. Es sind ganz andere Männer, die sie hinreissen und hinlenken nach den grossen materiellen Zielen der modernen Menschheit, nach einer bessern Gestaltung des wirklichen Lebens. Gestern war das noch eine enge, im Trüben vegetierende Welt, dieser Islam. Morgen wird das schon eine neue Welt sein, die Welt einer neuen muslimischen Zivilisation, von praktischer und strebsamer Natur. Am fortgeschrittensten sind hierin wohl die Mohammedaner in Britisch-Indien. Man darf sie nicht nach dem Heiligenkultus beurteilen, der unter ihnen blüht, nicht nach den Prozessionen des Monates Muharrem zum Andenken an den Tod des Ali. Aehnliches gibt es auch in Frankreich, Belgien und im Rheinland, was aber diese Gegenden nicht hindert, Industrieländer ersten Ranges zu sein. Die grössten industriellen Unternehmungen in Indien sind von Mohammedanern gegründet, geleitet und beschäftigen mohammedanische Arbeiter. Teeplantagen, Zuckerraffinerien, Papierfabriken, Giessereien, Spiegelfabriken, Mühlen, Kattundruckereien, Baumwollspinnereien, die eine davon „Mahommedan Mills", des Hadji Kassum Joosuf, beschäftigt 15 000 Spindeln, eine andere, in Bombay, hat ein Grundkapital von anderthalb Millionen Francs — in allen Industriezweigen findet man muslimische Unternehmer, Besitzer von Fabriken, Werkstätten und Handluagshäusern. Es gibt keine Bank in Europa, der die grossen Spinnereien des Sir Currimbhoy Ibrahim oder des Sir Adanji Peerbhoy in Bombay nicht bekannt wären. Letzterer ist Vorsitzender des Kongresses der All India Moslem .League in Kurrachee vom Jahr 1908 gewesen und seine Schenkungen für öffentliche Zwecke erinnern an jene der amerikanischen Milliardäre. Am Persischen Golf bilden die grossen tätigen Vermögen des Scheichs von Kovait und in Sansibar der Besitz des fortgeschrittenen Sultans, der sogar dem Automobilismus huldigt, enorme Hilfsquellen für die wirtschaftliche Tätigkeit der Mohammedaner Indiens. Die Mohammedaner in Russland, welche sich zu Moskau, Kasan, Orenburg und Uta in der äusseren Erscheinung nicht mehr von den Russen unterscheiden, stehen diesen an kommerzieller und industrieller Fähigkeit und Regsamkeit in keiner Weise nach. In Odessa und Baku befinden sich alle modernen Hotels mit Lift und elektrischer Beleuchtung in den Händen von Muslims. Das Pferd wurde bis nach Turkestan hinein schon vom Automobil verdrängt, wo die reichen Muslims von Uch und Adidjan sich seiner im täglichen Verkehr zwischen diesen beiden Städten bedienen. Das Automobil ist auch in der Türkei zum Kulturträger geworden, in Kleinasien und Syrien, ebenso wie in der europäischen Türkei beginnt der Automobildienst die andern öffentlichen Verkehrsmittel zu verdrängen. Alle Städte haben ihre Trambahnen,, deren internrbanes Netz sich bis in dieWilajets hinaus erstrecken. Durch die Hedschasfoahn, die Bagdadbahn und alle die anderen Konzessionen, die Engländer, Deutsche und Franzosen einander streitig machen, hat das Eisenbahnwesen angefangen, die öffentliche Meinung in der Türkei in einem so hohen Masse zu beschäftigen, dass man daraus ersehen kann, wieviel industriellen Anpassungsfähigkeit diese Bevölkerung besitzt. Wenn das Arabien der Wüste auch noch von seinen Beduinen bevölkert ist, so ist doch bereits die Elektrizität in Medina am Grabe des Propheten aufgeflackert, und Yambo, der Hafen der anderen heiligen Stadt des Islams, bezieht sein Trinkwasser vermittels Apparate, die aus Nantes stammen. Der Imam Jachia von Jemen fordert eine Eisenbahn von Hodeida nach Sanaa. In Charbin, wo noch im Jahre 1900 die muslimische Bevölkerung aus etwa 40 Handwerkern bestand, gab es schon 1900 ebensoviele reiche und geachtete muhammedanische Grosskaufleute, die etwa tausend ihrer Glaubensgenossen beschäftigten. Von Peking bis Yunnan sind die Mohammedaner die Karawanenführer Chinas. Ihre Bankiers und Exporteure arbeiten mit Russland, Birma und ganz Zentralasien. Ihre Arbeiter organisieren sich zum Zweck der Ausbeute von Bergwerken und der Durchführung von Erdarbeiten bei Eisenbahnbauten. Als Geschäftsleute und Kommissionäre in den Häfen sind sie auf den Philippinen, auf Java in den Straits Settlements gleicherweise zu Hause. Ihre Beziehungen zu den arabischen Elementen im äussersten Orient verleihen ihnen eine besondere Stellung. In erster Reihe Mohammedaner, wie es ihre schrecklichen Aufstände gezeigt haben, stellen sie sich jedoch immer auf Seite der Europäer im ökonomischen Streite mit der chinesischen Welt.