Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Das Jahr 1910
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 3)
- Language
- German
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9 Simon Bernfdd: Das Jahr 1910. 10 kanische; sie wollte die rigorose Abschliessuugspolitik nicht billigen. Vielleicht bringt der politische System Wechsel auch den Einlass suchen den Juden eiue Erleichterung in ihrer bedrängten Lage. Die grosse jüdische Organisation, die Alliance Israelite Universelle, blickte im vorigen Jahre auf ihr fünfzigjähriges Bestehen zurück, reich an Erfolgen und ausgestreutem Segen, was ich immer trotz meiner an dem Wirken dieser Organisation geübten Kiitik vollauf anerkannt habe. Es geht mir mit der Alliance, wie mit dem jüdischen Volk, au dem ich stets etwas zu tadeln habe und an dessen Fortbestand für ewige Zeiten ich keinen Augenblick zweifeln möchte. Zu einer Jubiläumsfeier, an der gewiss weite Kreise unseres Volkes freudig teilgenommen hätten, ist es leider nicht gekommen wegen der Erkrankung des verdienten Präsidenten Narcisse Leven und auch wegen gewisser Unstimmigkeiten, die in der letzten Zeit zwischen Paris und Berlin entstanden sind. Wir wollen aber hoffen und wünschen, dass der Zwist bald in einer Weise beseitigt werde, dass es weder Sieger noch Besiegte gebe. Der Alliance wünschen wir wohl ungeteilt ein weiteres kräftiges Gedeihen. HIRSCH HILDESHEIMER. Selten hat der Tod eines edlen, verdienstvollen Mannes in der Judonhcit solche allgemeine und tiefgehende Trauer hervorgerufen, wie der Heimgang H i r s c h Hildes hei m ers, der am 6. Dezember plötzlich aus dem Leben geschieden ist. Es war dies ein Leben reich an gesegneter Arbeit für das jüdische Volk und das Judentum, das so jäh und frühzeitig sein Ende gefunden hat. Ein Herz hat zu sclilagen aufgehört, das so warm und so innig die Not unserer Volksgenossen empfand. Hirsch Hildesheimer war eine der bekanntesten Persönlichkeiten unserer Zeit. Länger als ein Vierteljahrhundert diente er mit seiner reichen Begabung, mit seiner unerschöpflichen Arbeitslust, mit seiner bewunderungswürdigen Vielseitigkeit und mit seinem grossen Herzen dein j üdischen Volk und dem. J udentum. Er stand in der vordersten' Reihe des Kampfes, obwohl er für seine Person von einer unbegrenzten Bescheidenheit beherrscht war. Kein Mensch kann ihm nachsagen, dass es Eitelkeit oder Ruhinessucht gewesen wäre, die ihn zur Tat angeeifert hat. Denn obwohl er stets einer der ersten am Platze war, wo es galt, das Gute zu fördern und der Not zu steuern, so stellte er niemals seine eigene Person in den Vordergrund. Die Triebkraft seines Wirkens war immer die ihn so sehr auszeichnende Warmherzigkeit, die unerschöpfliche Herzensgüte und die wahre echt jüdische Menschenliebe. Dazu kam seine grosse Verehrung für das Judentum, seine Liebe zum. jüdischen Volk. In diesen Regungen ist die Quelle seiner unermüdlichen Tätigkeit im öffentlichen Leben zu suchen. Seinem Berufe nach, und wohl auch in seinem Hirsch Hildesheimer Nachdruck verboten. innersten Wesen, war Hirsch Hildesheimer ein Gelehrter, der unter anderen Verhältnissen wohl niemals die Stille und Beschaulichkeit der Studierstube aufgegeben hätte, um den geräuschvollen Jahrmarkt des Lebens aufzusuchen. Und dies zwar um. so weniger, als er eine unendlich gutmütige Natur war, die den Kampf an sich gewiss nicht liebte. Er begann auch seine Laufbahn als Lehrer am orthodoxen Rabbiner- Seminar in Berlin und als Forscher auf dem Gebiete der Palästinakunde. Aber bereits anfangs der achtziger Jahre des vorigen Jahrhunderls begann er, indem er die Redaktion der „Jüdischen Presse" übernahm, als Publizist den Kampf für die Ehre des jüdischen Volkes und des Judentums. Er wurde gleich einer der gefürchtetsten Gegner im Lager der Antisemiten, obwohl er auch gegen diese niemals unehrliche Waffen gebrauchte. Hildesheimer setzte in diesem Kampf seine, ganze Persönlichkeit ein, und es ist erstaunlich, mit welcher Energie, mit welcher Unerschrockenheit dieser sonst so gutmütige und friedfertige Mann die Verteidigung der guten Sache führte. Unvergessen wird es bleiben, wie er im Xanten - Prozess reichlich dazu beitrug, der Wahr-, heit'und der Gerechtigkeit zu einem glänzenden Sieg zu verhelfen. Während er damals mit ungewöhnlicher Schärfe den Kampf gegen1 Verleumdung und Bosheit führte, entwaffne? te er mitten im heftigen Streit durch seine vornehme Natur manchen besserungsfähigen] Gegner. Aber die böse^Saat, die der Antisemitismus seit de m J ahre 1878 ausgestreut hatte, zeitigte bald genug giftige Früchte. Was in Deutschland zuerst g e -. predigt wurde, sollte in . Russland in die Tat umgesetzt werden. Ueber die russischen Juden