Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 11 (1911)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1911)
- Article
- Das Jahr 1910
- Date
- 1911-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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7 Simon Bernfeld: Das Jahr 1910. 8 führung gelangt, die vielen Tausenden Juden verhängnisvoll geworden ist. Ich meine die endgültige Durchführung des Schankgesetzes in Galizien, durch die etwa 10 000 jüdische Familien hrollos gemacht wurden. So ist das grosse jüdische Proletariat in diesem österreichischen Kronland um die Zahl der neuerdings verarmten Familien grösser geworden. Wenn sich auch die Landesregierung den Anschein gibt, als oh sie sich des Ernstes der Lage klar geworden sei und auf Mittel imd Wege sinne, der grossen No' der jüdischen Bevölkerung wirksam abzuhelfen, so darf man darauf keine grossen Hoffnungen setzen. In Ungarn ist wieder die liberale Partei zur Herrschaft gelangt. Es ist dies dieselbe politische Partei, die jahrelang von den ungarischen Juden kräftig unterstützt worden war, und als sie der antiklerikalen Koalition unterlag, mussten die Juden mit den Unterlegenen den gauzen Zorn der rücksichtslosen Sieger ertragen. Die Juden litten noch mehr darunter, da die antiliberale Koalition von der „kleinen, aber mächtigen" antisemitischen Volkspartei beherrscht war. Jetzt haben die Liberalen wieder das Heft in Händen, aber oh dadurch der scharfe politische und wirtschaftliche Kampf gegen die Juden aufhören wird, ist sehr fraglich — oder vielleicht gar nicht mehr fraglich, da auch die sogenannten Liberalen es für gut befinden, ihr Töpfchen an dem antisemitischen Feuer zu wärmen. Unwillkürlich wird man an einen Ausspruch der Agada erinnert: Fällt der Krug auf den Stein, zerbricht der Krug; fällt der Stein auf den Krug, zerbricht der Krug — immer wehe dem Krug! Was in Oesterreich und in Ungarn mit dem Antisemitismus hinter den Kulissen getrieben wird, das tritt in Russland zynisch und brutal offenkundig zutage. Man pflegte früher zu sagen: die Lage der Juden in diesem Reiche könne sich nur zum Besseren wenden, denn schlimmer könne sie nicht werden. Das ist aber entschieden ein Irrtum. Es wird von Jahr zu Jahr schlimmer, und der tiefe Grund des Elends scheint noch nicht erreicht zu sein. Im vorigen Jahr hat der Minister ,,für Volksaufklärung" — richtiger wäre: gegen die Volksaufklärung — einen neuen Schlag gegen das Bildungshestreben der Juden geführt, indem er die berüchtigte „Norm", d. h. die Beschränkung der Zulassung jüdischer Schüler in Mittelschulen, auf die Privatschulen ausgedehnt und den jüdischen Privatschulen das Oeffentlichkeitsrecht entzogen hat. Dieses freundliche Andenken hat Herr Schwarz, so heisst der famose russische Kulturträger, den Juden hinteilassen, worauf er seinen Abschied nahm oder erhielt. Besser wird es wohl auch unter dem neuen Minister nicht werden. Ebenso wenig Hoffnung setzt man auf die Einbringung des Gesetzes in die Reichsduma, das jüdische Ansiedlungsrayon aufzuheben und den Juden Freizügigkeit zu gewähren, zumal die Oktobristen, die diesen Gesetzesvorschlag mitunterbreitet hatten, bereits ihren Umfall erlebten. In Russisch - Polen, das bisher keine städtische Selbstverwaltung hatte, soll jetzt eine solche eingeführt werden — was man eben in Russland Selbstverwaltung nennt. Vor allem soll für die russische Minderheit in Polen reichlich gesorgt werden. Dann wollen aber die Polen ihrerseits die Juden beiseite schieben. Sie betreiben Jies in der berüchtigten Weise der „Tarnopoler Moral", gleisnerisch, scheinheilig und unaussprechlich perfid. Das sind die Polen, die die Welt mit ihren Klagen über die „preussische Unterdrückung" erfüllen. Wo sie aber die Macht besitzen, in Galizien, oder die Macht haben möchten, in Russisch-Polen, sind sie die schlimmsten Unterdrückungspolitiker. Die Buthenen und die Juden in Galizien wären glücklich, wenn man sie daso behandeln würde, wie die Polen in Preussen behandelt werden. Während die städtische Selbstverwaltung in Petersburg beraten wurde, spielte sich da ein unerhörter abscheulicher Skandal ab. Vertreter der jüdischen Gemeinde zu Warschau, die Herren Natanson und Dickstein gingen nach der russischen Hauptstadt, wo sie nicht etwa mit der Regierung konferierten, sondern mit der polnischen Dumafraktion. Sie erstarben in Demut vor dem polnischen Pan und gaben die Interessen der jüdischen Bevölkerung preis. Die jüdische Bevölkerung sei noch nicht kulturell reif genug für die bürgerliche Gleichstellung. Diese assimilatorische Blüte steht erfreulicherweise iu unserer Geschichte vereinzelt da. In der Türkei konsolidieren sich die politischen Verhältnisse immer mehr, und auch die Beziehungen der jung-türkischen Regierung zu den Juden im ottomanischen Reich sind fortwährend günstig und freundlich. Die klugen Politiker in Konstantinopel wissen recht gut, dass unter allen nichtislamitischen Volkschaften im türkischen Reich die Juden sich am aufrichtigsten und zuverlässigsten diesem Staat anschliessen, dessen Integrität sie mit allen Kräften zu schützen bereit sind. Die Wahlen für das englische Parlament, die im Dezember des Jahres 1910 stattfanden, haben das alte Bild gezeigt, das wir im britischen Reich seit einer Reihe von Jahren zu beobachten Gelegenheit hatten. Die Juden als solche identifizieren sich mit keiner politischen Partei, sondern schliessen sich jener Richtung an, der sie nach ihrer politischen Anschauung angehören. Das neue Parlament hat etwa 80 jüdische Mitglieder aufzuweisen, von denen sich ein Teil bei den siegenden Liberalen und der andere bei den unterlegenen Unionisten findet. In der grossen amerikanischen Union sind im letzten Jahre neue Schwierigkeiten gegen die jüdischen Einwanderer ausgeklügelt worden. Andererseits aber hat die jetzt herrschende republikanische Partei bei den allgemeinen Wahlen im November 1910 eine schwere Niederlage erlitten. Mau kann annehmen, dass die Tage ihrer Herrschaft gezählt seien. Ehedem war die demokratische Partei gegen die eine neue Heimat suchenden Wanderer viel milder, als die republi-