Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1197 - 1198 (sequence 2)
- Language
- German
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1197 1198 vereint. ,,Sehnsucht nach Jerusalem", ein ergreifendes Lied, „Das Peckele" mit packendem Refrain, das Pessach-Lied, in dem die Freuden des Ostermahls geschildert werden, das waren interessante Gaben. Feinfühlend waltete Herr Nadel am Steinway seines Amtes. Weit über 20 Volksweisen machten uns in kurzer Zeit bekannt mit den Eigentümlichkeiten des „Jüdischen Volksliedes" und wenn die Sänger übers J a Ii r w i e d e r k e h r e n , wird man ihnen mit grösserem Interesse entgegenkommen, d a man nun weiss, was sie bieten n n d wie sie es darbringen, eine schier u n bekannte Volkskunst, wert der Bea c Ii t u n g. A. H u c h. HANNOVER Mannovetscher Anzeiger" v. i. Dez. 1912: Jüdische Volkslieder. Sehr interessante Vorträge jüdischer Volkslieder gab es am Sonntagabend in der Aula. Eingeladen hatte zu dieser eigenartigen Veranstaltung die Zeitschrift ,,0st und West". Die Volkslieder wurden unter Klavierbegleitung zum Teil gesungen, zum Teil auf der Violine vorgetragen. Dabei bot sich die Gelegenheit, einen tiefen Blick in die Psyche der östlichen Ghettoinsassen zu tun. Das jüdische Volkslied, zwar nicht so erfindungsreich und vielseitig wie die einschlägige Volkskunst der eigentlichen Musiknationen des Westens, auch nicht so frühlingsfrisch und naiv wie diese, vielmehr lastend herbe und wehmütig resigniert, fesselt vor allem durch die glaubensvolle Leidenschaftlichkeit, die aus seinen meistens in Moll stehenden Gesängen spricht, sowie durch die Verbindung heterogener musikalischer Elemente, russischer Lieder, polnischer Rhythmen, ungarischer Zigeunerweisen, psalmodierender Synagogalmusik und deutscher Liedklänge, die sich aber doch zu einem in sich gefestigten., abgerundeten kleinen Kunstprodukte zusammenschHessen. Ausser der Melodie nimmt bei diesen Gesängen auch der meistens schwermütige Text die Aufmerksamkeit sehr in Anspruch. Er bietet in jiddisch-deutschem Jargon eine Reihe scharf um* rissener, charakteristischer Kulturbilder. Eines der ergreifendsten der zum Vortrage gelangten Stücke ist das Lied vom „Peckele", das uns den ewigen Juden zeigt, wie er, hin und lier Verstössen, durch die Länder zieht und in seiner Not die Thora als sein einziges Kleinod hütet. Interpreten waren die Violinistin Betty Tennenbaum, deren Spiel sich durch grossen, vollsaftigen und warmen Ton auszeichnete, die Sopranistin Ciaire Davidoff, deren seelenvoller Gesang sehr ansprach, der Tenorist M. Ma gi d - s o n, der seine Gaben auch mit überzeugender Innigkeit darbot, und der Pianist A. Nadel, der in feinsinniger Weise am Klavier akkompagnierte. A. * * * „Hannoverscher Courier" v. 25. Nov. 1912: Eine in ihrer Eigenart einzig d a - stehende Veranstaltung fand am Sonntagabend in der Aula statt, eine Darbietung jüdischer Volkslieder, die von der Zeitung „Ost und West" ausgeht. Zu Gehör kamen Gesänge und Instrumentalmelodien, die einen tiefen Blick in die Seelenstimmungen der östlichen Israeliten gewähren. Die Kompositionen, fast durchweg in Moli gehalten, zeugen bei aller verhältnismässigen Monotonie der Melodie- und Harmoniebildung doch von ausserordentlicher Tiefe der Empfindung, zu deren Schilderung eine ganze Anzahl musikalischer Elemente herangezogen sind. Vorherrschend ist wohl der psalmodierende Synagogen - gesang und daneben ein ausgesprochen ungarisches Element. Aber auch das deutsche Volkslied mit seinen naiven Klängen meldet sich verschiedentlich. Am interessantesten und charakteristischsten sind die „Chassidisehen Weisen". Unter Chassiden versteht man die strengorthodoxen Juden des Ostens (Polen, Galizien usw.), die streng an ihrer Tracht. Kaftan, Stirnlöckchen, und ihrer Lebensführung festhalten. Die Texte der Lieder sind überwiegend melancholischer Art, wie überhaupt durch die ganze Reihe der Darbietungen ein Zug trüber Stimmungen ging. Die Textworte der Sammlung sind ausschliesslich dem „jiddischen" Jdiom des Ostens entnommen. Die Ausführung lag in den Händen tüchtiger Kräfte. Namentlich die Geigerin Betty Tennenb a u m fesselte durch ihren grossen, gehaltvollen Ton und innigen Vortrag. Der Tenorist M. M a g i d s o n wirkte weniger durch sympathische Stimmmittel als durch überzeugenden Ausdruck, und auch die Sopranistin C1 a i r e Davidoff. mit einer kleinen, hohen Stimme begabt, ist in gleichem Sinne zu nennen. Sämtliche Soli wurden von Herrn A. N a d e 1 feinsinnig am Klavier begleitet. L. W. * # * „Hannoversche Zeitung" v. 2r>. Nov. i9i2-. Eigenartige Genüsse bot uns ein von der Zeitschrift „Ost und West" veranstaltete!' Vortragsabend jüdischer Volkslieder. Haben diese Melodien, die zum Teil gesungen, zum Teil, nämlich wo die Texte nicht mehr zeitgemäss waren, für Klavier und Violine vorgetragen wurden, auch nicht das Leichte, Kindlich-Naive alter deutscher und französischer Volkslieder für sich, so sind sie nicht weniger dadurch wirksam, class bei ihnen die Empfindung durchweg auf die Wehmut der Resignation eingestellt ist. Musikalisch bilden sie keinen besonderen Typus, sondern stellen ein eigenartiges Gemisch von Elementen vor, die in der älteren und neueren Kultur der musikalischen Nationen zerstreut