Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1195 - 1196 (sequence 1)
- Language
- German
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1196 l)ichter und Komponist in einer Person. Mögen die Tonfolgen auf Erinnerungen an ältere Versionen beruhen, ihre Neuverwendung ist (wie bei AVagners Nibelunge'nthenien) eine völlig originale. Die Gesänge sind in Russisch-Polen gesammelt und von A rno X a d e 1 harmonisch und rhythmisch bearbeitet; die Heimat der teils -wehmütigen, teils humoristischen Lieder ist aber Deutschland, und zwar das Deutschland des Mittelalters. Das zugrunde liegende Deutsch ist die Muttersprache des nach dem Osten flüchtenden verfolgten Stammes gewesen, der aus den Lauten seiner neuen Heimat und den uralten seiner Väter skrupellos hinzugetan, Avas ihm am Herzen lag! Auf die einzelnen Nummern einzugehen, würde zu weit führen: nur die Drucklegung der einstweilen peinlich gehüteten Schätze k ü n n t e w e i t e r e n K r e i s e n e i n B i1d dieser reichen Gefühlswelt eines meist m i s s verstandenen Volkes geben, und um diese recht baldige Drucklegung möchte ich die Herren W i n z und Nadel bitten. Xicht versagen aber darf ich es mir, eine Nummer von allen hervorzuheben, die durch ihre glückliche Mischung von andächtiger Versenkung und schelmischer Schalkheit mich namentlich ansprach: „Hamawdil been Koidesch". Herr M. Magills o n . der Tenor des Abends, der mit Recht ein Meistersinger in seinem Fach zu nennen ist, entzückte ebenso in diesem der humoristischen Abteilung entnommenen Bruchstück wie in den ernsten Klängen des ersten Teils. Fräulein C 1 a i r e I) a w i d o f f, die gleichfalls über eine trefflich geschulte ausgiebige Stimme verfügt, loste namentlich mit ihrem „Der Täte is gefahren gen Balteu! erschütternde Lachsalven aus. Die eigenartigste Aufgabe war Frl. Betty Tennenb a u m . der Violinistin, zugefallen, welche Melodien ohne Worte aber mit prägnantem dichterischen Gehalt, also sogenannte symphonische Dichtungen im Verein mit Herrn A r n o X' a d e 1 interpretierte. lieber die virtuose Technik der Dame ist nach diesen Darbietungen-nur zu vermuten, dass sie auf keiner geringen Höhe stehen muss, wenn bei so intensiver Tongebung und reifer Gestaltungsgabe die innere Empfindung so stark pulsiert, wie bei dieser Joachimschülerin. Wenn die Unternehmer nächsten Winter wieder in Posen landen, wird ihnen der gefüllte Akademiesaal beweisen, wie wir treffliche Gaben aufzunehmen wissen. Paul G e i s 1 e r. * * * „Posener Tageblatt" v. 23. Nov. 1912. Jüdische Volkslieder. Zu einem Vortragsabend mit jüdischen Volksliedern hatte gestern der Herausgeber und Chefredakteur der illustrierten Monatsschrift ,,0st und West", Herr L e o W i n z , eingeladen. In der richtigen Annahme, dass mit dem Fortschreiten der Kultur im jüdischen Volkstum auch das spezifisch jüdische Lied schwinden wird, wie ja in nicht gar zu ferner Zeit der jüdische Jargon, das echte ..Jiddisch" in den übrigen Sprachen untergehen wird, hat es sieh Herr W inz zur Aufgabe gemacht. Volkslieder -an der Quelle zu sammeln, dort, wo sie noch unverfälscht in jahrhundertealter Tradition leben, in den Kreisen der kleinen Handwerker, in Deutschland, wie in Russland. So hat er manches charakteristische Kulturbildchen in den einzelnen Liedern zusammengetragen, die dem modernen Huden und dem Andersgläubigen einen Einblick in das Denken und Fühlen des kleinen Mannes, in die Volksseele ermöglichen. Die Texte geben ein eigenartiges Gemisch von Freude und Leid, und selbst wenn der Humor eu.uc ö. jbkörnig zutage tritt, bleibt immer noch ein Zug des Leidens als Unterton wahrnehmbar. Das Leid der Jahrhunderte, es lässt sich nicht spurlos verwischen, es wird nicht selten in tragikomischer Färbung in den Volksliedein gestreift, wenn Text oder Melodie plötzlich aus hellster Luft zurücksinkt in einen kläglich-jammernden Ton. Die Molltonarten dominieren, allen Weisen ist aber eine ausgesprochene Sangbarkeit gemeinsam, es sind echte Melodien, die unbedingt zum Herzen sprechen in ihrer ungeschminkten Art. Dass sie natürlich beeinflusst sind von der Volksmusik derjenigen Völker, unter denen das Judentum lebt, ist selbstverständlich, der reinen hebräischen, der historischen Skala begegnet man kaum noch. Orientalische, russische, ungarische, polnische Zutaten beherrschen das Figurenwerk, das Rokoko gab einiges dazu, die Liedweise des deutschen Volksliedes bildet oft den gesunden Kern, Psalmodierendes steht neben dem Gassenhauer, so zeigt sich im Liede die Charakteristik des Judentums, seine Anpassungsfähigkeit an äussere Verhältnisse. Innerlich halt der Ghettobewohner fester an seinem Volkstum, das hier mit dem religiösen Bekenntnis zusammenfällt, als manch anderes Volk, „Ich will sein a Jid'", dieser Ausklang des Liedes „Die Zimbel" sagt mehr, als langatmige Auseinandersetzungen. Die Lieder —- mit Text oder als Lieder ohne Worte für Geige — sind bearbeitet und mit einer feinsinnigen Klavierbegleitung versehen von Arno Nadel, dessen Name einen guten Klang hat auf dem Gebiete d^r Musikwissenschaft; einzelne Sachen sind auch von Bogumil Zepler bearbeitet. Als Vortragende stellten sich gestern ausser Herrn Nadel am Klavier Fräulein K1 a i r e D a w i d o f f (Sopran), Fräulein Betty Tennenbaum (Violine) und Herr M. M a g i d s o n (Tenor) vor, durchweg erstklassige und warmblütige Künstler, die für die Sache selbst in ihren Leistungen die beste Propaganda machen. Die ersten seelenvollen Klänge der Geige stellten sofort die innigste Seelenverbindung mit dem Zuhörer dar. In sieben Liedern ohne Worte, schwermütigen chassidischen Weisen, denen sich ein köstlich humoristischer Schmolltanz hinzugesellte, gab Frl. Tennenbaum Proben einer reifen Vortragskunst. Frl. Dawidof f s — eine Schülerin Paul Knüpfers — biegsamer und schmiegsamer, sehr reichklingender Koloratursopran war für die Schlummerlieder, die neckischen oder schwermütigen Gesänge vortrefflich geeignet. Hinzu kam noch, dass die Sängerin die psalmodierende tonverbindende Singweise der Ghettosänger in vornehm-künstlerischer Art anwendete und die Charakteristik dieser Lyrik verschärfte, ohne aus dem Rahmen einer Kunstdarbietung zu fallen. Das Waisenlied, das sehnende „Aheem", das duftige „Kätzele rneins" und das mokantkomische „Di Bajke" („Die Mantille"), das waren Kabinettstückchen eigener Art. Ein temperamentvoller und vornehmer Interpret war auch Herr M a gidson, dessen Tenor lyrische Färbung. Kraft und Ausdrucksfähigkeit in seltener Weise