Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1193 - 1194 (sequence 2)
- Language
- German
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1193 t i v e r Kunst geschaffen hat. Ob man am Stile den Menschen erkennt, ist zweifelhaft; class sich aber in den Volksliedern die Psyche eines ganzen Volkes offenbart, ist gewiss. Besonders in den jüdischen Volksliedern spricht sich die Seele dieses müdgehetzten Volkes mit all seinen Sehnsüchten und Wünschen, seinen Träumen und Hoffnungen aus. Der Familiensinn und die Streitsucht, der Heldenmut und die Unterwürfigkeit, das Gottvertrauen und die Resignation, der einseitige Gelehrsamkeitskult und der praktische Sinn fürs Leben — alle diese Tugenden und Mängel des östlichen Juden treten in diesen Volksdichtungen deutlich zutage. Wie sind diese Volkslieder entstanden? Ja, sie sind entstanden, nicht geschaffen worden, muss die Antwort lauten. Sie sind nicht die literarischen Erzeugnisse eines Dichters, sondern die poetischen Ergüsse einer Volksseele. Diese Lieder entstanden, wie Bäume aus der Erde -wachsen. Wie Naturlaute klangen sie hervor aus dem jüdischen Herzen. Wie von selbst reihte sich ein Wort an das andere. Das merkt man am ehesten am jüdischen Wiegenlied. Darin sind alle Liebe und Zärtlichkeit, alle Wünsche und Hoffnungen ausgedrückt, die der Jude für sein Kind hegte. Die jüdischen Volkslieder sind keine Produkte der Dichtkunst. Sie sind Volkspoesie im p r im i - tivsten Sinne, regellos, sprunghaft, bald zum Himmel jauchzend, bald zu Tode betrübt — und doch steckt Methode darin. Die Verse dieser Lieder haben verrenkte Füsse, aber der Reim ist da, und den Rhythmus besorgt die Melodie. Da werden in dem einen Vers die Worte gedehnt, in dem andern drei Worte mit einemmal verschluckt — so gleicht sich das aus. Jedes jüdische Volkslied kam mit einer Melodie zur Welt. Es wurde sozusagen singend gedichtet. Der Text eines jüdischen Volksliedes ist nicht immer geschmackvoll, aber der begleitende Gesang fliesst weich und melodisch ins Ohr und von dem Ohr ins Herz. Es lässt sich leicht ermessen, welche Wirkung die Volkslieder auf die Juden des Ostens ausübten. Den jüdischen Volksliedern und Volksmelodien (Liedern ohne Worte) war ein Vortragsabend gewidmet, den Herr Leo Winz, Herausgeber der Zeitschrift „Ost und West1' am 18. ds. Mts. im grossen Saal des Curio-Hauses zu Hamburg veranstaltet hat. Wir können dieses Unternehmen nicht anders als verdienstvoll bezeichnen. Dieser Abend hat uns mit einer Anzahl schöner Lieder und Melodien bekannt gemacht. Volksweisen und Hoclizeitsliecler wechselten mit chassidischen Melodien ernster und heiterer Art. Die Mitwirkenden gaben ihr Bestes, wenngleich ihre Leistungen nicht immer gleichmässig auf das zahlreich erschienene Publikum wirkten. Die bekannte Geigerin Betty Tenuenbaura brachte einige Lieder ohne Worte mit grosser Innigkeit und künstlerischer Sicherheit zu Gehör; der Vorzug ihres Spiels besteht darin, dass sie nicht mehr geben will als was die Lieder selbst an Gefülilsmomenten und zarten Abtönungen bieten. Das gleiche lässt sich leider nicht von Herrn M. Magidson sagen. Er verfügt über eine äusserst sympathische Tenorstimme, nur macht sich bei ihm das Bestreben bemerkbar, aus den Volksliedern mehr herauszuschlagen, als in ihnen enthalten ist. Er müsste die Lieder etwas weniger abgetönt, etwas freier, beweglicher singen, um sie voll zur Geltung zu bringen. Trotz dieser kleinen Mängel waren die Darbietungen Magidson s eine schöne Leistung, die den starken Beifall, den sie allseits erntete, vollauf verdiente. Gefühlsinnig und mit echt künstlerischer Fertigkeit sang Bella F a 1 k - M i n t s c h i n mehrere reizende Lieder wie „Schlofsche, mein Vögele", ..Kätzele meins", „Die Bajke<w. und erntete wohlverdienten stürmischen Beifall. Zum Schhisse sei noch der feinsinnigen Begleitung am Klavier durch Arno Nadel gedacht, der auch die meisten Lieder liebevoll bearbeitet hat. POSEN „Posener Neuesie Nachrichten" v. 23. Nov. 1912-. Das jüdische Volkslied. Vortragsabend veranstaltet von der Redaktion von „Ost und Westu, unter Mitwirkung von C1 a i r e Dawidoff (Sopran), M. Magidson (Tenor), Betty T e n n e n b a u m (Violine). Am Klavier: Arno Nadel. Die Natur hat diejenigen, denen sie vergönnte, das Höchste in der Kunst auszusprechen, entweder mit Blindheit oder Taubheit geschlagen, wie Milton und Beethoven, oder sie verfehmt durch die Mitwelt schreiten lassen wie Dante und Wagner. Deutschland hat nie eine höhere Stufe des literarischen und musikalischen Schaffens erklommen, als da es politisch zerrissen war, national daniederlag. Sollte dasjenige Volk der Erde, auf dem die Hand des Schicksals zu allen Zeiten am schwersten gelastet hat, in seiner Vereinsamung nicht zu dem besten Zufluchtsmittel der Verzweifelten, zur künstlerischen Aussprache gegriffen haben!? D a s V e r d i c n s t , uns die Quellen der echt jüdischen Kunst erschlossen zu haben, gebührt den Herren Leo W i 11 z und A r n o N a d e 1, welch letzterer im Verein mit drei andern künstlerischen Persönlichkeiten uns gestern im Sternsehen Saale eine Reihe jüdischer Volksvoesien und Volksgesänge vorführte. Die zugrunde., liegenden Texte der vorgetragenen Werke sind in jenem Jargon abgefasst, der eine seltsame Mischung aus Deutsch, Russisch und Hebräisch bildet. Die Wirkung auf den vorurteilslosen Zuhörer ist durchaus keine experimentelle, sondern eine gesund natürliche w ege n d er u n v e r f ä 1 s c h t e n W a h r - h e i t und Tiefe der E m p f i n d u n g , und der Unmittelbarkeit des Ausdrucks, die in einer innigen Verwebung des Worts und der Tonsprache ihre Begründung findet. Die Erfinder der Weisen waren ersichtlich (gleich dem Verfasser des Reformationschorals)