Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 12 (Dezember 1912)
- Article
- Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
- Date
- 1912-12-01
- Page
- Seite 1191 - 1192 (sequence 1)
- Language
- German
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1191 1192 HAMBURG „Hamburgischer Correspondent" v. 19. Nov. 1912: Die Zeitschrift „Ost und West" macht für das Jüdische Y o 1 k sl i e d durch eine Vortragstournee Propaganda. Leo Winz, ihr Herausgeber, hat alle irgend erreichbaren Texte und Weisen gesammelt, Arno Nadel und Bogumil. Zepler haben den ursprünglich gar nicht oder nur primitiv harmonisierten Melodien ein Gewand bereitet, das konzertmassigen Ansprüchen gerecht wird. Die drei Herren haben mit dieser Sammlung, ganz abseits von den religionspolitischen und nationalen Zwecken, die sie damit usprünglich verfolgt haben mögen, ein künstlerisch und kulturpsychologisch bedeutsames Werk geschaffen. Das jüdische Volkslied stand bisher, trotz allen Interesses, das wir seit der romantischen Literaturepoche der internationalen Volkslyrik entgegenbringen, im Schatten. Nach den zahlreichen Proben aus der Winzschen Publikation zu schliessen, die gestern im grossen Saal des Curio - Hauses zu hören waren, braucht es einen Vergleich m i t de r Volkslied Produktion a n dere r X a ti o n e n nicht zu scheue n. Seine textlichen und musikalischen Motive sind ursprünglich, reich an elementar-menschlichem Empfindungsgehalt, der Ausdruck, den sie in den Gesängen finden, ist formal prägnant, oft von einer p a c k e n d e n dichterischen V i s i o n getragen und von jener, Tiefstes im Tone reiner Einfalt kündenden bildhaften Anschaulichkeit, wie sie nur dem Dichter in einem begnadeten Volksgeiste zu Gebote steht. Es ist die Inbrunst volle. Lyrik einer ewig bedrängten, religiös empfindsamen Nation, eines Volkes mit ausgeprägtem Heimatssinn, das keine Heimat hat, Lyrik aus dem Ghetto, aus dem freiwilligen oder aus einem unfreiwilligen. Sehnsucht nach Sonne, fanatischer Wille zur Fahne des Glaubens, Liebe zum Ueberkommenen, Mystik der Blutsgemeinschaft sind ihre Quellen. Gesänge, wie ..Die Zimbel", „Sehnsucht nach Jerusalem", „Das Peckele" oder „Solang du fiist keen Schmerzen4', gehören zu den ergreifendsten Gebilden, die die Volkspsyche aller Rassen je hat Ausdruck werden lassen. Yon den Ausführenden sei zuerst Frau B e 11 a F a 1 k - 31 i n t s c h i n genannt, eine Schülerin Therese Schnabels, die ihren leuchtkräftigen Sopran kunstmässig anwendet, den Ton volksliedermässiger Naivität glücklich trifft, dabei mit zwingender Fühlbarkeit zu charakterisieren weiss. Herr Magidson ist ein intelligenter Sänger, dessen Stimmkultur leider Wünsche unerfüllt lässt und der sich zudem einer allzugrossen Reserve befleissigt. Yon dieser Reserve wäre ein gut Teil dem Fräulein Betty Tennenb a u m zu wünschen, die Weisen, deren Texte nicht mehr erhalten, oder belanglos sind, auf der Geige vorträgt. Sie treibt Missbrauch mit dem Portamento und bevorzugt eine Tongebung, die in dem Bestreben nach sinnlicher Intensität die ästhetisch gebotenen Grenzen häufig ausser acht lässt. Am Klavier waltete Herr A r n o X a d e 1 verlässlich und mit musikalischem Yerständnis seines Amtes. Otto Reiner. * * * „Hamburger Nachrichten" v. 9. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Im grossen Saal des Curiohauses veranstaltete die Redaktion von „Ost und West*", einen Vortragsabend, an dem das jüdische Yolkslied in verschiedenen Formen vorgeführt wurde. Wie durch die ganze Musik der Slawen, auch in ihren heftigsten und leidenschaftlichsten Ergüssen, ein melancholischer Grundton mitklingt, so durchzieht auch die Weisen der jüdischen Yolksgesänge eine schwermütige, bedrückte und geknechtet berührende Stimmung. Die meistens in Moll gehaltenen Gesänge enthalten viele wirklich schöne Melodien. Die Bearbeitungen haben A r n o Nadel und Bogumil Zepler sachkundig und in interessierender Weise die Begleitung zu richtiger und angemessener Bedeutung hebend gestaltet. Durchaus talentierte und vornehme Kräfte machten sich in der Molinistin Betty Tennenb au m , der klangfrischen Sopranistin Bella F a 1 k - M i n t s c h i n und dem stimmkräftigen Tenor M. Ma g i d s o n um eine würdige Wiedergabe verdient. Der Beifall war herzlich und warm. * * * „Hamburger Fremdenblaü" v. 21. Xov. 1912: Das jüdische Yolkslied. In eine eigene Gefühlswelt führen die ,.Jüdischen Volkslieder", die am Montag im „Curiohaus" vorgetragen wurden. Eine Gefühlswelt, che in der Hauptsache vergangenen Epochen angehört. So ist ihr Wert vorwiegend kulturgeschichtlicher Art. Dessen wird sich auch die Redaktion von „Ost und West" bewusst sein, die durch eine Yortragstournee Propaganda für das „Jüdische Volkslied" zu machen sucht. Sie wird sich bewusst se in, dass sie nur das Interesse bestimmter Kreise wecken kann, aber auch deren Dank. Gesammelt sind Melodien und Texte von L e o Winz, die musikalische Bearbeitung stammt von Arno X a d e 1 und Bogumil Zepler. Aus dieser Sammlung sang Frau Bella Falk -Mintsc hin, eine Sopranistin mit schönen, gutgebildeten Mitteln der Stimme und des Ausdrucks, sowie der Tenorist M. M a - g i d s o n eine Reihe von Liedern. Allgemeiner verständlich als die an das Wort geknüpften Gesänge sind die für Violine bearbeiteten Melodien. Frl. Betty Tennenbaum S3tzte hinter den Vortrag dieser Stücke einen Ueberschwang des Gefühls, der nicht recht zu deren Einfachheit passte. Angemessen begleitete Herr Nadel am Klavier. * * * „Hamburger fsn. Familienblatt" v. 22. Nov. 1912: Das jüdische Volkslied. Das jüdische Volkslied gehört zu dem Schönsten, was je die Literatur eines Volkes a n p r i m i■