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Ost und West · 1912-12-01 · Heft 12 (Dezember 1912) · p. Seite 1181 - 1182

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 12 (Dezember 1912)
Article
Urteile der Presse über die "Jüdischen Volkslieder-Abende" [Kommentar]
Date
1912-12-01
Page
Seite 1181 - 1182 (sequence 1)
Language
German
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1181 1182 BRESLAU „Breslauer Zeitung" v. 6. Nov. 1912: Konzertabend. „Das jüdische Volkslied". Die Redaktion der Zeitschrift v0st und West", die schon seit Jahren in verdienstvoller Weise um die Herausgabe einer Sammlung „jüdischer Volksmelodien" in moderner, aber zugleich stilgemässer Bearbeitung bemüht ist, veranstaltete am Sonnabend einen Konzertabend, um die Wirkung dieser Musik in konzertmässiger Wiedergabe zu erproben. Es gelang, den vollgültigen Beweis dafür zu erbringen, dass der grösste Teil der vorgetragenen Lieder dem Programm eines jeden Volks Liederabends zur Zierde gereichen würde. Einzureihen wären sie zwischen Zigeunermusik und Lieder slawischen Ursprungs; denn sie bilden eine Art Mischklasse dieser beiden Typen. Was die jüdischen Lieder von den Produkten der Slawen wesentlich unterscheidet, ist der Text, der im Jargon abgefasst ist, und das äussere und innere Leben der Ghettobewolmer, bei denen er entstand, zum Vorwurf hat. Hierbei ist besonders auffällig und für die Beurteilung wichtig, dass den Stoff der spezifisch-jüdischen Texte meist ein religiöses Moment bildet. Es ist dies auch in einem Aufsatz in „Ost und West" (Februar 1912) von Herrn Dr. G. Levi ausgesprochen worden; es wird aufgezählt, wovon der Jude singt, „von Glück und Unglück, von der Liebe und Entsagung, von Not, von Armut. Diese letzteren Motive haben die jüdischen Volkslieder mit denen aller Völker gemeinsam, aber das religiöse Volkslied ist dem Juden eigentümlich''. — In den musikalischen Bearbeitungen, um die sich besonders Arno Nadel und B o g u m i 1 Zepler verdient gemacht haben, ist teils das Fremdartige verstärkt worden, teils lassen die Melodien nun einen starken „Hauch." des deutschen Kunstlied-„geistes verspüren". Gleich die drei ersten Lieder, die gesungen wurden, wiesen unverkennbare Achnlichkeiten mit Brahma' Liedstil auf. Von gleichmässigem Wert sind natürlich weder die Originale noch die Bearbeitungen; das elfte der gesungenen Lieder z. B. war ein Trinklied sehr, sehr niedrigen Ursprungs, und auch das vierte der „Lieder ohne Worte" zeichnete sich durch keine besondere Vornehmheit aus. Dieser letzteren Gattung kann überhaupt nur von einem Instrumentalisten mit sehr modulationsfähigem Ton zu einer ansprechenden Wirkung verholfen werden, während auch Sänger zweiten und dritten Ranges mit den meisten der Lieder wegen der Frische und Ursprünglichkeit der Erfindung einen schönen Eindruck hervorbringen könnten, leichter als mit manchem modernen überkomplizierten Kunstliede. Ueber die Ausführung ist zu sagen: Als wirkliche Künstlerin zeigte sich C 1 a i r e D a w i d o f f , die über einen schönen Mezzosopran und eine gute Tonbildung verfügt, vor allem aber durch Kraft und Beweglichkeit des Ausdrucks fesselte, xluch die weiche, blühende Tenorstimme des Herrn M a g i d s o n entzückte die Hörer, ebenso wie das Geigenspiel von Betty Tennenbaum, namentlich da, wo sie ihren grossen, glanzvollen Ton zeigen konnte. A r n o X a d e 1 bewährte sich als zuverlässiger, wenn auch zuweilen etwas trockener Begleiter. Das Publikum war von dem Gebotenen SO begeistert, dass es mit seinen Beifallskundgebungen nicht einmal die X a c h s p i e 1 e der Lieder ab w a r t e t e. A. W. # * * „Schfesische Zeitung, Breslau, v. 3. Xov. 1912. . Die Redaktion von „Ost und West" veranstaltete am Sonnabend im Kammermusiksale einen Vortragsabend, der dem Jüdischen Volksliede gewidmet war, und sie wird damit namentlich die für diesen Stoff besonders interessierten Kreise zu aufrichtigemDank verpflichtet haben. Der melancholische Charakter der jüdischen Volksweisen ist der Grundzug ihres Wesens. Daher ist auch ihr musikalischer Bau fast ausschliesslich auf das schwermütige Moll gestimmt, das auch da verwendet wird, wo der schmerzliche Ausdruck in einen heiteren, lustigen übergeht, wobei man aber wiederum erkennen muss, dass auch diese Stimmung gewissermassen „aus Tränen gekeltert ist". Wie in jedem echten Volksliede, so ist auch in dem jüdischen das musikalische Element aus dem Text heraus entstanden. Melodie und Inhalt gehen also eine innige Verschmelzung ein. Was aber diese Weisen von anderen Volksliedern unterscheidet, das ist die Art des melodischen Baues, der mehr rezitatorischen Charakter trägt, als dass er sich streng an die strophische Form des Textes hält. Zum Teil sind die Melodien uralten Ursprungs und haben sich durch die Tradition fortgeerbt und erhalten. Xeuere Elemente sind hinzugetreten. Durch Hinzufügung der harmonischen Unterlage, durch die Vereinigung mit dem Wort und musikalisch-formelle Bearbeitung sind diese Weisen für den Vortrag eingerichtet und dadurch der Vergessenheit entrissen worden. Was am Sonnabend abend geboten wurde, waren teils Volkslieder, teils als „Lieder ohne Worte" für Violine und Klavier bearbeitete Volksmelodien. Als Bearbeiter waren Arno X a d e 1 und Bogumil Zepler auf dem sehr instruktiv ausgestatteten Programm verzeichnet. Für die Ausführung desselben waren vollwert ige Kräfte gewonnen worden. Fräulein Ciaire D a w i d o f f wusste mit ihrem modulationsfähigen Sopran und mit bezwingender Anmut den geistigen Inhalt einer Reihe von Gesängen in recht überzeugender Weise wiederzugeben, so dass die reichen Beifallsbezeugungen, die nach jedem ihrer Vorträge einsetzten, wirklich ehrlich verdient waren. Auch bei dem Tenoristen, Herrn M. -Magidson, war die gesangliche Deklamation gut herausgearbeitet; nur störte bei ihm die zu starke Abhängigkeit vom gedruckten Text. Das künstlerisch hochentwickelte Violinspiel des Fräulein Betty Tennenbaum verschaffte den Liedern ohne Worte eine warme Aufnahme. Die Klavierbegleitung lag bei Herrn Arno X a d e 1 in guten Händen. A. * * #

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