Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- August von Wassermann
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1035 - 1036 (sequence 3)
- Language
- German
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1035 Dr. Hans Mühsam: August von Wassermann. 1036 in dem Rahmen dieses Aufsatzes nur die wichtigsten von ihnen erwähnen: Untersuchungen über den biochemischen Bau der Agglutinine, eine grosse Reihe von Arbeiten zur Stütze der Seitenkettentheorie, über bakterizide Immunität (zusammen mit Pfeiffer), über die Beziehungen des Serums zu NährstofiVn (zusammen mit Citron), eine Arbeit, welche in das Wesen der Assimilation der Nahrungsfctoffe Einblick gewährte und für gewisse konstitutionelle Krankheiten Erklärungen bot, eine Abhandlung über den Entstehungsort der Antikörper. Hier wäre auch das von Wassermann und Kolle herausgegebene Handbuch der pathogenen Mikroorganismen sowie die Mitarbeit an verschiedenen anderen Handbüchern zu erwähnen. In alier Erinnerung ist der Vortrag Wassermanns Ende Dezember 1911 in der medizinischen Gesellschaft über die Chemothei apie des Mäusekrebses. Während wir bisher den bösartigen Geschwulstbildungen völlig hilflos gegenüber standen, und weder für ihre Entstehung noch für ihr massloses Wachstum eine Erklärung, geschweige denn ein Mittel in der Hand hatten, gelang es Wassermann durch überaus scharfsinnige Kombinationen und unendliche Ausdauer ein Mittel zu finden, das von der Blutbahn aus seinen Weg zum Krebs findet und ihn zerstört. Wenn auch die Heilung des menschlichen Krebses noch ein ungelöstes Problem bleibt, so hat Wassermann doch die erste Stufe in den bisher unzugänglichen Fels der Heilung bösartiger Geschwülste geschlagen, und ohne Frage wird es gelingen, von dieser Stufe aus weiter emporzuklimmen und auch diese furchtbarste Krankheit zu überwinden. Wir dürfen stolz darauf sein, einen Sohn unseres Volkes unter den genialsten Entdeckern und den ersten Aerzten aller Jahrhunderte zu sehen, und das umsomehr, als Wassermann nicht nur dem Schicksal sondern auch dem Willen nach Jude ist, der treu zu seinem Volke steht und ein überzeugter und stolzer Anhänger des Judentums ist. Er ehrt damit die Tradition seiner Familie, in welcher jüdischer Geist stets lebendig war, und der eine Reihe gelehrter Rabbiner entstammt. Wassermann ist noch jung, und so dürfen wir von ihm noch viele grosse Leistungen erwarten, zum Heile der Menschheit und zum Stolze Israels! RESTE ALTHEBRAEISCHER MUSIK. Von Abraham Zewi Idel söhn-Jerusalem.*) 3. Der Gesang der babylonischen Juden. Die älteste jüdische Ansiecllung ausserhalb Palästinas, die geschichtlich nachweisbar ist, dürfte wohl die babylonische sein. In der babylonischen Juclenheit bildete sich, gleich nach der Zerstörung des Tempels, ein geistiges Zentrum, das zwei Jahrtausende hindurch blühte und noch bis auf den heutigen Tag fortbesteht. Denn auch jetzt noch sind in Bagdad Talmudschulen und Talmudgelehrte in grosser Anzahl zu finden, wie überhaupt die grosse jüdische Gemeinde in Bagdad, die ungefähr 50 000 Seelen zählt, geistig und kulturell alle anderen jüdischen Gemeinden des Orients weit überragt. Die mündliche Ueberlieferung der babyionischen Juden kann niemals unterbrochen worden sein; denn bei Auflösung der Geisteszentren in Sura und in Pumpadita zogen die jüdischen Kulturträger nach Bagdad und gründeten daselbst ein Heim für die jüdische Tradition und Gelehrsamkeit, das sie auch niemals mehr verbessern Wie die Geschichte uns mitteilt, erstreckte sich der Einflus? der babylonischen Juden weit über die Grenzen ihres Landes hinaus. Babylonische Gelehrte waren es, die jüdische Tradition und Wissenschaft nach Spanien verpflanzten und auch auf Aegypten und Italien ihren Eintluss ausübten. Deswegen stimmen auch die traditionellen Gelänge dieser jüdischen Gruppen überein. Merkwürdig ist es, dass die persischen Juden, obwohl den Babyloniern räumlich nahe, sich doch von innen in der hebräischen Aussprache und jm Gesänge unterscheiden, worin sie. wie die Jemeniten, mehr den polnischen Juden gleichen. Während die babylonischen Juden den Qamez „a", *) Siehe >;Cst m:d Wcs-f Hdt 6 m il 9 .T;:liip. XII. den Cholam ,.ok\ Milera und Mileel wie die Sefardim aussprechen, lesen die Jemeniten und Perser den Qamez ,,0", Cholam „ä—u" respektive ,,0—u"oder auch „e", Mileel und Milera wie die Aschkenasim. Der synagogale Gesang der bab37loni sehen Juden basiert auf zehn Weisen: 1. Pentateuchweise, 2. Prophetenweise, 3. Hoheliedweise, 4. Klageliedweise, 5. Psalmweise, 6. eine Weise für Ruth und Prediger, 7. Tefillaweise für Sabbat und die drei Feste, 8. Tefillaweise für die hohen Teste, 9. Selichaweise, und 10. Semirothweise. Der Synagogengesang der Babylonier gleicht dem Gesänge der Jemeniten und Perser sowohl in seinen Skalen, als auch in fast allen seinen Weisen, wie aus den Notenbeispielen zu ersehen ist. Beispiel Nr. 1 vergleicht die babylonische Pentateuchweise mit der polnischen Hohelied weise, die mit der persischen Pentateuch weise ebenfalls identisch ist. In Nr. 2 ist die Semirothweise der Babylonier mit derjenigen der Jemeniten verglichen. Nr. 3 gibt die Psalmweise, die eigentlich der Tefillaweise für die hohen Feste Nr. 6 ähnlich ist. Ebenso ist die babylonische Selichaweise mit derjenigen der Jemeniten und Perser identisch. Obwohl nun der synagogale Gesang dieser drei erörterten Gruppen auf einer gemeinsamen Grundlage beruht, unterscheidet sich doch der Gesang der Babylonier von demjenigen der anderen zwei Gruppen in einem Hauptzuge. Während der synagogale Gesang der Jemeniten und Perser durchwegs Gesang rezitierender Weisen geblieben ist und keine rhythmische Melodienformen angenommen hat, begegnen