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Ost und West · 1912-11-01 · Heft 11 (November 1912) · p. Seite 1033 - 1034

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 11 (November 1912)
Article
August von Wassermann
Date
1912-11-01
Page
Seite 1033 - 1034 (sequence 2)
Language
German
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ms Dr. Hans Mühsam: August von Wassermann. 1034 Wassermann zog aber sein bisheriges Arbeitsfeld vor und lehnte die Berufung ab. 1911 wurde er ordentlicher Honorarprofessor. Zahlreiche gelehrte Körperschaften zählen ihn mit Stolz zu ihren Ehrenmitgliedern und korrespondierenden Mitgliedern. In allerjüngster Zeit wurde er zum Director der Abteilung für experimentelle Therapie des neu gegründeten Kaiser Wilhelm Instituts ernannt. Schon diese kurze Skizze des äusseren Entwicklungsganges lässt die Bedeutung Wassermanns erkennen. Seine Leistungen an diesem Orte ausführlich zu besprechen, ist unmöglich, beträgt doch die Zahl seiner Veröffentlichungen mehr als zweihundert, abgesehen davon, dass ihr fach wissenschaftlicher Inhalt die Würdigung an dieser Stelle verbietet. Wir wollen uns deshalb auf diejenigen Arbeiten beschranken, welche ein über den Rahmen der Spezialwissenschaft hinausgehendes Interesse besitzen. Wassermann war der erste, welcher — an dem Beispiele des Bacillus pyocyaneus — den Unterschied zwischen antitoxischen und bakteriziden Seris1) nachwies, d. h. zwischen solchen, welche das von Bakterien abgesonderte Gift unschädlich machen, und solchen? welche die Bakterien selber angreifen. Die scharfe Präzisieiung dieses Unterschiedes ist von nachhaltigem Einflasse auf die gesamte Entwicklung der Immunitätslehre2) und von hoher praktischer Bedeutung geworden. Zusammen mit Ehrl ich arbeitete er sodann eine Wertbemessungsmethode für das Diphtherie - Heilserum aus, wodurch erst die praktische Verwertung ermöglicht wurde. Kurze Zeit später gelang ihm die Darstellung des ersten Typhusserum3, und bald darauf die Immunisierung von Tieren gegen Cholera. Eine seiner wichtigsten Arbeiten betraf den Nachweis der specifischen chemischen Bindung zwischen Organzellen und sogenannten antigenen Giften. Hier zeigte Wassermann am Beispiele des Tetanusgiftes3), warum bestimmte Organe von gewissen Erkrankungen mit Vorliebe befallen werden. Auf die Erkenntnis der engen Verwandtschaft des Krampfgiftes zum Zentralnervensystem stützen sich diejenigen Methoden, welche den Ausbruch des tötlichen Starrkrampfes zu verhindern sich bemühen. Von vielleicht noch grösserer Bedeutung für das praktische Leben ist die Ausarbeitung einer Methodik, um mit Hilfe spezifischer Sera das Eiweiss verschiedener Tierarten von einander unterscheiden zu können. Auf dieser Arbeit beruht nicht nur die Möglichkeit, Nahrungsmittel Verfälschungen zu erkennen, sondern auch -«Menschen- und Tierblut von einander zu unterscheiden- Beide Methoden sind wichtige Instrumente in der Hand "äer Justiz geworden. Chronologisch folgt auf diese *) Serum ist der Bestandteil des Blutes, welcher der Träger seiner entgiftenden und bakterienfein dlichen Schutzkräfte ist. 2) Immunisieren bedeutet: unempfänglich machen. 3) Der Tetanusbazillus ist der Erroger des Starrkrampfes. Untersucliungsreihe der Nachweis von Diphtherie - Antitoxin (Heilserum) bei Erwachsenen. Dadurch wurde der Umstand erklärt, dass die Diphtherie vorwiegend Kinder befällt. Zunächst nur der Landwirtschaft kam der Nachweis zu gute, dass sich die verschiedenen Stämme einer und derselben Bakterienart biologisch verschieden verhalten, sodass die zur Herstellung eines Schutzserums bestimmten Tiere mit möglichst vielen Stämmen einer;Bakterienart vorbehandelt werden müssen. Auf G-rund dieser Untersuchung stellte Wassermann zusammen mit Ostertag das für die Viehzucht so ausserordentlich wichtige polyvalente Schweineseuchenserum dar. Nach demselben Prinzip werden heutzutage auch die in der menschliehen Medizin gebrauchten Schutz - Sera erzeugt. Im Anschluss an die letztenvähnte Arbeit beschäftigte sich Wassermann mit den sogenannten künstlichen Aggressinen, das sind aus Bakterien durch gewisse Massnahmen extrahierbare Stoffe. Er wies nach, dass diesen ein hoher immunisatorischer Wert innewohnt, und dass es daher möglich ist, mit keimfreien Bakterienextrakten einen Schutz gegen Infektionskrankheiten zu erzielen. Insbesondere die Landwirtschaft hat aus dieser Entdeckung grossen Nutzen gezogen. Für die menschliche Pathologie war die darauffolgende Arbeit über eine Methode zur Gewinnung und Dosierung von G-enickstarreserum van Bedeutung. Seitdem ist die Sterblichkeit an dieser Krankheit beträchtlich gesunken. Die bisher unerklärte E» scheinung der sogenannten Tuberkulinreaktion wurde in einer zurzeit wohl von den meisten Aerzten akzeptierten Hypothese Wassermanns erklärt, welche, abgesehen von ihrem theoretischen Interesse, von hohem Wert für die Praxis geworden ist. Es folgte eine Arbeit über lokale Immunität, welche das Ergebnis lieferte, dass man mit geeigneten Präparaten die Haut lokal gegen Infektionserreger schützen kann. Im Jahre 1906 veröffentlichte Wassermann die Entdeckung, welche seinen Namen über die Fachkreise hinaus in aller Welt berühmt machte. Es ist die Methode, allein aus dem Blute eines Menschen den Nachweis seiner syphilitischen Erkrankung zu führen. Die „Serodiagnostik der Syphilis'" ist zu einem unentbehrlichen Hilfsmittel der ärztlichen Kunst geworden, sie hat sich in viertaus end fältiger Erfahrung bewährt. Nur mit ihrer Hilfe ist in zahllosen Fällen die Ursache einer dunklen Erkrankung entdeckt und der Kranke gerettet worden. Wie viele Menschen, welche der sicheren Erblindung entgegengingen, verdanken Wassermanns genialer Entdeckung ihr Augenlicht! Wie viele Lähmungen konnten beseitigt, wie viele schwere Operationen vermieden werden. Diese Entdeckung allein genügt, um Wassermanns Namen denen der grössten Wohltäter der Menschheit einzureihen! Eine grosse Reihe seiner Arbeiten hat dem Aasbau der Immunitätstheorie gedient, ohne ein unmittelbares praktisches Interesse zu gewinnen. Ich möchte deshalb

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