Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Die jüdische Korporation
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1031 - 1032 (sequence 3)
- Language
- German
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1031 Erwin Goldemann: Die jüdische Studentenschaft in Deutschland. 1032 unendlich viel niedriger war: der Rechtlose ist kein Edelmann. Manches hat sich seitdem gebessert. Wir wissen aber sehr gut, wie viel noch an der moralischgeistigen Persönlichkeit des Juden der Gegenwart zu arbeiten ist. Diese Arbeit zu leisten, ist Aufgabe des B. J. C. Er will unserem Volke eine neue Aristokratie erziehen. Eine Gruppe von Männern, die fähig und würdig sind, die Ersten der Nation zu sein. Einen moralischen Adel, der mit tiefem Ernst die ganze Fülle seiner Aufgaben erfasst hat. Das Resultat dieser Erziehung ist etwas durchaus Jüdisches: ein neuer und höherer jüdischer Typ. Alles andere sind nur Konsequenzen. Es ist klar, dass bei der heutigen Lage aus dem Optimatentum die Forderung höchster Anspannung aller Fähigkeiten im Dienste des jüdischen Volkes mit zwingender Kraft folgt. Diesem grossen Ziele hat die jüdische Korporation zu dienen; dem ordnet sich alles unter. Es gibt im B. J.C. keine Zweiheit von jüdischer Tendenz und korporativer Form. Diese erhält ihren Sinn ausschliesslich durch jene. Es geschieht, es ist nichts in ihr, was nicht mit unseren jüdischen Zwecken in engstem Zusammenhang steht; denn sonst wäre es wertlos. Jeder V. J. St. ist als Träger unseres Erziehungsideals ein starker Ausdruck des jüdischen Gedankens und darum auch bei aller Einheitlichkeit des B. J.C. nach innen und aussen durchaus selbständig. Die jüdische Korporation, als deren Prototyp der V. J. St. erscheint, ist die einzige Organisation im Judentum, die, wie ein Volk in vollkommener Gestalt d. i. ein Staat, ihre Mitglieder völlig in sich aufnimmt. Sie ist deshalb als ein Höhepunkt des jüdischen Lebens der Gegenwart anzusehen. Sie ist, weil sie national ist, nicht auf Zeit gegründet und auch nicht parteimässig an die Gegenwart gebunden, sondern ihre Aufgabe ist auf die unendliche Zukunft gerichtet, ist ewig, wie sie will, dass das jüdische Volk sei. — Völker in normaler Lage können sich viele Indifferente leisten, ohne Schaden an ihrem nationalen Leben zu nehmen. Sie sind befriedet und fest gefügt. Anders das jüdische Volk in seiner verzweifelten Situation; hier gestossen und getreten, dort zerbröckelnd. Wenn wir wollen, ist die Gefahr vorbei. Aber alle müssen wollen; jeder einzelne. — Heute trägt jeder Jude die volle Verantwortung für die Zukunft seines Volkes. Erwin Goldemann, Berlin. AUGUST VON WASSERMANN. Von Dr. Hans Mühsam, Berlin. Wie auch von Nichtjuden in letzter Zeit immer mehr anerkannt wird, basiert der Fortschritt der Kultur in den europäischen Ländern nicht zum geringsten Teile auf der geistigen Arbeit der Juden. Ihr Anteil wird nur aus dem Grunde weniger bemerkt und nicht in gehörigem Masse gewürdigt, weil die nationale Firmierung ihrer Leistungen unzutreffend ist. Arbeiten deutscher Juden werden als solche von Deutschen, Erfolge amerikanischer Juden als amerikanische registriert. Wollte man aber die bedeutenden Fortschritte, welche Juden in verschiedenen Ländern zu verdanken sind, als jüdische charakterisieren, so würde wohl kein anderes Volk mit dieser Liste konkurrieren können. Und dabei ist zu bedenken, dass infolge der Aussicht auf materielle Vorteile oft genug charakterschwache Personen aus der jüdischen Gemeinschaft ausscheiden, und wenn auch damit natürlich ein Aufgeben der jüdischen Stammeszugehörigkeit nicht verbunden sein kann, doch der Nachweis ihrer Zugehörigkeit zum jüdischen Volke erschwert wird. Es gehört heutzutage für einen strebsamen und begabten Mann ein nicht geringes Mass von G-radheit und Festigkeit dazu, um den Lockungen zu widerstehen, wrelehe ihn zum Uebertritte bewegen sollen. Aber gerade dabei zeigt es sich, dass wirkliche Genialität sich allein durchsetzt, ohne Rücksicht auf Förderung oder Zurücksetzung, ohne Benutzung von Schleichwegen. Zu solch hervorragenden Geh. Med.'Rat Prof. Dr. A. von Wassermann, und aufrechten Männern zählt unter vielen anderen Wassermann. Anlässlich seiner letzten bedeutenden Arbeiten sei es erlaubt, die Persönlichkeit dieses ausgezeichneten Forschers, welchen wir Juden mit Stolz einen der unseren nennen dürfen, an dieser Stelle zu besprechen. — Als Sohn des bayrischen Hofbankiers Angelo v. Wassermann in Bamberg 1866 geboren, trat Wassermann als junger Arzt in das Institut für Infektionskrankheiten ein, wo er unter Koch's Leitung bakteriologisch,unter derjenigen Ehrlich's biologisch arbeitete. Nachdem er sich zusammen mit Koch bei der Bekämpfung der Choleraepidemie ausgezeichnet hatte, wirkte er mehrere Jahre als Oberarzt an der Infektionsabteilung der Charite, um seither jede praktische Tätigkeit aufzugeben und ausschliesslich der Forschung zu leben. Nach kurzer Assistententätigkeit am Institut für Infektionskrankheiten rückte er bald zum AbteilungsVorsteher auf, habilitierte sich 1901 als Privatdozent an der Universität Berlin, und bekam schon im nächsten Jahre mit der Ernennung zum ausserordentlichen Professor den Lehrauftrag für experimentelle Therapie; nachdem er schon 1897 das Prädikat als Professor bekommen hatte, wurde er 1906 mit dem Titel Geheimer Medizinalrat ausgezeichnet, und 1909 erging an ihn der Ruf als ordentlicher Professor und Direktor des hygienischen Institutes an der Tierärztlichen Hochschule zu Berlin.