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Ost und West · 1912-11-01 · Heft 11 (November 1912) · p. Seite 1029 - 1030

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 11 (November 1912)
Article
Die jüdische Korporation
Date
1912-11-01
Page
Seite 1029 - 1030 (sequence 2)
Language
German
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1029 Erwin Goldemann: Die jüdische Studentenschaft in Deutschland. 1030 mehr gab, verloren viele Juden den Glauben daran und an sich; sie verfassen es. sie verloren das Bewusstsein ihrer jüdischen Art. Die einstürmende fremde Welt der Eindrücke stiess kaum auf Widerstand. Aus Juden wurden mit grosser Schnelligkeit Deutsche. Franzosen, Russen („Russen" sagten die jüdischen Deutschen; jene seihst nannten sich einstweilen noch Juden). Dies selbstmörderische Beginnen wurde durch den Antisemitismus nur wenig aufgehalten. Nachdem man Jahrzehnte hindurch Israel mit dem Schiffchen auf wildbewegtem Ozean, das allen Stürmen getrotzt habe und trotzen werde, verglichen hatte, merkte man, dass das „Schiffchen" nun doch zu sinken begann. Das Rätsel der jüdischen Diaspora schien einer ruhmlosen Lösung entgegenzugehen. Und diese Gefahr besteht noch, in diesem Augenblick: es ist die Schieksalsstunde. Soll das alte Volk der Juden vom Weltbild verschwinden oder soll es leben? Die Gegenwart wird die Entscheidung bringen. Wären wir Juden nun, weil wir im Moment keine grossen, alle packenden Werte produzierten, wirklich so nackt und bloss wie zu Beginn unserer Geschichte? Doch nicht ganz! Jeder von uns ist fünf oder sechs Jahrtausende alt. Die Zeiten haben uns einen geistigen und seelischen Habitus gegeben, der ewig ist, wenn wir wollen. Jahrtausende voll gemeinsamer Erinnerungen haben eine eigengeartete Disposition zu denken und zu fühlen, auf die Eindrücke der Umwelt zu reagieren erzeugt, die mit den Zeiten immer ausgeprägter wurde. Darüber hinaus positive Werte werden allerdings kaum geschaffen, so dass Pas manik den psychologischen Zustand des gegenwärtigen Judentums treffend ,,potentiellen Judaismus" nennt. Die Fähigkeit ist vorhanden, Eindrücke zu verarbeiten und unter normalen, mindestens günstigeren Umständen wieder schöpferisch zu sein. Dem ungeheuren Triumph des jüdischen Geistes, den die bisherige Herrschaft der Religion über die europäischen Völker bedeutet, könnten andere sich würdig anreihen. Martin Ruber erkennt die Grundtendenzen des jüdischen Volkscharakters in dem ..Streben nach einer im.ir.er vollkommeneren Verwirklichung dreier untereinander zusammenhängender Ideen: der Idee der Einheit, der Idee der Tat und der Idee der Zukunft". Der Jude sehe mehr den Zusammenhang der Erscheinungen als diese selbst, er sehe das Meer wahrhafter als die Welle; am Menschen sei ihm die Tat wesentlicher als das Erlebnis, im Mittelpunkte der jüdischen Religiosität stehe nicht der Glaube, sondern die Tat; sein Zeitsinn sei stärker entwickelt als sein Raumsinn, die malenden Epitheta der Bibel sprächen — im. Gegensatz z. B. zu den homerischen — nicht von Form und Farbe, sondern von Schall und Bewegung, der Zusammenhang der Generationen sei ihm ein stärkeres Lebensprinzip als der Genuss der Gegenwart. Dies ist sicher: noch besteht unsere Eigenart, wenn auch nur in der Form einer typischen Disposition. Damit ist das Beste unserer Persönlichkeit, der Kern unseres Seins bewahrt. Aber dies Beste, unser inneres Leben, ist ständig bedroht, und die Gefahr ist riesengross und wächst fortwährend. Unverständiger Sinn bohrt an unserer Eigenart und sieht nicht, dass ihr Verschwinden eine Verminderung der an Kulturtypen nicht allzu reichen Menschheit um. ein altes und charakteristisches Volk und — unseren Tod, unser ruhmloses Ende, bedeuten würde. Aber selbst wenn es gelänge, diesen inneren Feind, die Dummheit und Bosheit, zu bezwingen, bliebe die grösste, die wahrhaft atemraubende, herzbedrückende Gefahr noch unbekämpft. Diese unendliche -Gefahr besteht in unserer Vereinzelung. Wir leben als einzelne inmitten von Nichtjuden, Menschen eigener Art, und eines nichtjüdischen kulturellen Milieus. Und diese fremde Masse droht uns zu ersticken. Ihre Art umgibt uns ständig, dringt in uns ein, umbrandet unser Wesen. Wir entnehmen der Kultur der Umwelt wesentliche Bestandteile unserer Persönlichkeit. Die übernommenen Inhalte zeigen, soweit sie geistig sind (also nicht die naturwissenschaftlichen; die Serumtherapie hat auch noch niemandes Charakter beeinflusst), die deutliche Struktur ihres Ursprungs. Die Massenhaftigkeit und Ausschliesslichkeit dieser Eindrücke mindert schliesslich die Kraft, sie jüdisch zu verarbeiten: in jeder Generation ist die Persönlichkeit weniger jüdisch als in der vorhergehenden. Unsere Atomisierung muss auf die Dauer zu einer Schwächung unserer typischen Disposition und am Ende zu unserem \"er sc lrwinden füll ren. Die Einsicht in unsere und des-jüdischen Volkes Lage macht uns zur Aufgabe: Beseitigung der Vereinzelung, Zusammenfassung, Organisation. Dies gerade ist der Sinn der Organisation: Zusammenraffung aller Kräfte zur Erreichung des Gewollten. Der einzelne ist nichts, ein Atom, das wirkungslos in der Umwelt untergeht. Erst in der Zusammenfasssung kommt er zur Geltung, findet er sich potenziert wieder; da sind die vielen einzelnen nicht mehr Material, sondern ein Subjekt von Stärke und Stosskraft. Es genügt aber nicht irgend eine Organisation, deren wesentliches Prinzip der Jahresbeitrag ist. Unsere ungewöhnliche Lage, in der unser ganzes Wesen bedroht ist« uns aber das Leben gewonnen werden soll, fordert den ganzen Menschen, sein bestes Wollen und Können. Die Gründer des B. J. G., die klar und sicher aus dem Bowusstsein ihrer jüdischen Eigenart handelten, erkannten, dass dieser enge Zusammenschluss von Juden nötig sei, um die Gefahren der Vereinzelung zu bekämpfen. Sie schufen mit den B. J. C.-Korporationen eine neue Form jüdischen Lebens. Die jüdische Korporation hat eine Verminderung des Einflusses der äusseren Welt und positiv durch das ständige Aufeinanderwirken jüdischer Kräfte eine Verstärkung der jüdischen Disposition zur Folge. Sie immunisiert geradezu den einzelnen in einem erstaunlichen Masse gegen die Art der anderen, wie sich zeigt, wenn er wieder einmal Atom in der Masse der anderen ist. Die Korporationen im B. J. C., die Vereine Jüdischer Studenten wollen über die bewusste und gewollte Stärkung der jüdischen Disposition hinaus durch ihre Erziehungsarbeit eine Wertsteigerung des jüdischen Typs. Der moralische Status der Juden zur Zeit da sie das Ghetto verliessen, war sehr niedrig. Daran ist nichts wunderbar, als dass er nicht noch

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