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Ost und West · 1912-11-01 · Heft 11 (November 1912) · p. Seite 1025 - 1026

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 11 (November 1912)
Article
Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen
Date
1912-11-01
Page
Seite 1025 - 1026 (sequence 4)
Language
German
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1025 Dr. Max Steif: Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen. 1026 Gegensatz in der Auffassung religiöser Dinge, der, wenn auch nicht gerade überall zu einem förmlichen Bruche, so doch immerhin zu einer gewissen Beeinträchtigung der noch kurz zuvor so herzlichen Beziehungen zwischen Söhnen und Vätern führen mussten, ein Gegensatz, wie er vom sog. Aufklärungszeitalter angefangen bis auf unsere Tasre in bestimmten Literaturerzeugnissen auch seinen Niederschlag gefunden. Wie so manche dramatische Scene, hervorgerufen durch gegensätzliche Anschauungen auf religiösem Gebiete, mag sich da innerhalb der vier Wände abgespielt haben und noch heute dort abspielen, wo, wie in Osteuropa, die grosse Mehrheit noch streng und zähe selbst an nebensächlich erscheinenden Sitten und Gebräuchen hängt! Und wenn es auch nur dichterische Uebertreibung ist, dass ein Ferdinand von Saar in seinem „Seligman Hirsch'1 den Vater, „einen kulturlosen nach Wien eingewanderten Ghettojuden'4, weil er im Hause seines reichsewordenen Sohnes keine Stätte mehr findet, durch Selbstmord enden lässt, — zwischen zwei so verschiedenen Welten, dem Sohne, der sich restlos allem sogenannten Fortschritt in die Arme wirft, und den Vater, der von Brauch und Herkommen auch nicht das Geringste opfern will, kann es schwerlich eine Brücke geben. — Die hebräische Literatur der 60er und 70 er Jahre des vorigen Jahrhunderts, namentlich die Romaue Smolenskys und Braudes, enthalten einen Widerhall dieser Kämpfe, die sich mehr oder minder nur im Stillen abgespielt, bezwecken aber andererseits auch ihrer ganzen Tendenz nach zumeist eine Aenderung der ganzen Erziehungsmethode, die als veraltet und unzweckmässig den Forderangen einer anders gearteten Zeit nicht mehr entspreche. Auch hier ist übrigens die Wirkung von Ideen, wie sie in ausserjüdischen Kreisen (Turgenjew: „Väter und Söhne") entstanden, merklich zu verspüren. — Dass die moderne Zeit mit ihrem Anspruch des „Rechtes auf Persönlichkeit" auch der alten, früheren Innigkeit der Beziehungen zwischen Tätern und Söhnen Eintrag tat, wird man wohl nicht leugnen können. Selbst dort, wo Bildungsgang und höhere Kulturstufe es nicht vermuten Hessen, wird oft ein greller Misston vernehmbar, wie er gerade an solch exponierter Stelle wenig sympathisch berühren muss. Hören wir, wie z. B. ein Ferdinand Lassalle, der sich doch selbst berühmt, „so voll vom Atem reinster Vaterliebe" zu sein, sich gelegentlich gegenüber seinem Vater ausspricht. (Vgl. Intime Brh-fe F. Lassalles, Ed. Bernstein, Berlin 1905.) Schon die Ueberschrift: Mein Vater!, eines im Jahre 1847 aus dem Gefängnisse geschriebenen Briefes, in welchem er die Ausfolgung von 300 Talern an die Gräfin Sophie von Hatzfeld fordert, zeigt wenig von Ehrerbietung, deren Mangel im weiteren Verlauf des Schreibens noch mehr ersichtlich wird: „Tch glaube sicher sein zu können, dass Du diesen Wunsch schleunigst erfüllst. Ein Mensch, ein Sohn in einer Lage, wie der meinigen, hat das Ifccht zu verlangen, dass die, welche ihn lieben, dass sein Vater ein Verlangen, das er äussert, gewährt, wenn es irgend in der Möglichkeit liegt.....Ich kann nicht umhin, Dir meine kälteste und ernsteste Unzufriedenheit mit Deinem Benehmen seit Deiner Anwesenheit zu erkennen zu geben. . . . Als Dein Freund und Ratgeber warne ich Dich vor Geiz. Es ist das hässlichste Laster, er vertrocknet das Herz, er ist der Tod der Seele! er stinkt gen Himmel, er ist eine Pest des Geistes. — Ich wiederhole Dir, meine Bitte begründen und ausführlich rechtfertigen, kann ich nicht, denn ich bin gefangen. Eben daium sollst Du sie achten. ..." Entschuldigen Hesse sich ein solch hofmeisternder Ton nur aus der gereizten Stimmung eines wegen politischer Lappalien gleich ins Gefängnis Gesetzten, und dann hat auch Lassalle späterhin durch viefache Beweise aufrichtiger Kindesliebe gegen seinen „goldenen Papa" es gezeigt, wie dies aus demselben Briefwechsel hervorgeht, dass er in diesem Punkte gegen die herkömmliche Tradition doch nicht so ganz Verstössen. Merkwürdig mag dabei die Aehnlichkeit mit dem Vorgehen eines Bismarck erscheinen, mit dem Lassalle bekanntlich auch später vielfach in Beziehungen getreten, der nach jüngst veröffentlichten Briefen aus seiner Jugendzeit an seinen Freund gleichfalls von „unangenehmen Scenen mit seinem Alten" erzählt, weil dieser seine leichtfertigen Schulden nicht bezahlen wollte. Dieses versetzt mich in etwas menschenfeindliche Stimmung, ungeiähr wie Karl Moor, als er Räuber wird. . . Der Mangel ist so arg nicht, weil ich ungeheuren Kredit habe, welcher mir Gelegenheit gibt, liederlich zu leben; die Folge davon ist, dass ich blass und krank aussehe, was mein Alter, wenn ich Weihnachten nach Hanse komme, natürlich meinem Mangel an Subsistenzmitteln zuschreibe i wird; dann werde ich kräftig auftreten, werde sagen, dass ich lieber Mobamedaner werden, als länger Hunger leiden wolle, und so wird sich die Sache schon machen. . . ." So sehen wir, wie sich unmerklich aber stetig hier ein Eindringen fremder Anschauungen geltend macht, eine Art vorherrschend wird, wie sie ein Dichter unserer Tage in den Worten ausdrückt: Was auch an Liebe mir vom Vater ward, ich hab's ihm nicht vergolten, denn ich habe — als Kind noch nicht gekannt den Wert der Gabe — und ward als Mann dem Manne gleich und hart". Das „Jahrhundert des Kindes" hat innerhalb jüdischer Kreise zu bestehen eigentlich nie aufgehört, nur war es früher zugleich auch ein Jahrhundert der Eltern, des Vaters, und bei dem Umschwung, der sich jetzt altenthalben im jüdischen Leben vollzieht, darf man hoffen, dass auch das Verhältnis zwischen Vätern und Söhnen eine Wiedererstehung seiner alten, aber nicht veralteten Form erlangen wiid. — DIE JUEDISCHE STUDENTENSCHAFT IN DEUTSCHLAND. Der Teil der jüdischen Jugend, der zuerst sich organisierte, ist die Studentenschaft gewesen. Die Notwendigkeit, geschlossene jüdische Organisationen zu schaffen, machte sich zuerst in der akademischen Welt bemerkbar. Hier musste man einerseits die im Judentum wirksamen auflösenden Tendenzen, andererseits die masslosen Angriffe der Antisemiten, die die jüdische Geschichte in den achtziger und neunziger Jahren des neunzehnten Jahrhunderts kennzeichnen, besonders schwer empfinden. Es galt, ein jüdisches Milieu zu schaffen, welches die akademische Jugend mit jüdischen Werten erfüllen konnte und sie gleichzeitig befähigte, antisemitischen Angriffen

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