Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 11 (November 1912)
- Article
- Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen
- Date
- 1912-11-01
- Page
- Seite 1021 - 1022 (sequence 2)
- Language
- German
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1021 Dr. Max Steif: Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen. 1022 der eigentliche Sohn, da er keinerlei Zeichen von Niedergeschlagenheit an den Tag legt, mit Schimpf und Schande davongejagt wird. Dass jedoch zuweilen auch ein allzugrosser Selbständigkeitsdrang der Söhne solcher Väter, deren ständige Bevormundung in allen Dingen von ihnen als überflüssig oderj/lasüg empfunden ward, zu einer vorübergehenden Trübung beiderseitigen guten Einvernehmens führen konnte, davon mag als Beispiel der bereits oben erwähnte Samuel ibn Tibbon angeführt werden, dem kleinlich pedantische Anleitung dünkte, was doch nur übergrosser väterlicher Zärtlichkeit entsprang. Und so führte ihn Unwillen und Verdrossenheit über ein ständiges Gegängelt-werden dazu, sich in waghalsige Geschäfte einzulassen, anstatt der Heilkunde zu obliegen, bis der gänzliche Verlust seines Vermögens wieder eine Annäherung an den Vater zur Folge hatte. Bei alldem wird man nicht fehlgehen, den Typus des ungeratenen Sohnes als Ausnahmserscheinung hinzustellen. Wenn es in den Gesetzen Solons keines gegen den Vatermord gab, weil man eine solche Tat für etwas ganz Unmögliches hielt, so weiss wieder der Talmud zu berichten, dass, obwohl nach biblischer Vorschrift der Fall des „widerspenstigen Sohnes" nicht gerade ein seltener hätte sein müssen, man doch niemals in die Lage gekommen, freilich zufolge einer besonderen Auslegung jener Vorschrift, ein diesbezügliches Exempel zu statuieren. Hier mag allerdings auch die aussergewöhniiche jüdische Vaterliebe ein Wort mitgesprochen haben. Wie milde hören sich beispielsweise die Worte an, mit denen nach der Bibel ein Eli seine ungeratenen Söhne zurechtweist: „Nicht doch, meine Söhne, nicht gut ist das Gerücht, dass ich hören muss, dass ihr zur Sünde verleitet das Volk Gottes!" — Auch Samuel scheint seinen Söhnen gegen- MARGOT LIPMANN. Jynges Mädchen» (Nach einem Oelgemälde.) MARGOT LIPMANN. BERLIN. Bildnis eines Knaben« (Nach einem Oelgemälde.) über nicht gerade strenge seine väterliche Autorität gewahrt zu haben, und wahrhaft lührend klingt es, wenn David seinem Feldherrn Joab einschärfe, seinem rebellischen Sohne Absalom i»ur ja nichts zuleide zu tun, und hei der Nachricht von dessen Tode es ausruft: „Mein Sohn Absalom, ach, wäre ich nur statt deiner gestorben!44 — Von den näheren Gründen, die den Sohn eines R. Gerschom, der Leuchte des Exils (geboren um 960), bewogen haben, sich dem Judentum zu entziehen, sind wir nicht unterrichtet (es scheint hier, wie in den späteren Zeiten der Veifolgung, auch äusserer Druck Mitursache gewesen zu sein),*) aber wir erfahren, dass sich der Täter nicht dazu entschliessen konnte, den Fluch gegen ibn auszusprechen. Ja, das Vatergefühl siegte auch später über alle Erwägung, dass man für einen Sohn, der sich aus der jüdischen Gemeinschaft losgelöst, nach religiöser Vorschi ift nicht zu tlauern brauche, indem er beim Tode dieses Sohnes anstatt hieben Trauertage deren vierzehn abhielt. — Die Erscheinung, dass Söhne grosser Männer zuweilen so gar nichts von dem Geiste und Charakter ihier *) Dies mögen auch jene mannigfachen Sagen illustrieren, welche von Söhnen zu berichten wissen, die nach erzwungenem Uebertritte es zu hohen geistlichen Würden gebracht, und sich später insgeheim ihren Vätern zu erkennen gaben. (Vgl. die Sage vom jüdischen Papste bei Güdemann, Geschichte des Erziehungswesens und der Kultur der Juden in Italien). Auch von Leon Medigo Abarbanel (geb. um 1470) ist uns ein Klagelied über den lebendigen Tod seines ihm auf genannte Weise entrissenen Söhnchens erhalten.