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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 943 - 944

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Der erloschene Stern
Date
1912-10-01
Page
Seite 943 - 944 (sequence 5)
Language
German
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943 Sch. Gorelik: Der erloschene Stern. 944 blieben waren ihm nur die Schauspiel er manieren, die Pose und einige Reliquien — wie ein Ring mit grossen Smaragden, ein silbernes Zigarrenetui, das ihm die „Galerie" in Tiflis zu seinem Jubiläum geschenkt hatte, und ein Paar breite Manschettenknöpfe aus Elfenbein. „Ha, ha", lachte er, als er bemerkte, dass ich den Ring und das Zigarrenetui betrachtete. „Uns Künstlern sind die Geschenke der Galerie, das heisst des Volkes, heilig. Alles verkaufen wir, wenn's schlecht geht, alles tragen wir ins Leihhaus, nur diese Geschenke nicht. Das halten wir für unsere Ehrenpflicht. Und Sie sehen ja: So übel es mir auch schon ergangen ist, von dem Ring" und dem Zigarrenetui haV ich mich nicht getrennt.*• Noch ein Ding bemerkte ich, von dem er sich nicht trennen konnte, noch eine Schwäche: Die Zigarre. Er rauchte dicke, billige Zigarren. Er war bereits, das Portefeuille unter dem Arme, an der Tür, um wegzugehen, zögerte aber offenbar noch und begann dann mit leiser Stimme etwas zu stammeln. Zugleich drückten nicht nur seine Augen, sondern sein ganzes Gesicht eine ungeheure Müdigkeit aus, und es war nun nicht nur auf der Stirn sondern in allen Teilen von Runzeln und Falten bedeckt. Er sah, dass er offenherzig gegen mich sein und mir alles sagen dürfe. Seine Geschäfte gingen schiecht. Er hätte hier kein Konzert zustande gebracht. Vielleicht wäre es mir nun möglich, mit ihm eine Tournee durch die verschiedenen Städte des podolischen Gouvernements zu machen. Ichsolle etwas aus der jüdischenLiteratur vorlesen, uad er werde singen. Er kenne viele jüdische Lieder. Ich wies auf die Undurchführbarkeit des Planes hin, und 'er schüttelte zustimmend den Kopf. Ja, ja, ich hätte Recht. Das ginge nicht. Also, ich führe nach Kiew. Vielleicht würde ich ihm die Güte tun und dort seine Frau besuchen, — sie wohne im „Palais Royal44 — ihr Grüsse übei bringen und ihr sagen, dass er gute Aussichten auf ein Konzert in Wimitza habe, sich wohl fühle und hoffe, ihr bald etwas Geld schicken zu können. „Mit Vergnügen, mit Vergnügen", sage ich. Grigori Sawliewitsch schüttelt mir fest meine beiden Hände und will gehen, wendet sich aber doch noch einmal um und bringt mit tonloser, heiserer Stimme die Worte hervor: „Es steht sehr schlecht, mein Freund, sehr schlecht. Ich weiss nicht, wie ich mir heraushelfen soll. Bin einige Rubel im Hotel schuldig. Wenn ich wenigstens für ein Fahrbillett bis Schmerinka hätte." „Und von dort weiter?" frage ich ihn. „Von dort weiter? . . . Schmerinka ist eine grosse Station. Ein Zentralpunkt. Züge aus allen Ecken Russlands treffen sich dort. Ich werde einige Stunden warten, da werde ich wohl schon einen von meinen früheren Bekannten, von meinen Freunden, von KüDStlern treffen . . . Wenn ich nur vorläufig bis Schmerinka komme . . . IV. Es gelang schliesslich, seine kritische Lage ein wenig zu erleichtern. Morgen sollten wir abreisen; ich nach Kiew und er nach Schmerinka. Dort wollte er sehen, was zu tun sei. Vorläufig hoffte er, war in gehobener Stimmung. Wir beschlossen, den letzten Abend bei einem Glase Pun-sch in meinem Zimmer zu verbringen. Auch einige andere Gäste wurden eingeladen: Ein studierender Techniker, ein Zahnarzt und der Lehrer der Realschule. Der Mittelpunkt unseres kleinen Kreises war natürlich Grigori Sawliewitsch, der ehemalige Opernlöwe. Nach dem zweiten Glase Punsch bat er um Eriaubiis, den Rock ablegen zu dürfen, setzte sich rittlings auf den Stuhl und begann Geschichten aus seinen satten und hungrigen Jahren zu erzählen. Seine Stimme und sein Lachen hallten und in seinem Gesicht traten die charakteristischen Züge, der offene Ausdruck und der müde Blick, hervor. Jemand in unserer kleinen Gesellschaft erwähnte den Namen des berühmtesten Opernsängers der Gegenwart. „Ob ich ihn kenne? fragen Sie", begann Grigori Sawliewitsch. „Er hat ja bei mir im Chor gesungen. Ein grosser Künstler und ein guter Kerl. Aber man ist seiner niemals sicher. Eine von den breiten, russischen Naturen. So ist nun einmal das Land. So sind nun einmal die Menschen hier. Russland ist schön. Aber ebenso wie seine Leute. Man ist seiner nie sicher . . . Das letzte Mal sah ich ihn in Berlin. Wir begrüssten uns wie alte Freunde. Er war sehr zuvorkommend gegen mich und sagte gar oft: Ei, Gregori Sawliewitsch, wenn es viele solche Künstler gäbe, wie ich und du . . . Am Ende aber hatten wir doch Streit. Schuld war er. Er hatte seine Frau in meiner Gegenwart auf das Gröblichste beleidigt. Ich fühlte, dass er sich das nur leistete, weil ich Luft für ihn war, und sagte ihm, ohne auf meine kritische Lage Rücksicht zu nehmen, gehörig meine Meinung." „Und nun will ich nicht warten, bis du mich hinausjagst, sagte ich, sondern selber gehen." „Nein, nein, geh' nicht, mein lieber Gregori! rief er, umarmte mich und blickte mir eine Weile gerade in die Augen. Dann eilte er hinaus, indem er mich bat, auf ihn zu warten. Nach einer Weile kam er mit seiner Frau zurück, bat sie in meiner Gegenwart um Verzeihung, hierauf mich um Entschuldigung. Und wir blieben dann die ganze Nacht zusammen ... Sie fragen, ob ich ihn kenne. Er hat doch bei mir im Chor gesangen." Im Zimmer war es rauchig und warm. Der Samowar summte sein eintöniges Lied, und Grigori Sawliewitsch wurde nicht müde, zu erzählen. Das breite, offene Gesicht lächelte, und die Augen waren traurig und tränenfeucht . . . V. Grigori Sawliewitsch stand im Hotelflur, das Portefeuille unter dem Arm. Eine imposante Erscheinung. Er hatte nicht mehr genug Geld für ein Billett nach Schmerinka, und war unglücklich, weil er den Hoteldienern kein Trinkgeld geben konnte. Als man an dem wartenden Kellner vorbeiging, spielte ein leidender Zug um seinenMund. Aber man sah, wie er seine Gefühle Dekämpfte. Und er sagte etwas mit so erregter und vornehmer Stimmung, dass sich der Kellner verneigte: „Glückliche Reise, mein Herr." Während der ganzen Fahrt schwieg er. Aber sowie wir in die Nähe von Schmerinka kamen, begann er zu hasten nnd verlor seine frühere Sicherheit. „Also, wenn Sie nach Kiew kommen, bitte, vergessen Sie nicht, ins „Palais Royal" zu gehen und meiner Frau Grüsse zu überbringen. Sagen Sie ihr, dass ich alles was nur möglich ist, tue und die Hoffnung auf ein Konzert in Winnitza nicht verloren habe.44 Eine Handbewegung, ein trübes Lächeln, und er stieg aus dem Wagen. Als der Zag aus Schmerinka ausfuhr, winkte mir Grigori Sawliewitsch vom Perron aus zu, schüttelte den Kopf und machte eine Handbewegung. Ich verstand ihn: Er hatte noch niemanden gefunden. Ich weiss nicht, ob es ihm gelungen ist, ein Konzert in Winnitza zustande zu bringen. Aber ich bitte jedeD, den etwa der Zufall mit ihm zusammenführt, ihm freundlich zu begegnen, die Rezensionen über ihn za lesen, seine Geschichten anzuhören, und, sofern es nur langt, ihm einige Rubel zu borgen.

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