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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 927 - 928

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Die Propheten
Date
1912-10-01
Page
Seite 927 - 928 (sequence 3)
Language
German
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927 Binjamin Segel: Die Propheten. \ver die Wissenschaft und die Philosophie, (weil sie nicht auf jüdischem Boden gewachsen) als etwas Fremdes betrachtet, und von Pläto und Aristoteles nichts wissen will, 'weil sie-k-öine Juden waren, ist ein geistesträger Narr> und im Grunde ein Feind seines Volkes. Man muss in dieZeiten der tiefsten äussern und innern Not hinabsteigen, um jene schroffe und verbitterte AbschKessung gegen jede Regung der Weltkultur zu finden, die Herr Dr. L. uns predigt. Wer hätte ahnen mögen, dass der heilige Wunderrahbi von Beiz in Berlin WWW, in der Person des zerflossenen Schwiegersohnes der Frau Truth einen so eifrigen und fanatischen Parteigänger besitztl Aller Fortschritt menschlicher Zivilisation beruht darauf, dass die Völker gegenseitig bei einander alles Gute anerkennen und lieben lernen, die Erkenntnisse und Errungenschaften in Weisheit, Gesittung und Schönheit der-Nachbarn sich aneignen, also auf Assimilation. Aber der Ueberjude Artur Landsberger ist ein Gegner jeder Assimilation in jedweder Gestalt. Natürlich ausgenommen die Gestalt der Dolly Pinkus mit ihren 475 in Edelstein geschnitzten Miniaturelephanten und anderem edlem Getier, von denen uns der Fetter- oder Metternichts so viel: Erhebendes zu erzählen wusste. Da es nicht jedermann gegönnt ist, eine. Dolly mit 475 Elephanten und fünfmal so viel Huhderttausenden zu finden, die ihm den schmerzlichen Prozess der Assimilation versüsse, so sieht unser Prophet keinen Ausweg. Besonders geht ihm das Schicksal der 6—7 Millionen russischer Juden zu Herzen, bezüglich deren er ,,das ihnen vom russischen Generalgouverneur gestellte Prognostikon, nämlich dass y3 auswandern, y3 vei hungern, l/3 totgeschlagen werden wird", „durchaus ernst nimmt." Ein Prophet schaut in die Zukunft, Yergangenheit und Gegenwart braucht er nicht zu kennen. Das Wort hat nämlich nicht ein Generalgouverneur gesprochen, sondern der Prokuror des Heiligen Synod, Pobiedonoszew. Aber auch er hatte diese edle Weisheit nicht aus eignem geschöpft; denn sie stammt noch aus jener Zeit, als die Kirche im byzantinischem Reich den Vertilgungskampf gegen die damaligen Reste des jüdischen Volkes aufnahm. Das Diktum ist also schon an die 16 oder 17 Hundert Jahre alt. Wie glänzend es sich bewährt hat, sieht man ja. Unser Prophet könnte also ruhig schlafen. Vielleicht lohnt es sich aber, die Antwort zu erfahren, die Pobiedonoszew von seinem Hausjuden — er hatte einen solchen — zu hören bekam. „Dich schütze ich ja vor allen Verfolgungen'', sprach der Allgewaltige einmal zu seinem Hausjuden, „und zuweilen rette ich sogar einen andern Juden auf deine Fürbitte. Aber sag mir nur, was meinen die Juden dazu, was für ein Ende erwartet sie, da ich so'che blutige Verfolgungen über sie verhänge?*' — „Wenn ich Eurer Heiligkeit das sage, lassen Sie mich auf administrativem Wege nach Sibirien transportieren." — „Sprich frei. Es soll dir nichts geschehen. u— „Nun, die Juden sagen: budjet prazdnik (es wird ein Fest geben)." — „Was für ein Fest, dummer Jüd? Da ich euch ausrotte, aushungere und vertreibe!" — „Die Juden sagen, das war immer so. Zuerst kam Pharao, der rottete sie aus, am Ende gibts ein Fest, das ist Pesach. Dann kam Antiochos und rottete sie aus; jetzt gibts ein Fest, das ist Chänukka; dann kam Haman und rottete sie aus, jetzt gibts ein Fest, das ist Purim, Dann kamen noch allerlei Pharaone und Hamans, und allemal gabs ein Fest. -Aber diese Feste dauerten nur wenige Jahre und wurden bald von ^anderen verdrängt. Schliesslich kann man ja nicht das ganze Jahr Feste feiern. Also auch jetzt wird es ein Fest geben. So meinen die Juden, Eure Heiligkeit." So meinen die Juden tatsächlich, und so haben sie immei gemeint und sie haben Recht behalten. Sie werden hoffentlich auch kaltes Blut behalten .gegenüber den Unkenrufen des besorgten Propheten Landsberger, der versichert, „dass man damit wird rechnen müssen, dass in absehbarer Zeit beinahe die Hälfte aller lebenden Juden von der Erde verschwindet!!!" Nein, dass ist denn doch zu stark. Es wäre höchste Zeit, dass die berufenen Repräsentanten der deutschen Judenheit dem Rabenge krächze, welches seit einigen Jahren aus dem Lager solcher „neubekehrten," plötzlich erwachten Aüchjuden ertönt, endlich Schweigen gebieten.' Wie gesagt, es wird den Juden das Messer an die Kehle gelegt: entweder austaüfen oder auswandern, sonst gibts Konflikte! Diese Konflikte sind köstlich. Nämlich in der ganzen Welt sonst gibts nichts als eitel Harmonie, der Himmel hängt überall voller Geigen, die Menschen liegen sich allenthalben in den Armen und von Grenze zu Grenze hallen lauter Küsse und Liebesschwüre herüler und hinüber. Deutsche, Franzosen, Engländer, Irländer; Russen, Polen, Finnländer; Wallonen und Vlämen; Ungarn, Kroaten und Slovenen; Tschechen und Deutsche; Polen und Ruthengn; Christen und Mo* hammedaner; kurz, alle Nationen, Rassen und Glaubensbekenntnisse; alle Klassen: Bauern und Städter, Arbeiter und Kapitalisten tun nichts anderes, als unauthörlich um ihr gegenseitiges Wohl besorgt zu sein, als Beteuerungen der treuen Liebe und des innigsten Wohlwollens auszutauschen. In einer solchen Welt allein Konflikten ausgesetzt zu sein, wäre in der Tat für uns Juden zu hart! Seit zweitausend Jahren währen schon diese „Konflikte", die als Abschlachtungen, Hinmordungen, Scheiterhauten, Massenaustreibungen, Ausplünderungen in die Erscheinung traten. Noch nie ist es den Juden eingefallen, dieser Konflikte wegen die Frage nach dem Sein oder Nichtsein zu stellen. In Deutschland tobte ein Menschenalter lang der wütendste Antisemitismus, aber erst jetzt, da die Strömung sichtlich im Rückstauen begriffen ist, beginnt der zartnervige Prophet wegen der „Konflikte" um die Zukunft des Judentums zu bangen. Du lieber Himmel! Welch ein tapferes, unerschrockenes Geschlecht von Recken doch diese jüngsten, allerjüngsten Judenretter sind, die jetzt da wie Pilze aus dem Boden emporschiessen! Schlaf ruhig, Israel! Im Schatten dieser Titanen bist du geborgen.

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