Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 10 (Oktober 1912)
- Article
- Über die Notwendigkeit einer Genealogie jüdischer Familien
- Date
- 1912-10-01
- Page
- Seite 919 - 920 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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919 Felix Halle: lieber die Notwendigkeit einer. Genealogie jüdischer Familien. 920 E. van Becver; Interieur mit Brunnen. die Genealogie gibt mit dem Namen das Persönliche. Nur bei dem tarnen kann der Wissende an bestimmte Leistungen denken. Das käme nicht 'nur den akademischen Berufen zugute, sondern auch den kaufmännischen. Es ist mir entgegnet worden, es wäre überflüsssg, die grosse Beteiligung der Juden am Handel nachzuweisen, die wäre genugsam bekannt. Die Genealogie solL aber veranschaulichen, wie Juden gebandelt haben, mit welcher Intelligenz, nit welchem Fleisse und mit welcher Redlichkeit sie ihre Geschäfte aufgebaut haben, denn dieses ist noch nicht genügend gewürdigt worden. In der landläufigen Darstellung ist der Jude meist der Zwischenhändler; die Statistik ergibt, dass die Juden auch stark als Fabrikanten beteiligt sind. Gleichviel aber ob Handel oder Produktion, der Name der Firma erzählt, was die Statistik nicht mitteilen kann. Ein Beispiel sei gestattet. Die Statistik spricht von einer Geldschrankfabrik; Die Genealogie spricht von „Arnheim"; sie erzählt von einem kleinen jüdischen Schlossermeister, der zum Industriellen wurde, weil er so zuverlässig fabrizierte, dass sein Name ein sprachlicher Begriff wurde. Für die deutschen Juden wird der Wert einer Genealogie noch erhöht. Lässt sich doch die für sie wichtigste politische Frage, ob Juden geeignet sind, obrigkeitliche Aemter, insbesondere Offiziersteilen zu bekleiden, gerade durch eine Genealogie am besten beantworten. Wiederholt hat der Kriegsminister auf Interpellationen im Reichstage wegen ausgebliebener Beförderung eines jüdischen Offiziersaspiranten die Auskunft gegeben: ,,Die Familie des Bewerbers eigne sich nicht". Diese Antwort wird bei dem Vorhandensein einer gedruckten Genealogie unmöglich sein. Es ist bei der gegenwärtigen Praxis zunächst zu befürchten, dass, wenn die Familie tadellos ist, persönliche Mängel des Zurückgesetzten als Ursache angeführt werden. Aber ein genealogisches Handbuch zeigt nicht den Zustand einiger weniger, sondern hunderter Familien. Eine solche Zusammenstellung hat grössere, nachhaltigere Wirkung, als der einzelne, immer erledigte Fall. Sie wird dem verständigen Prüfer beweisen, dass eine sehr grosse Zahl jüdischer Familien, die das Christentum nicht angenommen haben, dennoch ihrer ganzen sozialen Struktur nach geeignet sind, obrigkeitliche Beamte und Offiziere dem Staat zu stellen. Sie wird die Erkenntnis fördern, dass es nicht nur den Juden gegenüber ein Unrecht ist, sie ihrer Ileligion wegen auszuschalten, sondern, dass die Nichtverwendung befähigter Personen im Staatsdienst ein Verstoss gegen das allgemeine Staatswohl ist. Mit Deutlichkeit wird hervorgehen, dass der Staat die soziale Arbeit der Juden durch Verleihung von Orden und Titeln als nützlich anerkennt. Das geht so weit, dass man den Begabtesten verhältnismässig sehr hohe Auszeichnungen erteilt, um sie für die Vorenthaltung der ihren Fähigkeiten entsprechenden Aemter zu entschädigen. Während aber die Verleihung des Ratscharakters oder eines entsprechend hohen Ordens an den Vater, den Söhnen christlicher Familien die Offiziers- und Beamtenlaufbahn eröffnet, ist die Nachwirkung für die Söhne jüdischer Häuser völlig belanglos. Dadurch wird dem Aufstiege der Juden eine künstliche Grenze gesetzt, was zur Folge hat, das sie in nur wenige Berufe zusammengedrängt werden. Dass dieser Zustand bei ihrer agilen Geistestätigkeit eine radikale, oft falsche politische Gesinnung zeitigt, ist selbstverständlich. So gewichtiges Material wie die Genealogie jüdischer Familien kann auf die Dauer nicht unbeachtet bleiben. Es muss der Tag kommen, an dem die von dem preussischen Staatsministerium zu Anfang de* sechziger Jahre vorgenommene Untersuchung über die Zulassung der Juden zu den Staatsämtern wieder aufgenommen