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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 909 - 910

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Über nervöse Entartung bei den Juden
Date
1912-10-01
Page
Seite 909 - 910 (sequence 3)
Language
German
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909 Dr. Arnold Kutzinski: Ueber nervöse Entartung bei den Juden. 910 der Juden an der Gesamtbevölkerung, so z. B. in ßerlin (4,8 %) mit ihrem Prozentsatz an Geisteskranken 3,4 %, so scheint es, als ob die übliche Anschauung von der Häufigkeit der Geistesstörungen bei den Juden nicht gerechtfertigt wäre. Wir haben es hier aber mit. einer grossen Fehlerquelle zu tun, denn in Grossstädten bilden die alkoholischen Geistesstörungen einen hohen Prozentsatz der Geisteskrankheiten, während bei den Juden der Alkoholismus kaum eine Rolle spielt. Um also eine brauchbare Statistik zu gewinnen, wäre es erforderlich, vergleichende Werte für die einzelnen Krankheitszustände zu schaffen. Bringt man bei einem Vergleich den hohen Prozentsatz der alkoholischen Geistesstörungen bei Nichtjuden in Abzug, so könnte man vermuten, dass doch eine tatsächliche Vermehrung der Geisteskrankheiten bei den Juden besteht. So ergibt denn auch die Durchschnittsberechnung Sicheis 2,8 % geisteskranke Juden in Deutschland, während sie nur 1 % der gesamten Bevölkerung bilden. Aber auch diese Zahl führt bezüglich der Frage der nervösen Entartung zu Trugschlüssen. Wir dürfen nämlich nicht vernachlässigen, dass wir ohne Zweifel im Vergleich zu unsern Wirtsvölkern noch reizsamer als diese sind. Wir haben aber gesehen, dass die Reizsamkeit durch ein exogenes Moment hervorgerufen wird. Dabei soll nicht bestritten werden, dass die jüdische Rasse eine gewisse Disposition zu Affektpsychosen besitzt. Man darf aber hieraus nicht eine erhöhte Neigung zu psychischen Erkrankungen überhaupt folgern. Affektpsychosen werden ebenso häufig bei andern affektiven Völkern und Rassen, wie Franzosen, Romanen und Slawen beobachtet. Ein bestimmtes Urteil ist auf diesem schwierigen Gebiet z. Zt. noch nicht abzugeben. Soviel ist aber gewiss, dass man sich hüten muss, vorschnell eine besondere Disposition der Juden zu Geisteskrankheiten anzunehmen. Das ist ebensowenig gerechtfertigt, wie die bis zum Ueberdruss vorgebrachte Behauptung von der Zunahme der Geisteskrankheiten überhaupt. Noch irriger ist aber die übliche Methodik, die erbliche Belastung als Hauptursache hinzustellen und aus ihrem Vorhandensein umgekehrt die Degeneration der Rasse zu folgern. Die bereits zitierten Zahlen von Diem u. a. widerlegen diese alt eingewurzelten Irrtümer. Dass der Belastung als ätiologisches Moment eine bedeutsame Rolle zukommt, wird nicht bestritten. Aherdie Schlussfolgerung ist falsch. Man hat die Inzucht als Ursache der Degeneration der Juden hingestellt. Die kurz skizzierten, diffizilen Untersuchungen haben gezeigt, wie übertrieben alle Befürchtungen sind. Die Inzucht übt nicht nur einen nivellierenden, sondern einen ebenso stark auslesenden, die günstigen Anlagen steigernden Einfluss aus. W7enn eine Zunahme der Geisteskrankheiten der Juden nun doch stattfindet, so muss sie also — wie bereits hervorgehoben — in exogenen Momenten ihre Ursache haben. Da die Juden noch reizsamer, nervöser als ihre Umgebung sind, so treten bei ihnen noch häufiger als bei ihren Wirtsvölkern, nervöse Erkrankungen auf. Worauf ist nun diese zurückzuführen? Es ist üblich, die ungünstigen Lebensbedingungen im Ghetto dafür verantwortlich zu machen. Aber Berichte aus dem Ghetto über geistige Erkrankungen sind nach Sichel nur spärlich vorhanden. Trotz aller Misshelligkeiten, trotz aller Lebensenge scheint die Geschlossenheit der religiösen Lebensweise und der Familiensinn ein beruhigendes Aequivalent gebildet zu haben. Es liegt daher näher, sich der Vermutung Sicheis anzuschliessen, dass der jähe Uebergang aus dem Ghetto, aus der Abgeschlossenheit in das allgemeine Dasein, sowie die erschwerten Bedingungen, unter denen die Juden dort um ihre Existenz ringen müssen, die erhöhte nervöse Reizsamkeit bewirkt haben. Auf diese Ursachen ist auch die grosse Beteiligung der Juden am Selbstmord zurückzuführen. Eine gewisse Analogie finden wir in dem unheilvollen Einfluss, den die Zivilisation auf die Neger ausgeübt hat. Auch dort scheint der jähe Uebergang aus einer Lebensweise in die andere die Zahl der psychischen Störungen gesteigert zu haben. Natürlich ist der Inhalt der Psychosen, dem verschiedenen Kulturniveau der beiden Rassen entsprechend, völlig heterogen. Zusammenfassend können wir heute sagen, dass die Frage nach den Ursachen der Geistesstörungen noch nicht spruchreif ist, wie überhaupt die vorgetragenen Ansichten noch nicht den Charakter der abgeschlossenen Erkenntnis tragen. Aber das ist gewiss: Eine vermehrte Vererbung der Geisteskrankheiten, die zugleich ein Zeichen der Entartung sein winde, ist nicht zu befürchten. Die gesteigerte Reizsamkeit ist als eine soziale Erscheinung anzusehen, und, wenn neuere Mitteilungen nicht trügerisch sind, so ist es wahrscheinlich, dass bereits eine Abnahme der Reizsamkeit einsetzt. Wichtiger und bedrohlicher als die Gefahr der Degeneration durch nervöse Entartung ist die Einführung des Zweikindersystems in die jüdische Gemeinschaft. Dieses System kann allerdings, wenn nicht rechtzeitig Vorbeugungen dagegen getroffen werden, die jüdische Rasse in ihrer Erhaltung gefährden. —

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