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Ost und West · 1912-10-01 · Heft 10 (Oktober 1912) · p. Seite 907 - 908

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 10 (Oktober 1912)
Article
Über nervöse Entartung bei den Juden
Date
1912-10-01
Page
Seite 907 - 908 (sequence 2)
Language
German
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907 Dr. Arnold Kutzinski: Ueber nervöse Entartung bei den Juden, 908 in sich begreift. Der Pathologe Ribbert hebt hierzu hervor, dass krankhafte Zustände nicht zu wesentlichen, typischen Eigenschaften des Menschengeschlechtes werden. Die Menschheit als ganzes schüttelt gleichsam die Krankheit wieder von sich ab. Schon Virchow hat davor gewarnt, das Merkmal der Wiederholung einer Eigenschaft in der nächsten Generation als Beweis der Erblichkeit zu betrachten. Man pflegte sich auf die Statistik zu stützen. Neuere Vergleiche der Prozentzahlen lehren aberv wie wenig Unterschiede zwischen der erblichen Belastung von Gesunden und Geisteskranken bestehen. Diem fand 78,2% erblicher Belastung bei den Insassen einer Irrenanstalt, 66,9 % bei einer gleichgrossen Gruppe gesunder Menschen. Die Werte ändern sich, wenn nur die erblichen Beziehungen zu den Eltern berücksichtigt werden (in derselben Statistik sind 50,3 % 3i der Kranken, 33 % der Gesunden belastet). Diese Unterschiede werden durch die allgemeinen Vererbungsgesetze ausreichend erklärt. Es versteht sich von selbst, dass die Geisteskrankheit des Vetters nicht die gleiche Belastungsgefahr als die der Eltern bedeutet. Auch andere Forschungsmethoden, wie die Untersuchung der Stammbäume bestimmter Elternpaare, sowie der Ahnenreihen bestimmter Personen bestätigen das, was aus der biologischen Erblichkeitslehre bereits bekannt ist. Am besten werden die Resultate durch die Worte Strohmeyers illustriert: „Weder einseitige schwere erbliche Belastung noch Inzucht brauchen zur Degeneration zu führen, sondern nur das Zusammentreffen zweier gleichsinniger Erbschaftskadres wird verhängnisvoll. Nicht die gehäufte Belastung an sich, sondern nur das Zusammentreffen identischer, pathologischer Erkrankungen kann zur Entartung führen/' Nicht eine von Geschlecht zu Geschlecht zunehmende Verstärkung, sondern <une fortgesetzte Verdünnung der Krankheitsanlagen ist die Regel. Die pathologischen Eigenschaften haben nicht mehr Chancen als die gesunden, sich durchzusetzen. Deshalb besteht die Wahrscheinlichkeit der geistigen Erkrankungen nur für den, der von beiden Eltern gleichsinnig belastet ist. Die Bedeutung der Inzucht für die Entstellung von Geisteskrankheiten ist stets falsch bewertet worden. Sie verstärkt sowohl die guten, wie die schlechten Vererbungstendenzen. Mit andern Worten: Sie kann sowohl zur Verbesserung wie zur Degeneration der Art führen, indem sie die schon vorhandenen Anlogen addiert. Also erst dort, wo bereits schwächende Momente vorhanden sind, wird die Art noch weiter verschlechtert. Jn mittelbarem Zusammenhang mit der Frage der nervösen Entartung steht das Problem der Ausrottung der Resten. Diese würde notwendigerweise, wenn auch keine Entartung im psychiatrischen Sinne, so doch eine allmähliche Verschlechterung der Rasse zur Folge haben. Bekanntlich behauptete Lorenz, Fahlbeck u. a., dass die gesteigerte intellektuelle Tätigkeit eine Abnahme der Fruchtbarkeit mit sich bringt. Gegen diese Besorgnis hat man aber den berechtigten Einwand erhoben, dass die Erneuerung der Besten durch die unteren Volksschichten einer Verschlechterung vorbeugt. Zu einer anderen Beurteilung kommt man aber, wenn man sich der Hypothese von Wortmann, Wilser u. a. anschliesst. Diese Autoren beanspruchen für die langköpfigen Germanen das Vorrecht, alle Kulturwerte geschaffen zu haben. Da die Langschädel infolge der starken Mischung im Aussterben begriffen sind, während die Breitschädel zunehmen, so sei eine allgemeine Entartung zu befürchten. Die vage Beweisführung der genannten Autoren hat Zollschan genügend beleuchtet. An dieser Stelle genügt es, darauf aufmerksam zu machen, dass noch Virchow im Gegensatz zur obigen Anschauung die Rundköpfe als die intellektuell Leistungsfähigsten bezeichnet hat. Ueberdies waren Schopenhauer und Kant Breitschädel, Luther und Goethe Mischlinge. Auch der schädigende Einfluss der Kultur ist nicht einwandfrei nachzuweisen. Die geläufigen Ansichten hierüber spiegeln sich in den Worten Ribots wieder: „Jede Rasse birgt bei ihrer Entstehung ein gewisses Mass von Lebenskraft in sich. Sobald dieser Vorrat an Lebenskraft und Anlagen sich zu erschöpfen beginnt, tritt der Verfall ein. Derartige Aeusserungen sind in der Tatsache begründet, dass alle Kulturvölker, sobald sie einen bestimmten Höhepunkt der Entwicklung überschritten hatten, anderen, frischen Völkern weichen mussten. Dass aber diese Erfahrung nicht als eine notwendige Folge der Entartung aufzufassen ist, lehrt uns die Geschichte der Chinesen. Es liegt näher, den Verfall der alten Kulturvölker der Semiten, der Griechen und Römer auf ihre soziale Lage zurückzuführen. Ob dabei auch die Aench - rung in der Zusammensetzung des Volkes eine Rolle spielt, erscheint höchst ungewiss und muss erst durch weitere Forschungen klar gelegt werden. Die veränderten und komplizierten Lebensbedingungen haben die Menschen reizsamer gemacht. Kraepelin schreibt selbst bei Geistesstörungen, diewie die Paralyse durch exogene Momente verursacht werden, den Schädigungen des modernen Lebens grosse Bedeutung zu. Es bleibt dabei gleichgültig, ob diese Schädlichkeiten allmählich oder jäh und unvermittelt einwirken. Erbliche Geistes¬ und Nervenkrankheiten werden also stets auftreten, nur werden sie nicht zunehmen, denn die kranken Eigenschaften unterliegen denselben Vererbungsgesetzen, wie die gesunden und der Nachweis der Vererbung einer erworbenen Nervosität ist nicht erbracht worden. Wir sind reizsamer geworden. Dieses Resultat der jüngsten Forschungen berührt sich mit den Anschauungen Lamprechts. Dieser fasst die gesteigerte Reaktionsweise als das Merkmal eines Uebergangszustandes auf. Die Furcht vor Entartung ist daher unberechtigt. Sie stellt nur die zufällige Form dar, in der sich die pessimistische Grundstimmung der jetzigen LTebergangsepoche äussert. Will man die obigen Resultate auf die jüdische Rasse anwenden, so ist es zweckmässig, von dem tatsächlich Gegebenen auszugehen. Schon hier stossen wir auf Schwierigkeiten. Die statischen Angaben sind nur mit Vorsicht zu verwerten. Auch Sichel (in seiner kleinen Schrift: Geistesstörungen bei den Juden) warnt davor, den Zahlen eine grosse Bedeutung beizulegen. Vergleicht man den prozentualen Anteil

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