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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 863 - 864

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Das Volkserziehungswerk der Alliance Israélite Universelle
Date
1912-09-01
Page
Seite 863 - 864 (sequence 2)
Language
German
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863 Das Volkserziehungswerk der Alliance Israelite Universelle. 864 Handel und Arbeit brachten wenig ein, so dass einige junge Leute nach vollendetem Schulkursus auf gut Glück nach Südamerika auswanderten, wo ihnen die Kenntnis der spanischen Sprache das Vorwärtskommen erleichterte. Die Erfolge der ersten Amerikafahrer ermutigten die Zurückbleibenden und so kam es, dass seit 40 Jahren alljährlich eine Anzahl von aus der Schule abgehenden jungen Leutennach der Republik Argentinien, nach Brasilien, Chile, Peru, Venezuela und den Antillen auswanderte. Ihre Ausdauer,Mässigkeit und ihre sittlichen Vorzüge sicherten ihren Erfolg. Heute gibt es im ganzen lateinischen Amerika wohl keine Stadt und keine bedeutendere Ortschaft* in denen nicht ehemalige Zöglinge von Tetuan leben; in manchen Städten bilden sie eine ganz ansehnliche Gemeinde. Nachdem sie drei oder vier Jahre in Amerika gewesen sind, pflegen die Auswanderer nach Tetuan zurückzukommen und sich hier zu verheiraten. Einige kehren danach zu endgültiger Niederlassung nach Amerika zurück, andere bleiben in Marokko und nutzen ihre Tüchtigkeit und ihre Ersparnisse durch Beteiligung am marokkanischen Handel. Die Auswanderer vergessen auch in der Fremde ihre Heimat nicht; sie unterstützen ihre Familien auf das grossrnütigste. Diesen reichen Zuschüssen ist es zu danken, dass die wirtschaftliche Lage der Gemeinde Tetuan sich vollständig geändert und gebessert hat, dass das Wohlleben jetzt auf die Not gefolgt ist. Wenden wir uns nun an das äusserste Ende der Türkei, nach Bagdad in Mesopotamien. Dort hatte die Alliance zu Anfang dieselben Schwierigkeiten zu besiegen wie in Tetuan. Auch hier hat es eine vollständige Umwälzung gegeben. Der Handel der Stadt Bagdad ist heute ganz und gar in den Händen der ehemaligen Allianceschüler. Ebenso wie in Tetuan sind die Zöglinge der Allianceschulen von Bagdad vielfach ausgewandert, zum grossen Teil nach dem äussersten Osten. Man findet sie in Aegypten, in Britisch-Indien, in Hongkong und Schanghai und in allen chinesischen Hafenstädten, die dem auswärtigen Handel offen stehen; die Kenntnis der englischen Sprache ist ihnen für ihre dortigen Beziehungen von grossem Wert gewesen. Die jungen Israeliten, die in Bagdad die Allianceschulen besucht haben, pflegen in den chinesischen und ostindischen Handelsstädten freundschaftliche- Fühlung zu halten und sich in ihren geschäftlichen Unternehmungen gegenseitig zu fördern und zu unterstützen. Wenn man sich eine Uebersicht über die Ergebnisse des Schulwerks der Alliance verschaffen will, muss man die geistige und sittliche Bedeutung der Städte, die bis jetzt noch keine Schulen haben, mit dem Stand vergleichen, in dem die mit Schulen versehenen Städte sich befinden. In den ersten wird der Unterricht der Jugend dem Zufall oder der Laune einiger rückständiger und unwissender hebräischer Sprachlehrer überlassen; die Talmud-Thora, in denen diese sogenannten Lehrer ihre Kinder zusammenstopfen, sind unsaubere, licht- und luftlose Höhlen, wo das Kind verdummen und verkommen muss. Ausserdem kümmert man sich nur um die Knaben; für die Mädchen gibt es überhaupt keine Schule, sie wachsen ohne jeden Unterricht heran und lernen nicht einmal ihre Gebete lesen. So folgt eine Generation auf die andere ohne jede Aenderung in der materiellen und sittlichen Lage der Familien. Es muss zugegeben werden, dass die Schule keine unmittelbare Besserung.. und Veränderung bringt, denn sie muss vorsichtig und klug vorgehen, wenn ihre Tätigkeit von andauernder Wirkung bleiben soll. Aber welche Wandlung ist nach zwanzig oder dreissig Jahren erzielt worden! Die verschiedenen Generationen, die nacheinander auf den Schulbänken gesessen und dort den Elementarunterricht genossen haben, sind heute von dem/moralischen Wert der modernen Kultur durchdrungen und das Beispiel, das sie den zurückgebliebenen Glaubensgenossen geben, bildet das beste Propagandamittel für den Unterricht. Es macht den Eindruck, als wäre die Bevölkerung plötzlich aus langem Schlummer erwacht. Die früheren Schüler der Allianceschulen erhalten die besten Anstellungen und aus ihren Reihen rekrutieren sich die einflussreichsten und einsichtsvollsten Mitglieder der Gemeindevorstände. Dank ihrer Anregung werden zahlreiche Wohlfahrtsvereine gegründet, die die verstreuten Kräfte sammeln und wichtige Einrichtungen zu schaffen bestrebt sind: hier eine Poliklinik oder selbst ein Krankenhaus, dort Hifsvereine und andere, bisher unbekannte Institutionen. Das Ansehen der Schulen ist so allgemein und so bedeutend, dass schon die blosse Begründung einer Schule den Christen und Mohammedanern grössere Achtung für die vordem so erniedrigten und demütigen Juden einflösst. Als bedeutsames Merkmal muss festgestellt werden, dass selbst bei den schlimmsten Unruhen und in den unzivilisiertesten Gegenden niemals ein Angriff gegen eine Schule der Alliance oder gegen ihre Lehrer versucht worden ist. Sie waren allerdings immer dem moralischen Schutz der europäischen Konsulate unterstellt, ihren Hauptschutz aber bildet das Ansehen, das sie sich selbst zu schaffen verstanden. Ein Beispiel davon haben wir in Persien gehabt. Das Vorhandensein der Schule und der von der Alliance geschickten europäischen Lehrer verbürgt die Sicherheit der Israeliten und schüchterte selbst die zahlreichen Anstifter von Aufruhr und Gewalttaten ein, die früher ungestraft^ die Juden misshandeln und berauben durften. Der Einfluss der Schulen erstreckt sich weit über die Städte hinaus, in denen sie bestehen, er bestrahlt oft die ganze Provinz und beschützt Gut und Blut der armseligen jüdischen Hausierer, die ihr Geschäft in die entferntesten Dörfer führt. Die erzieherische Tätigkeit der Alliance hätte keinen so bedeutenden Erfolg haben können,

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