Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Das Volkserziehungswerk der Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 861 - 862 (sequence 1)
- Language
- German
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861 862 CW\\\w'"'irfffi MITTEILUNGEN des Cenrral-Comires der S Alliance Jsrd^Iite Universelle rnj m D^yy^r btr\w Bureau des Central Comites: ParisA5,Rue laBruyere^Mp^Deursches Bureau: Oiarlortenburg, Grolman-S<rA&_ DAS VOLKSERZIEHUNGSWERK DER ALLIANCE ISRAELITE UNIVERSELLE. Als die Alliance Israelite Universelle im Jahre 1860 begründet wurde, hat keiner der dabei Beteiligten, nicht einmal die Gründer selbst, ahnen können, dass sie sich eines Tages zu einem so bedeutsamen Werk der Volkserziehung in den mohammedanischen Ländern ausgestalten sollte, dass die wirtschaftliche und moralische Lage der dort verstreuten zahlreichen jüdischen Gemeinden dadurch eine vollständige Wandlung erfahren würde. Die Alliance hatte zu Anfang dem Hauptzweck dienen sollen, eine internationale Organisation zum Schutz der Israeliten, zur Verteidigung ihrer Rechte und vor allem zur Durchführung ihrer politischen Gleichberechtigung ins Leben zu rufen. Als man aber der Sache näher ging und die Lebensbedingungen der jüdischen Niederlassungen genauer prüfte, kam man zu der Erkenntnis, dass dies nicht der einzige Zweck der Alliance bleiben durfte, dass man nicht nur die Unduldsamkeit der Feinde, sondern auch die Unwissenheit der Juden selbst zu bekämpfen hatte, da sie infolge der jahrhundertelangen Verfolgungen und geistigen Unterdrückung noch nicht die zum Genuss der Freiheit erforderliche Reife erlangt hatten. Diese bei den Begründern der Alliance noch nicht ganz deutliche Ueberzeugung befestigte sich, nachdem der englirche Notable Peixiotto im Jahre 1861 Marokko bereist und der Alliance einen eingehenden Bericht über die traurige Lage der marokkanischen Juden erstattet hatte. Danach war es die dringende Pflicht der Israeliten Europas, die marokkanischen Juden nicht nur gegen den Fanatismus der Araber und die Willkür der Behörden zu schützen, sondern auch sie durch Begründung von Schulen ihrem moralischen Elend zu entreissen. Dieser Gedanke des Herrn Peixiotto entsprach so vollständig der Auffassung der Begründer der Alliance über die Hebung der Juden, dass er sofort Wurzel fasste. Schon das Jahr 1862 sah die erste Allianceschule in Marokko, in der am meisten rückständigen und beinahe ärmsten Stadt des ganzen Landes. Es ist nicht gut möglich, die durch die Schulen erlangten Fortschritte und die Umwälzungen in den Gemeinden anschaulich zu schildern, dazu müsste man jede Gemeinde einzeln studieren und alle Veränderungen aufzählen, die durch die Einführung des Unterrichts entstanden sind. Die ungeheure Ausdehnung des Schulnetzes der Alliance, die Ungleichheit der Gebiete, in denen das Unterrichtswerk ausgeübt wird, die Verschiedenheit des Klimas, der Sitten und der wirtschaftlichen Lage geben zusammen so unendliche verschiedene Resultate, dass ein Gesamtbild nicht herzustellen ist. Wir müssen uns hier darauf beschränken, die Tätigkeit und den Erfolg der beiden ältesten Allianceschulen zu schildern, der 1862 begründeten Schule in Tetuan und der 1865 in Bagdad eröffneten Schule. Die Gemeinde Tetuan ist eines der treffendsten Beispiele für die Wandlung, die das langsame aber stetige Wirken der Alliance in Marokko geschaffen hat. Es gab keine tiefer stehende, keine ungebildetere Gemeinde; die arme und abergläubische Bevölkerung bekämpfte jeden Fortschritt mit ihrem stumpfen Widerstand. Wenn man es auch nicht gewagt hat, den kühnen Schulvorsteher zu steinigen, der den armen Leuten etwas Licht zu bringen versuchte, so hat man doch alle Mittel angewendet, ihn zu entmutigen und zurückzustossen. In den Augen dieser zurückgebliebenen Geister konnte eine Schule nichts anderes bedeuten als einen Herd der Unfrömmigkeit, die Kinder sollten lieber in den feuchten, luftlosen Talmud-Thora-Räumen zusammengepfercht bleiben und unter der Fuchtel eines schablonenhaften Rabbiners Bibelverse herunterleiern. Aber auch hier wie anderwärts war das Licht nicht ganz erloschen; selbst in den zurückgebliebensten Ge meinden trifft man einige auserwählte Seelen, die den fruchtbaren Gedanken der jüdischen Gelehrten im Gemüte bewahrt haben, den Gedanken, „dass die Welt durch die Schule gerettet werden wird". Dank dem Einfluss einiger Männer von Herz gewann die Schule bald Sympathien, die Leute gewöhnten sich allmählich daran und die Eltern fingen an, ihren Nutzen zu begreifen. In Tetuan war die Not unter den Juden sehr gross gewesen,