Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Einiges über das Verhältnis jüdischer Väter zu ihren Söhnen
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 835 - 836 (sequence 1)
- Language
- German
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835 836 EINIGES UEBER DAS VERHAELTNIS JUEDISCHER VAETER ZU IHREN SOEHNEN. Von Dr. Max Steif. Sage und Dichtkunst der alten Völker, die ja oftmals nur ein Spiegelbild wirklichen Lebens sind, räumen der Gestalt der Mutter einen unverhältnismässig breiteren Raum ein als der des Vaters, wissen mehr von mütterlicher Liebe und Zärtlichkeit iür ihren Sohn zu berichten, wie von einer solchen des Vaters, wie sie denn überhaupt letzteren gerne eher als Verkörperung der Strenge, einer kühl abweisenden Autorität hinstellen. Wem in Bezug anf aufopferungsvolle Hingabe für ihr Kind der Vorzug gebührt, dem jüdischen Vater oder der jüdischen Mutter, mag bei den zahllosen Beispielen dieser Art, die iür beide zutreffen, eine müssige Frage sein, umso merkwürdiger aber muss es erscheinen, dass die doch sicherlich auf tieferer Seelenkenntnis beruhende Bibel ebenso wie zahlreiche Aussprüche des Talmud den Schluss zulassen, als ob die Liebe des Vaters zum Sohne eine grössere wie die der Mutter sei, und andererseits auch die Zuneigung des Sohnes mehr dem Vater gelte, eine Einseitigkeit, der nach dem Ausspruche eines alten Lehrers schon die Form der Abfassung der G-ebote über Eiternverehrung dadurch vorbeugen wollte, indem hier das eine Mal der Vater, das andere Mal die Matter an erster Stelle angeführt wird. Immer wieder ist es nur dieVaterliebe, die uns im jüdischen Schrifttum entgegentritt und die daselbst seltener hörbar werdenden Klänge des Mutterherzens fast ganz übertönt, so dass, wenn die Bibel uns die besondere Fürsorge Gottes für sein Volk zur klarsten Anschauung bringen will, sie hierfür kein treffenderes Bild zu wählen weiss als das Verhältnis des liebenden Vaters zu seinem Sohne, und ein Gesetzeslehrer es gelegentlich einmal ausruft: ,,Gibt es einen Vater, der seinen Sohn hassen oder ihm auch nur neidisch gesinnt wäre? * Damit stehen auch wohl vereinzelt vorkommende, gegenteilige Erscheinungen der jüdischen Geschichte nicht im Widerspruche; denn die feindseligen Ausbrüche des gegen seinen Sohn Jonathan ergrimmten Sauls sind im letzten Grande doch nichts anderes als Entladungen eines von trübster Besorgnis um die Zukunft des eigetien Sohnes erfüllten Vaterherzens, und das einer späteren Zeit angehörende, jedem Vatergefühl hohnsprechende Vorgehen eines Herodes, der grausam kalten Blutes auf blossem Verdacht hin den Befehl zur Ermordung der eigenen Söhne erliess, kann ganz gewiss nur auf Rechnung seiner nichtjüdischen Herkunft gesetzt werden. Bei der Selbstverständlichkeit jüdischer Vaterliebe hätte es auch die Bibel für überflüssig befanden, diese in den einzelnen Fällen besonders anzuführen, wenn sie dabei nicht die Nebenabsicht verfolgt haben würde, (wie beispielsweise bei Isaak und E-au, Jakoh und Josel) es damit zu zeigen, dass jede auf falschen Voraussetzungen beruhende oder einseitige väterliche Zuneigung auch ihre Schattenseiten habe, ja sogar verhängnisvolle Folge Wirkungen nach sich ziehen könne. Doch wenn auch nirgend anderwärts das Dichterwort : „Nicht Fleisch und Blut, das Herz macht uns zu Vätern und Söhnen" so sehr Geltung besitzt, wie im jüdischen Volke, es gab für manchen Vater gleichwohl Augenblicke, in welchen die Liebe zum Kinde vor höheren Erwägungen zurücktrat. Feinfühlenden Männern, wie einem Akabja b. Mahalalel, mochte es widerstreben, dass ihre Söhne einzig nur dem Gewichte ihrer Persönlichkeit, ihrem allgewaltigem Einflüsse ihr Fortkommen verdanken sollten, und so bekam der den Vater um eine Empfehlung für dessen Kollegen angehende Sohn die heutzutage wohl etwas unbegreifliche Antwort: ,. Deine eigenen Taten werden dich ihnen näherbringen, deine eigenen Handlungen von ihnen fernhalten.'4 Oder, wenn der in spanischer Zeit lebende R. Isak Alfassi (gest. 1103), obwohl er selbst einen gelehrten Solin besessen, der seiner Nachfolge im Rabbineramte nicht unwürdig gewesen wäre, seinem Jünger Josef ibn Migasch vor diesem den Vorzug einräumte.— Aber es gab zuweilen noch viel ernstere Konflikte, in welche die Vaterliebe geraten konnte. Und es mag an den Römer Lucius Junius Brutus erinnern, dessen Vaterlandstreue bekanntlich soweit ging, selbst die eigenen rebellischen Söhne hinrichten zu lassen, wenn uns von Simon b. Schetach berichtet wird, da^s er, weil es der streng gesetzliche Standpnnkt so verlangte, mit Unterdrückung jedes Vatergefühls das Leben des eigenen Sohnes preisgegeben, wobei noch bewunderungswürdiger das Verhalten des letzteren erscheint, der furchtlos alle Bedenken des Vaters mit den Worten zu verscheuchen sachte: „Willst du, dass das Heil Israels durch deine Hand befestigt werde, so betrachte mich als eine Schwelle, auf welche man ohne Bedauern tritt." Einen ähnlichen Widerstreit väterlicher Liebe und verantwortlichen Pflichtgefühls bei dem in vormohamedanischer Zeit lebenden jüdischen arabischen Dichter und Burgherrn Samuel ibn Adija (um 500) hat auch der bekannte deutsche Dichter Rückert zum Vorwurf genommen. „Tue, was du willst!", soll Samuel ibn Adija dem auf Auslieferung der ihm von Freundeshand anvertrauten Kettenpanzer beharrenden Feinde, der bei Verweigerung seiner Forderung das als Geisel gefangene Söhnchen Samuels zu töten drohte, gesagt haben, „Verrat ist ein Halsband, das nicht rostet, und mein Sohn hat Brüder."— Wie indessen jede echte Liebe sich weniger in Worten als in Taten aasdrückt, so hat auch die jüdische Vaterliebe namentlich in der angelegentlichen Fürsorge für die Ausbildung des Sohnes ihren Ausdruck gefunden, die nicht bloss darauf bedacht war, ihn in der Gotteslehre, sondern auch fürs praktische Leben ausbilden, ihn auch gewisse, für dasselbe notwendige Fertigkeiten, wie z. B. Schwimmen sich aneignen zu lassen. Freilich, der sehnlichste Wunsch jedes Vaters war es, seinen Sohn zum Gelehrten heranbilden zu lassen, und die Klage eines Salomo AJami in seinem „Iggereth Mussar" aus dem 15. Jahrhundert, „dass alle Klassen ihre Söhne lieber dem niedrigsten Handwerk zuwenden, als sie zum Studium des Gesetzes anzuhalten,11 mag wohl, wie die Art mancher Sittenprediger einer Verfallszeit, ein wenig übertrieben sein. . Denn nirgends wie bei den Juden findet sich eine solch ausserordentliche Schätzung der Gelehrsamkeit, und wie selbst in bewegten Zeiten allgemeiner Unsicherheit die einzige Sorge jüdischer Väter die Vervollkomnung der Ausbildung ihrer Söhne im Gesetzesstudium gebildet, davon mögen unter anderem auch die unläDgst publizierten „Jüdische Privatbriefe aus dem Jahre 1619" von zwei Wiener Gelehrten Dr, Alfr. Landau und Dr. B. Wachstein Zeugnis ablegen. Da heisst es in einem dieser Schreiben von einem Mann namens Salomon Auerbach an seinen Sohn Mosche in der Ausdrucksweise damaliger Zeit: „Liber son Mosche, bit dich, gedenk in eine soliche Zeit, das man nit aus noch ein kan dich ein wenig geniten (zu plasren). bist nun gros genügen, las dich dinken, bist in Polen, mus man auch auf der