Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 9 (September 1912)
- Article
- Leo Bakst
- Date
- 1912-09-01
- Page
- Seite 815 - 816 (sequence 3)
- Language
- German
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815 Paul Barchan: Leo Bakst. 816 LEO BAKST. Künstlern (ge-; m^mL \ gen hohe Preijetm^-f^t^'i se) Kunstblät- [■< ..... v ter bestellte und diese in sorgfältigster Technik - als Postkarten reproduzierte. Doch zu vollster Blüte entfaltete sich Baksr, als das bis dahin in stiller Zurückgezogenheit hinter demRücken des grossen Publikums und der Künstler sich konservierende Ballett sich zu regen begann, eine Art Wiedergeburt erlebte, bis der genialische, kunstrevolutionäre, phantasiereiche Fokin das Ballett zu neuem Leben erweckte und ihm neue, kühne Bahnen zu ebnen begann. Hier fingen auch ein paar Künstler, vorzüglich Bakst und Benois, an, sich dem Ballett zu widmen und einen grossen Einfluss darauf auszuüben. Als dann das Unternehmen der Auslandsgastspiele des russischen Balletts gegründet wurde, begann für Bakst eine reiche Tätigkeit. Er inszenierte „Cleopatra", eine glutvolle Dekoration in orange und orangerot, ein monumentales Tor mit mächtigen Karyathyden, Kostüme in blau uud braun und gold, altägyptisch. Süsse Sachen, biedermeierisch, zart, schwärmerisch, sentimental und steif-graziös zu Schumanns „Carneval". Jetzt kamen „Derhl.Sebastian"vonD,Annunzio, die Balletts „Daphnis en Cloeu, „Apres midi d'un Faune" und „Thomas", „Narcisse". Diese letzten habe ich nicht gesehen und kann nur berichten, dass sie grossen Erfolg hatten. Im Jahre 1911 veranstaltete er eine Kollektivausstellung im Pavillon Mason (Louvre), auf der sämtliche Zeichnungen ausverkauft wurden; die Skizze zur „Scheherazade" wurde vom französischen Staat erworben. In der Ausstattung zu diesem Ballett entfaltete Bakst eine beispiellose Pracht der Farben, erreichte eine Freiheit und einen Schwung, wie man ihn in der Bühnenfarbigkeit wohl kaum bis dahin gekannt hatte. Giftiggrüne Vorhänge mit lapislazuliblauem Hintergrund, tiefrote Teppiche und zinnoberrote, tief violette und gelbe Flecken, knapp, ökonomisch und kräftig im Zusammenklang, darauf bewegen sich und toben die Odalisken und Sultaninnen in orangegelb, in lila-rosa um die Neger... Ein lebendig gewordener Traum des Orients. Es ist als ob hier das uralte semitische Blut in Bakst erwacht wäre. Diese Farbenfreudigkeit, die die Juden auf den Jeune divinite („Narcisse"). ST. PETERSBURG. LEO BAKST. WMB;&%?) Wanderungen und in Not und Elend verlernt haben, scheint in diesem Künstler zu neuem Leben erwacht zu sein. Und von derselben semitisch orientalischen Art ist seine Vorliebe für die Ueppigkeit,die strotzenden Formen seiner Frauen, die weichen runden Arme, die schwellenden Busen, die mütterlich warmen grossen Augen, das alles ist weder erkünstelt, noch brutal oder gar überreizt, das ist ehrlich, gesund-jüdisch, von der Bibel her. Fruchtbar und gesegnet. Und wie er beispielsweise in dieser „Scheherazade", wo es nottut, bei den meist zierlichen russischen Ballettänzerinnen die Ueppigkeit vorgaugelt: er umwindet, umrahmt die Gesichtchen mit Schleiern, so dass sie rund erscheinen, er steckt die Beine in blass-rosa Trikot und darüber bauschige, lilarosige Odalisken - Grazehosen, und die nackt erscheinenden Beine schimmern in fleischlicher Pracht. Yon solch semitischem Wesen ist seine Sinnlichkeit, eine breite, langatmige Sinnlichkeit, fern von jener „Pikanterie" des Westens, und von dem schmerzlich Wollüstigen, wühlend Bohrendem des Slaventums . . . Lew Somojlo witsch Bakst (Rosenberg; dasPseudonym nahm er, wenn ich nicht irre, von seiner Mutter, die eine geborene Bakst war) wurde 1868 geboren. Lernte auf der Petersburger Akademie der Künste, die er, ohne sie zu absolvieren, verliess, arbeitete 1892 in Paris bei Julien. Kehrte dann nach drei Jahren nach Russland zurück, dem er 1895 wieder den Rücken wandte, um in Paris bei dem bekannten finnischen Maler Edelfeldt zu arbeiten. Schuf auf Bestellung der russischen Regierung für das Marine-Museum zu Petersburg das Oelgemälde „Der Einzug des Admiral Abelan in Paris". Stellt seit 1904 im Pariser Salon d'Automne aus, dessen Mitglied er ist. Hat verschiedene Auszeichnungen (gold. Medaillen) erhalten. Als junger Knabe wurde er getauft, als jedoch während der russichen Revolution für eine Weile die Gewissensfreiheit proklamiert wurde, beeilte er sich wieder zum Judentum überzutreten, was unter seinen Freunden mit grösster Genugtuung, ja mit Dankbarkeit begrüsst wurde. ST. PETERSBURG. Vignette.