Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 809 - 810

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Gedanken aus dem Werke: "Die Lehre von den Geistigen und vom Volke"
Date
1912-09-01
Page
Seite 809 - 810 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2584019-2584029-2601646--13493-2601736
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

609 Constantia Brunner: Gedanken aus dem Werke: Existenzen — eine dingliche Existenz von besonderer Art, wie andere dingliche Existenzen von anderen Arten sind. Die lebendige Existenz denkt ihre Gedanken des Dinglichen um ihrer dinglichen Existenz willen, dieses Denken ihres praktischen Verstandes ist das Prinzip ihrer Bewegung, mit diesem Denken hört diese Existenz auf, eben diese Existenz einer lebendigen Dinglichkeit zu sein; Leben und Denken der Lebensfürsorge hören zugleich auf, so wie sie durchaus zusammenfallen. — Wir und die Dinge; Innerlichkeit des Denkens in allen Dingen. — Unter der Voraussetzung der Einheit des Dinglichen können wir nicht anders als aller bewegten Existenz eine Innerlichkeit des Denkens zuzuschreiben, zumal nach dem Gesetze von der Erhaltung der Energie. Sonst bleibt uns die eigene Innerlichkeit des Denkens in unsrer zusammengesetzten Dinglichkeit unverständlich und wird ein völliges Mirakel — woher sollte sie stammen? Kann denn im tierischen Dinge etwas sein, was nicht überhaupt in der dinglichen Bewegung angetroffen wird? In der Tat, dieser Schluss auf das Denken in allem dinglich Bewegten ist zwingend, oder die Bewegungslehre und das in ihr enthaltene Gesetz der Energie ist falsch! Omnia animata — wenn eine derartige Sprachbildung zulässig wäre, würde ich sagen, dass eine jede dingliche Existenz, ebenso wie sie als Bewegung sich äussert, ebenso auch sich innert, Bewusstsein ihrer Bewegung ist. Mit unsrer Diug- Hchkeit finden wir uns im Innern der Bewegung,— an unsrem Denken haben wir daslnnere der bewegten Dinglichkeit und stehen mit ihm im Innerlichen des Zusammenhanges, den wir übrigens nur als einen äusserlichen der Bewegung erkennen. Mit uns müssen wir anfangen, in uns müssen wir's ergreifen, was Bewegung des Dinglichen ist, was Dinge sind, indem wir uns mitsamt diesem, zu unsrem Dingsein hinzugehörigen Denken, als Ding unter Dingen erfassen! Dinge sind wir, gar nichts als Dinge, und es kann in unsrer Dinglichkeit nicht drinstecken und sich regen ein Undingliches und Freies; denn was wir sind, ist aus der allgemeinen Natur der Dinge, und in dieser ist keine Freiheit. — Spinoza und Kant; Goethe und Schiller. — Das ist es, Avas das Yolk mit seinem Denken niemals begreift: den Wert der abstrakten Idee tür die Praxis unsrer Erfahrung, und dass die Idee die wahre Erfahrung ist, von der wir alle leben. Hier ist der Punkt des ewigen Zusammenstosses zwischen den Vertretern der reinen Erfahrung Wissenschaft, die zu dieser gelangen durch ihr Leben in der abstrakten Idee und in der Geistigkeit und jenen Andern, die davon nichts haben: hier offenbart sich in Hinsicht auf die Wissenschaft jenes grosse Missverhältnis und jene ungeheure Gegensätzlichkeit, wovon uns das eine und das andere Aeusserstdeutliche bezeichnet ist mit den Namen Spinoza und Kant. Was durch Spinoza einerseits und durch Kant andrerseits in der allergiössten Vollkommenheit und Energie repräsentiert wird — die beiden grundver- „Die Lehre von den Geistigen und vom Volke" 810 schiedenen Prinzipien des Denkes sind es, durch welche die Menschen gespalten sind und untereinander im Kampfe. Uebrigens waren es förmlich Spinoza und Kant selber, die in denjenigen beiden berühmten Männern> von denen im Punkte der Wissenschaft der erste am meisten dem Spinoza, der andere am meisten dem Kant kongenial dachte, — es waren förmlich Spinoza und Kant selber, die in Goethe und Schiller auf eine für uns lehrreiche und exemplarische Weise zusammen gestossen sind. — Egoismus. — All mein Weltdenken ist mein Ichdenken, meine Weltmundus sensibilis, mein sensuales Phänomen, nur durch mein Fühlen ein Wissen und dieses Wissen nur, damit ich wollen kann für mein Fühlen, für meinen Leib. Ich bestehe ganz und gar nur aus mir, all mein Fühlen, mein Wollen, mein Wissen ist wahrhaft und eigentlich mein, ich bin Egoist — auch mit meinem Wissen. Ich bin Egoist. Das Resultat der sämtlichen vorstehenden Untersuchungen besteht eigentlich darin, dass wir den wahren Sinn dieses Wortes entwickelt haben, den wir nun aber auch für alles Kommende festhalten wollen. Egoismus ist gleichbedeutend mit Lebensfürsorge, Praxis, Praxis der bewegten Dinglichkeit, welche unser Leben ist, mit unsrem Sein und Ding selber. Der Egoismus fällt daher zusammen mit unsrem ganzen praktischen Verstände, nicht etwa nur mit dem Wollen oder gar mit einem ungehörigen (unmoralischen!) Wollen. So wie alles Fühlen egoistisch ist, so auch — weil es nur mit Beziehung auf das Fühlen ist — alles Wollen, so auch alles Wissen. Auch all unser Weltwissen. Wir fassen die Welt der Dinge als gewusste so auf, wie wir ihr von Seiten unsrer Lebensfiirsorge für diese unsre bewegte dingliche Existenz mit dem Wissen zugekehrt sind —. Der Gedanke von der Einheit. — Es gibt keinen andern Gedanken als diesen Gedanken von der Einheit! Dieser einzig und aliein ist wirklich und wahr, und alle eure Nichtsgedanken sind nichts und zergehen, einer nach dem andern, euch selber in das Nichts. Den einzigen, ewigen Gedanken lehre auch ich — von unten herauf anfangend, von der Einheit dieser Welt der Dinge an. Sag ihnen das Alles, sag ihnen, dass hier vom Gedanken der Einheit des Somatischen und der Einheit des Psychischen und endlich der Einheit Beider in der einen Wissenschaft der Bewegungslehre die Hede ist — nach der Einheit und Einfachheit der Hede, die nicht darauf aus ist, Scharfsinnigkeiten zu produzieren, worüber sie nur allzuleicht in das Denken des Unwirklichen fällt, und die nicht das G-edächtnis von sich selbst und die Selbstidentität verliert. Wirklich Einheit; nicht wie in jenen Büchern, in denen nur vorn und hinten gedruckt steht, all das brutale Vielerlei und all der kakelbunte Widerspruch drinnen sei ganz einheitlich gedacht, sondern wahrhafte Einheit, auch des Gefühls und des Wollens mit den Gedanken, und tatsächlich so, dass — mit sich steigernder Deutlichkeit von Anfang zum Ende — man bei jeglichem Besonderea an jeder Stelle im Ganzen und Einen sich wisse.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.