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Ost und West · 1912-09-01 · Heft 9 (September 1912) · p. Seite 803 - 804

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 9 (September 1912)
Article
Gedanken aus dem Werke: "Die Lehre von den Geistigen und vom Volke"
Date
1912-09-01
Page
Seite 803 - 804 (sequence 1)
Language
German
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803 804 GEDANKEN AUS DEM WERKE: „DIE LEHRE VON DEN GEISTIGEN UND VOM VOLKE". Von Constantin Brunner.*) — Zusammengestellt von Arno Nadel. Wie aus einem wohlbestellten Garten wird jeder Leser aus dem hervorragenden Werke Constantin Brunner's, eines der bedeutendsten Juden der Gegenwart, der am 28. August seinen fünfzigsten Geburtstag beging, dasjenige sich herauslesen, was ihm besonders zusagt, was ihn fördert. Der Eine wird über den erhellten Grundunterschied zwischen geistigem Denken und Volksdenken erstaunen, ein Anderer über die Gebundenheit und Beschränktheit des Verstandes, des „praktischen Verstandes" erschrecken, einem Dritten wird der Geist Spinoza's wie ein neues Gestirn aufleuchten, einem Vierten wiederum wird das ganze grosse Buch als Fundstätte der Wissenschaft und einem Fünften wird es ein Buch der Erhebung werden. Wollte man in kürzester Kürze die Anlage des Werkes darlegen, so würde sich etwa folgendes ergeben: Der Kähmen, der die Hauptdarstellungen umfängt, ist unser Gesamtbewusstsein, also alles für den Menschen Existierende. Der Hauptdarstellungen sind drei, der Autor nennt sie Fakultäten. Und zwar ist die erste Fakultät die des „Praktischen Verstandes"; ihr Gebiet ist die relative Wirklichkeit, die Welt der Dinge. Die zweite Fakultät ist die des Geistes; ihr Gebiet ist die absolute Wirklichkeit. Die dritte ist die des „Analogons"; ihre Sphäre ist das fiktive, das „abergläubische" Denken. Jeder Fakultät ist ein besonderer Band zugewiesen. Bisher erschienen ist der erste, in zwei umfangreichen Bänden, (bei Karl Schnabel — Berlin 1908.) der in folgende drei Abschnitte sich gliedert: I. Prolegomena zum praktischen Verstände. II. Die Bewegungslehre und das Verhältnis der empirischen Wissenschaften zu den Abstraktionen. III. Natur und Bedeutung des praktischen Verstandes. Was in jedem dieser Teile im Einzelnen behandelt ist, das erläuternd wieder zugehen, würde ein neues Buch erfordern. Da sind, um neben den genannten Hauptgegenständen nur Einiges anzuführen, tiefgründige Auseinandersetzungen über Raum und Zeit und das Nichts, über das Wesen der Dinge überhaupt, über das Atom, über Ursächlichkeit, über ursprüngliche und über falche Weltbetrachtung, (Kosmogenie bei den griechischen Denkern und bei Kant) über das Denken als eines Erinnerungsphänomens, über Sprache und über viele andere Haupt- und Nebendinge, wie z. B. über Physiognomik, Pathognomik und über die „Weiber". Aus der ganzen Anlage des Werkes und aus unserer nachfolgenden genügend ohnmächtigen Zusammenstellung wird der Leser mit Leichtigkeit feststellen, dass jeder, der es unternehmen möchte, die Wahrheit aufzudecken, um sie den fragenden neugierigen, lüsternen, ruhigen, zweifelnden, ver- *) Siehe „Ost und West" Jahrg. X, Heft 5 „Constantin Bruimcr" von Ernst Altkirch. zweifelnden, harrenden, heiligen Menschen zu zeigen, zu diesem Buche wird greifen müssen, weil darin wieder, in einer langen, langen Zeit wieder eine lebendige, schauende Seele die Dinge deutet.— Und nun möge Brunner selbst zu uns sprechen. Dass wir ihn vielleicht eigenwillig eingeengt,— unser Wille ging auf eine möglichst objektive, den Sinn des Werkes wenigstens streifende Auswahl — möge er verzeihen. Die wahrhaft Angeregten werden ihn schon zu finden wissen. Aus der „Ankündigung". Das Thema des Werkes. — Ich sage, und damit ist das grosse Thema dieses Werkes Dezeichnet: Nach zweierlei Prinzipien des Denkens wird gedacht von zweierlei Menschen, von den Geistigen und vom Volke. Wehe dem Manne, der die Wahrheit und die Tatsachen erkennt und den Menschen des Volkes davon zu reden unternimmt! Sie waren niemals imstande, das völlig Vernünftige und das völlig Unsinnige auseinander zu kennen, weil sie selber beides im Ineinander haben und auf ihrem andern Prinzip des Denkens stehen, welches nicht das der Wahrheit des Denkens ist: sie verlachen und verunglimpfen die Vernunft, indes sie ihre eigene Unwissenheit und die Gedanken-Missgeschöpfe und Gespenster ihres Aberglaubens anbeten. So sind sie gewesen; so sind sie heute noch wie sie gewesen sind, heute noch in diesen Zeiten der allgemeinen Bildung und Aufklärung; sie haben sich nicht geändert. Sie freilich sprechen von ihrem „Heutzutage" mit Stolz und Dünkel, wer aber so sieht, wie es ist, der spricht: „Heutzutage gerade sowie zu allen vergangenen Zeiten!" Und auch heute wird die Wahrheit durch die Menge und durch den Aberglauben gerichtet werden. — Spinoza.— Vom wahren Denken wird das verkehrte Denken als ein anderes Denken und freilich als ver_ kehrtes verstanden, „die Wahrheit zeigt sich selber und die Verkehrtheit an", sagt Spinoza der Einzige, der wie kein anderer die Wahrheit und auch die Verkehrtheit des Menschen erkannt hatte und als der einzige Mensch genannt werden kann, unter allen uns bekannten Menschen aller Zeiten Spinoza als der einzige^ der nichts als Wahrheit ohne jegliche Beimischung des Verkehrten mit voller Bewusstheit in sich trug — von Spinoza wird in diesem Werke viel die Rede sein: er ist einer der wichtigsten Hauptpersonen unsrer Gattung und Geschichte, er ist, nach meiner Ueberzeugung, der höchste aller Menschen!— Spinoza ist der allerhöchste und der wunderbarste Mensch, und unter allen Menschen der einzige, der über der Tragik stand! Sein Schicksal war nicht tragisch und hätte niemals tragisch werden können, weil er der vollkommene Denker der

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