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Ost und West · 1912-08-01 · Heft 8 (August 1912) · p. Seite 751 - 752

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 8 (August 1912)
Article
Das Hohe Lied
Date
1912-08-01
Page
Seite 751 - 752 (sequence 1)
Language
German
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751 752 OlM )A jhafT^l ßl j\ A lUCSSC micfo mit deines ODunbes e* cm U» n est Wonnefeuerkufe! I Cieblicber ift öeine Ciebe, m n cm e* 1 e>a bss als öes Weins Genug: Deiner jugenö Rei3 entftrömet 5rüblings Duftergufe, e* ts* Unö in öeinem Hamen bauebet lauer Gifte Slufe. fltl bie Scbar ber jungen (Däöcben bein begehren mufe; 3ieb mieb nacb mit beiner flugen liebtem Ciebesgrufe! Deinen königlichen pfaben folgt mein niebrer?ufe: £n> führe mieb in beiner Kammer laufcb'igen Verfcbltffe! Deine Höbe bringt ber Sreuben reinen Ueberflufc; c* Ceife klagt bei beinern Scheiben heimlicher Verbrufe; Doch es bleibt im Rückgeöenken febmer 3 lieber Öenufe: frommer (Däbcben Cujtverfenken wirkt bein Wonnekufe. M N M M M M 4 M C4 M M 61 M Titelseitc des „Hohen Liedes". (Stark verkleinert. Im Original zweifarbig.) iiQÄJS ^JkJI Probeseite aus dem „Hohen Lieck" (Stark verkleinert. Im Original zweifarbig.) DAS HOHE LIED.*) Von Arno Nadel. Was Esra, der Schriftgelehrte, als er für die Aufnahme des Hoheliedes in den Kanon eintrat, gedacht haben mag, das können wir nicht wissen. Jen glaube, es wird etwa folgendes gewesen sein: Dieses sonderbare Stück ist wahrhaftig kein heiliges, zu sittlichem Tun ermunterndes Lied; es ist vielmehr das Bruchstück eines weltlichen Singspiels, das von der Liebe und den Liebesabenteuern eines seligen Paares handelt. Aber es ist so voller Süssigkeit, so voller inniger, anmutiger, reiner Poesie, dass wir uns schämen müssten, wollten wir es nicht eben deswegen als heilig bezeichnen. Die Frommen und Guten werden schon, wenn sie nur tüchtig suchen, ihr Genügen darin finden, und so mag das schönste, lyrischste Erzeugnis hebräischer Kultur sich hin üb erretten, und der Welt auch auf diese Weise künden, was wir gewesen, was wir sind. — Nur so, denke ich, hat der wunderbare Mann gesprochen. Denn er war wahrlich eine zu einfache, zu kernige Natur, um zu tüfteln, um zu klügeln. Er dachte gewiss nicht wie die ängstlichen Gerechten, die im Bräutigam. Gott und in der Braut das Judentum sahen, oder wie die Kabbalisten, die von einer Vermählung des Tiferes, des grossen Adams, mit der Knesses Jisroel (auch von der Sonne mit dem Mond) reden, und gewiss nicht wie die christlichen Ausleger, die das Buch als eine Symbolisierung der Ehe Christi mit der Kirche deuten. Das Lied ist ein Hohes Lied und damit genug. *) Das Hohe Lied. Nachdichtung von M. Ehrlich. Buchausstattung von Menachem Birnbaum. Erschienen im Orientverlag zu Berlin 191*2. Darum ist es natürlich, dass Dichter' von Zeit zu Zeit nach diesem Gold greifen, um es auf ihre Art einzuschmelzen, um es in dem von ihnen geformten Guss der Welt noch einmal, jedesmal in der einzig richtigen Darstellung, zu zeigen. Diesmal haben wir das Werkchen einer fein kultivierten Natur vor uns. Der Dichter M. Ehrlich hat sich seine Aufgabe nicht leicht gemacht. Er zerlegte das Bibelbüchlein in einzelne, in sich mehr oder minder geschlossene Teile und rundete jeden Teil, Dunkles fortlassend, zu einem echten und rechten Gedicht ab. Dass dabei vieles Reizvolle, oft genug das eigentliche Reizvolle, verloren gehen musste, ist beim Unternehmen des Verfassers selbstverständlich. Denn wie sollte sich Einzig- Gesungenes in Reime — in einigen Teilen haben zwölf Zeilen den gleichen Reim — zwingen lassen! Ist es schon schier nicht möglich, den Gehalt in poetischer Prosa getreu wiederzugeben, so ist es in regelmässigen, gereimten Versen undenkbar. Darum redet der Autor von einer Nachdichtung. Eine solche aber ist es. Es ist eben etwas anderes aas dem fetten Boden des wundersamen Gesanges erwachsen: eine deutsche Blume mit runden, zarten, blinkenden Blättern. Ein Kind ist dem Liede erblüht, es ähnelt in manchem der Mutter. Ein Musterbeispiel: ,,Ziehe mich, ich jage dir nach" lautet im Gedicht: .,Zieli' mich nach mit deiner Augen lichtem Liebesgruss! Deinen königlichen Pfaden folgt mein niedrer Fuss." Man sieht, es ist Art, es ist Dichtung darin. Und das ist es, was uns das Ganze ernst nehmen heisst.

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