Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Der Ersatz
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 743 - 744 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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743 Dr. Msx Steif: Der Ersatz. JÜRIJ PAEN". Der Schames WITEBSK. meinen Sie, Herr Brösle;', man würde doch damit jauze sein können?" (Uer religiösen Vorschrift genügen.) Der Apostrophierte, Salomon Brösler, emeritierter Religionslehrer, der sich gern bei jeder Gelegenheit als „Gelehrten" aufspielte, sass gewöhnlich den ganzen Nachmittag hinter einem Zeitungsblatte verschanzt, dessen Inhalt er vom Leitartikel bis zur letzten Annonce so gründlich durchzustudieren pflegte, dass nicht so leicht ein zweiter mehr in den Besitz desselben gelangen konnte. Diese unliebsame Störung in seiner Lektüre durch eine Frage, in welcher er ihrer ganzen Form wie ihrem Inhalte nach eine versteckte Anzüglichkeit gegen sein ..jüdisches Wissen' zu erblicken glaubte, Hessen den klein gewachsenen Salonion Brösler, der wie alle Menschen dieser Gattung leicht erregbarer Natur war, von seinem Sitze erzürnt aufspringen und den Ruhestörer in ärgerlichem Tone anfahren: „Wissen Sie, Herr Fischl, ich könnte Ihnen als Entgegnung das bekannte Sprichwort entgegenhalten, wo ein gewisser Jemand mehr fragt usw., aber ich unterlasse e.s, weil Sie mich mit Ihrer Frage auf die Erklärung eine.s Satzes gebracht haben, den ich jetzt erst recht begreifen lernte. Wie soll es zu verstehen sein: odom u'hehemo tauschia haschem (Mensch und Tier hilft Gott)? Jetzt weiss ich es: wenn Sie mich mit Ihren Schales (Fragen) in Zukunft verschonen wollten, wird Gott mir und Ihnen geholfen haben/' Um einen solchen Angriff auf seine Ehre ruhig hinzunehmen, hätte man weit überlegenerer Sinnesart sein müssen, als es Moriz Fischl war, und so drohte denn die Debatte Formen anzunehmen, die weit über den Rahmen eines blossen Meinungsaustausches bezüglich der besten Lösung der Schofarfrage hinausgegangen wären, wenn sich nicht David Imber, als berufener Hüter der Kaffe.ehausordnung, beschwichtigend ins Mittel gelegt und dazwischen gerufen hätte : 744 ,,Aber meine Herren! Dadurch, dass Sie sich hier vielleicht die Zähne herausschlagen, wird Eisinger noch i mmer nicht zu seinen verlangten neuen gekommen sein f' In der Tat, mit alldem war die strittige Frage selbst um keinen Schritt ihrer Lösung nähergebracht. Aber etwas musste geschehen, das sahen alle ein. Denn ein Rosch-haschono ohne Schofarblasen war wohl weniger denkbar, als ein Purim ohne Megilla. Und da die Kürze der Zeit drängte und die Bestellung eines auswärtigen Bal-Tokea (Schofarbläsers) mit ungleich höheren Kosten verbunden gewesen wäre, so musste man sich wohl oder übel dazu entschliessen, die Zahnlücke Eisingers auf Gemeindekosten auf ihren ursprünglichen Zustand rekonstruieren zu lassen. — Wohl noch nie hatte die Aufmerksamkeit der ganzen Gemeinde für den weihevollen Vorgang des Schofarblasens einen solchen Grad der Spannung erreicht, wie dieses Mal. Alles war begreiflicherweise begierig, es zu sehen und zu hören, wie die neuen Zähne ihre Probe bestehen würden. Aber, sei es, dass der Engel, der über die Schofartöne gesetzt ist, um sie zu "dem Throne des Höchsten emporzutragen, sich vielleicht über die sträfliche Hintansetzung beleidigt fühlte, die ihm durch den leidigen Zwischenfall während des ganzen Monates Ellul widerfahren, sei es, dass sonst irgend ein tückischer Dämon in den Schofar diesmal hineingefahren, — genug, er setzte allen Bemühungen Jacob Eisingers, dessen Gesicht vor intensivster Anstrengung schon fast blaurot geworden, einen eigensinnigen Trotz entgegen. „Was ist denn wieder los?" fragte hinzueilend der Tempelvorsteher Aron Lampl erregt und besorgt zugleich. „Ist wieder der Schofar verstopft oder gar vielleicht gesprungen?" „Neinj das nicht," entrang es sich Eisinger mühsam keuchend, „aber ich kann mir nicht helfen, — n.it de neuen Zähm kann ich nix blosen!" JÜRIJ PAEN, WITEBSK. Brief aus Amerika.