Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 8 (August 1912)
- Article
- Jurij Paen
- Date
- 1912-08-01
- Page
- Seite 739 - 740 (sequence 4)
- Language
- German
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739 S. An-ski: Jurij Pän. 740 heften zu verstehen, um unfehlbar herauszufinden, auf wessen Seite die Schuld liegt, und ein Verhältnis dazu zu gewinnen beim Anblick der unparteiischen Rabbiner, Von den anderen Typen des alten Judentums ist diesem Künstler besonders gelungen: „Der Heiratsvermittler", dem eben gerade eine „geniale Kombination" eingefallen ist. Wieviel trauriges Selbstbewusstsein auf dem Gesicht des geduckten Vermittlers. Ausdrucksvoll sind auch die Figuren des „Schames", der langsam jeden Freitag aus einem Haus in das andere geht, um die Pfennige für die Synagogenlichter zu sammeln, des stellenlosen „Melamed" und des Alten, der neben seinem Korbe mit Kringeln eingeschlafen ist. Pän verweilt nicht nur bei der Vergangenheit, er wendet sich auch dem modernen Leben zu. Auf seinem Bilde „Brief aus Amerika" entrollt sich ein ganzes Drama. Das Drama der Mutter, deren Kinder in die Weite, jenseits des Meeres, gezogen sind. Vielleicht hat der Brief auch freudige Nachricht gebracht, doch das vielgeprüfte mütterliche Herz findet darin keine Befriedigung, und der Ausdruck tiefer Trauer auf ihrem Gesicht lässt sich nicht verscheuchen. * * * Nach Absolvierung der Akademie der Künste widmete sich Pän vollkommen der Verbreitung der künstlerischen Ausbildung unter den Juden. In seiner Schule, die er im Zentrum des nordwestlichen Rayons gegründet hat, lernten während der 15 Jahre ihrer Existenz Hunderte von Knaben und Mädchen, von denen viele ihre künstlerische Ausbildung in den höheren Lehranstalten und Akademien in Petersburg, Moskau, Warschau, München, Paris, Brüssel usw. fortsetzen. Einige von Päns Schülern haben schon ihre Werke im Pariser Salon ausgestellt (Schulmann, Feffermann, Masel, Schagal, Meschtschaninow). und haben als bekannte Künstler Aufmerksamkeit erregt. Diese Tätigkeit, die auf den ersten Blick so bescheiden und geräuschlos vor sich gegangen ist, hat viele Mühe gekostet und dem Künstler nicht erlaubt, im vollen Masse seine eigene Begabung zu entfalten. Doch hat Pän damit eine wahrhaft kultur-nationale Sache gefördert. DER ERSATZ. Von Dr. Max Steif. Am Rosch-Chaudesch Unvermutete, dass nämlich Jahre in mustergültiger Weise ausgeübte Kunst des Schofarblasens Jacob Eisihgers, des Wochentagsvorbeters, recte Gemeindeschächters, plötzlich versagte. Einen so ermutigenden Anlauf er hierzu auch nahm, so sehr er seine Lippen- und Lungenkraft befeuern mochte, es wollte durchaus nicht gelingen, dem Schofar mehr als bloss einzelne abgerissene und misstönige Laute zu entlocken. Nun, man konnte einigermassen noch vom Glücke sprechen, dass diese gewiss mehr als betrübsame W ahrnehm ung rech tzeitig genug gemacht worden, um an eine irgendwie mögliche Abhilfe zu denken. Denn das Peinliche einer Situation Hess sich gar nicht ermessen, wenn sich ein derartiges Versagen am Roschhaschono selbst zugetragen haben würde. Der ganze hochheilige Ernst eines solchen Tages ist unwiderbringlich dahin, wenn alles in andachtsvoll gehobener Stimmung sich anschickt, jenen, die Her- Ellul ereignete sich das die bewährte, durch zwanzig zen zu Umkehr lauschen, und JURIJ PAEN. Der stellenlose Melamed. und Busse aufrüttelnden Tönen zu statt derselben trotz gewaltigen Pustens und Stossens nur ein jämmerlicher Missklang dem Widderhorn entpresst wird. — Doch, was im ersten Augenblicke mit der Verwirrung eines unvorher-i gesehen hereinbrechenden1. Elementarunglückes betrachtet worden, erwies sich nachträglich nicht ganz als so tragischer Natur, da sich nämlich herausstellte, dass die Ursache, weshalb Eisinger den Schofar nicht mehr wie früher zu meistern imstande sei, nicht etwa in einem Nachlassen der körperlichen Kräfte gelegen sei, — nein, er fühlte Gott sei Dank noch nichts von irgendwelchen Beschwerden des Alters, wie ja auch sein Magen den rigorosesten Ansprüchen Genüge leisten konnte —, sondern in dem ganz natürlichen Umstände, dass kurz zuvor seine beiden Vorderzähne, die schon die längste Zeit über eine bedenkliche Neigung zur Freiheit an den Tag gelegt, diesen ihren Ent-. schluss jetzt endlich wirklich ausgeführt. Und, ohne Vorderzähne, das musste WITEBSK.