Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Adrianopel
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 677 - 678 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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677 678 AUS DEN SCHULEN DER ALLIANCE. Adrianopel. Alljährlich wiederholt sich unmittelbar nach den Abschlussprüfungen des Schuljahrs die Erfahrung, dass die Schüler der drei obersten Klassen, deren Eltern nicht in der materiellen Lage sind, ihre Kinder noch länger am Unterricht teilnehmen zu lassen, uns bitten, sie ein Handwerk erlernen zu lassen, das sie in den Stand setzt, sich selbst ihr Brot zu verdienen und das ihnen eine bescheidene Zukunft sichert. Die Ferien benutzen diese Schüler dazu, sich in Erwartung der Erfüllung ihrer Wünsche nach eigener Wahl und ohne jeden Zwang bei Handwerksmeistern in verschiedenen Fertigkeiten zu üben, Beim Wiederbeginn des Unterrichts erscheinen dann diese Schüler in Begleitung der verschiedenen Meister, die sie in die Tätigkeit ihrer Werkstätten unterrichtet haben, und lassen sich mit der Einwilligung ihrer Eltern als Lehrlinge einschreiben. Ihren Instruktionen gemäss geben wir nur solche Schüler unserer drei obersten Klassen in die Lehre, die während ihres Schulbesuchs Fleiss und guten Willen in der Bewältigung der Schulaufgaben gezeigt haben und deren Betragen im allgemeinen zufriedenstellend gewesen ist. Trotz der oft sehr dringlichen Bitten und Vorstellungen von Seiten der Eltern lassen wir keine Schüler zu, die sich als nachlässig und ungehorsam erwiesen haben. Die Erfahrung hat uns tatsächlich gelehrt, dass ein schlechter Schüler meist auch ein schlechter Handwerker wird. Es gibt natürlich Ausnahmen, sie kommen aber so selten vor, dass damit nicht zu rechnen ist. Gemeinhin beginnen und vollenden unsere Schüler die Lehrzeit bei demselben Meister und bleiben oft als bezahlte Gehilfen weiter in ihrer Werkstatt. Die Fälle sind selten, dass ein Schüler während seiner Lehrzeit öfter den Meister wechselt. Wenn ein Lehrling aus irgend einem Grunde zu viel wandert, wird er heimgeschickt. Während des ersten Halbjahrs erhält ein Lehrling fast gar kein Entgelt von seinem Meister; er muss sich mit dem von uns gezahlten geringen wöchentlichen Zuschuss von 7y2 Piaster (1,32 M) begnügen, von dem wir noch ein Drittel zurückbehalten, um ihm dafür nach Abschluss seiner Lehrzeit das erforderliche Werkzeug anzuschaffen. Ausserdem bekommt er täglich sein Mittagessen mit den übrigen Schülern der Anstalt und alljährlich zum Passahfest einen Anzug. Ist der Meister mit dem Fleiss und der Anstelligkeit des Lehrlings zufrieden, so gibt er ihm oft schon vor Ablauf des ersten Halbjahrs eine kleine Entschädigung von 50 bis 80 Centimes wöchentlich. Das ist allerdings ein sehr geringer Lohn; er steigt aber von drei zu vier Monaten, wenn der Meister fortgesetzt mit den Leistungen des Lehrlings zufrieden ist und erhöht sich bis auf 7 oder 8 Franks pro Woche, eine für Adrianopel ausserordentlich hohe Summe. Wenn ein Arbeiter die normale Lehrlingszeit durchgemacht hat, kann er bis zu 40 Franks wöchentlich verdienen. Die normale Lehrlingszeit beträgt vier Jahre, das für die Lehrlinge während dieser Periode zum Ankauf von Werkzeug reservierte Kapital beläuft sich gemeinhin auf ungefähr 115 Franks. Auf den vom Meister unterstützten Wunsch des Lehrlings kaufen wir ihm nach beendeter Lehrzeit einiges unentbehrliches Werkzeug, in Ausnahmefällen geschieht dies auch schon vorher, besonders wenn dem Meister die Mittel fehlen, das für die Lehrunterweisung erforderliche Werkzeug selbst anzuschaffen. Einige Monate später bekommt der junge Mann wieder etwas Werkzeug und schliesslich wird ihm ein Jahr nach beendeter Lehrzeit für den Rest des Spargeldes irgend ein besonders wichtiges Werkzeug oder etwas notwendiges Material zur Anfangsarbeit in seinem Handwerk gekauft. Da die ausgelernten Lehrlinge meist nicht genug Geldmittel besitzen, um sich selbständig zu machen, so tun sich vielfach zwei oder drei junge Leute zusammen, und bilden eine bescheidene aber fruchtbringende Gemeinschaft. Einige assoziieren sich mit ihren bisherigen Meistern, die ihnen lieber einen Gewinnanteil zugestehen, als den üblichen Arbeitertagelohn zahlen. Die Assoziationen haben oft guten Erfolg und bilden ziemlich solide Arbeitergruppen in dem kleinen jüdischen Industriemilieu dieser Stadt. Im November 1903 habe ich 31 in Stellungen untergebrachte Lehrlinge vorgefunden; bis zum November 1911 habe ich 83 andere untergebracht, zusammen 114 Lehrlinge. Da zu dieser Zeit nur noch 28 Schüler in der Lehre waren, hatten demnach in einem Zeitraum von acht Jahren 86 Lehrlinge von unserem Werk Nutzen gezogen. Darüber sind folgende Einzelheiten zu berichten: ö 21 Lehrlinge haben ihren Beruf aus eigenem Antrieb verlassen oder sind weggeschickt worden, weil sie für das Handwerk nicht geeignet waren oder sich selbst nicht für geeignet hielten. Ich habe mich bemüht, etwas über ihr ferneres Schicksal zu erfahren und habe gehört, dass die meisten von ihnen ausgewandert sind; einer ist Gewürzkrämer in Konstantinopel und einer in Adrianopel; einige sind kleine Hausierer in Saloniki, in der Hauptstadt und hier am Orte; wieder andere sind kaufmännische Angestellte, zum Teil selbst bei grossen Handels- und Industriefirmen — z. B. bei der Maschinenfabrik Singen — und in ägyptischen Bankgeschäften. Kurz, fast alle arbeiten und erwerben ihr Brot auf anständige Weise, was sehr wesentliche Bedeutung hat. 65 Lehrlinge üben das Gewerbe aus, das wir sie haben lernen lassen; 16 sind Tischler, Kunsttischler oder Dreher (darunter 4 Meister und 12 Arbeiter); von 8 Malern sind 3 Meister und 5 Gehilfen; 3 sind Lederarbeiter, 8 Schmiede (4 Meister und 4 Gesellen); 6 Klempner (2 Meister und 4 Gesellen); 9 Giesser (4 Meister und 5 Gesellen); 3 Mechaniker; 6 Kärrner (2 Meister und 4 Arbeiter): 3 Besenbinder; 2 Zimmerleute (1 Meister und 1 Geselle) und 3 Tapezierer. Die Meister sind gemeinhin verheiratet und verdienen 100—120 Franks monatlich; manche besitzen ausser dem zu ihrem Handwerk erforderlichen Werkzeug ein Betriebskapital von 500—1000 Franks. Die Arbeiter oder Gehilfen sind meist unverheiratet und haben einen Monatslohn von 40—60 Franks. Zurzeit genügen einige dieser Arbeiter ihrer Militärpflicht und üben ihr Handwerk innerhalb des Heeres aus. Zwei Lehrlinge, von denen einer seine Lehrzeit an der Gewerbeschule in Bukarest und der andere an der Alliance-Gewerbeschule in Jerusalem durchgemacht hat, arbeiten jetzt in Argentinien als Mechaniker und verdienen 250 bis 300 Franks im Monat. Zur Ausbildung dieser 65 jungen Handwerker hat die Alliance 3600 Franks jährlich, für die acht Jahre also 28 800 Franks ausgegeben, pro ^Person