Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Literarische Rundschau [Rezension]
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 655 - 656 (sequence 3)
- Language
- German
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£55 Litcrai Ische^ Rundschau. 656 Frank Avären noch gänzlich unbekannt, so trifft gerade das Gegenteil zu, namentlich das Buch von Kraushar (auch in hebräischer Uebersetzung bekannt) hat das ganze Leben dieses seltsamen Menschen mehr als genug durchleuchtet. Indessen würde man die Skizze „Das offizielle Protokoll der Frankistendisputation in Lemberg" mit Interesse begrüssen, wenn sie Neues oder Lehrreiches böte. Aber was die Frankisten vorbringen, ist albern und jämmerlich und überdies längst bekannt. An die Wahrhaftigkeit der chasidischen Legende, dass ihr Meister Israel Baalschem an jener Disputation teilgenommen hätte, hat kein Kenner ernstlich geglaubt. Es ist indessen sehr wahrscheinlich, dass Israel als Zuhörer dabei zugegen gewesen. Die Frage ist übrigens ganz belanglos. Bedauerlich, ist nur, dass der Verfasser die bekannte Legenden Sammlung konsequent „S w a c h e i Beseht" nennt, während ein Blick in die Anfangsgründe der hebräischen Grammatik ihn belehrt hätte, dass es „Schi wchei" heisst. — Verdienstlich ist die Auffindung zweier nicht jüdischer Quellen, die die bekannte jüdische Ueberlieferung von dem Märtyrertod der JBrüder Reizes (1728) in Lemberg vollauf bestätigen. — Im allgemeinen zeigt das Büchlein von lobenswertem Fleiss und Liebe zur Sache. Wenn der Verfasser sich eine gründlichere Handhabung der historischen Methode, jüdische Kenntnisse, sowie eine etwas ansprechendere Darstellungsweise aneignen würde, könnte man, da ihm an Ort und Stelle reiches Quellenmaterial zugänglich. ist, sehr Brauchbares von ihm erwarten. ba. * * * Davis Trietsch. Palästina-Handbuch. Dritte Auflage. Jüdischer Verlag. Berlin 1912. Der Verfasser hat sich durch Feine geographischen Handbücher, namentlich orientalischer Länder, einen verdienten Namen erworben. Ganz besonders viel hat er dazu beigetragen, dass eine weitere Oeffentlichkeit mit den Verhältnissen des Heiligen Landes, wie es heute ist, vertrauter wurde. Die dritte Auflage seines beliebten Palästina-Handbuches (340 Seiten, M. 3,—) ist wesentlich erweitert und enthält alle nur denkbaren Aufschlüsse über die Geographie, die Bevölkerung, die Gesundheits- und Sicherheitsverhältnisse, die Landwirtschaft und Industrie, die Verfassungsuncl gesetzlichen Zustände, die Städte und das Hotelwesen des Landes, endlich über die jüdischen Kolonien, die dort in den letzten Jahrzehnten entstanden sind. — Bei der erneuten Anziehungskraft, die Palästina heute einerseits auf Auswanderungslustige, andererseits auf Touristen ausübt, stellt sich das Trietsclrsche Handbuch als wirklich zeitgemäß« dar.- z. UNTER PR< Ein Tagebuchblatt von S. An- III. Am anderen Tage, Sabbat in der Frühe, trat Stefan bei mir ein. Er trug denselben abgenützten Pelzrock wie gestern. Nur die Haare waren glatt gestrichen, die Stiefel geputzt, um den Hals ein weisses Tuch, — und auf dem Gesichte gehobene Sabbatstimmung. Auf dem Wege ins Bethaus unterhielten wir uns. Meine erste Frage galt den Proselyten des Ortes und ihrem Glauben. Darauf antwortete mir Stefan traurig, wie zerknirscht: „Ich verstehe von diesen Dingen nichts. . . . Hab' nichts gelernt. .... Raum, dass ich im Gebetbuche lesen kann. . . . Gott hat mich nicht für würdig gehalten. . . . Dafür aber wird mein Sohn schon etwas, können. Er lernt, Gott sei Dank . . ." ,,\Yo lernt er?" „In Wilna. Ich hab5 ihn hingeschickt, dort zu lernen. Ein guter Mensch nahm ihn zu sich und hält ihn wie ein eigenes Kind. Unlängst wurde er Bar Mizwah, hielt seine Rede. Ganz, wie sich's gehört/' Eine Weile schwieg er, dann fuhr er leise und mit herzlicher Innigkeit fort: ,,Ich denke schon lange daran, nach Palästinka (er sprach das Wort ,,Palästinka" mit tiefer Zärtlichkeit aus) zu fahren, ein Stückchen Boden zu kaufen und mich dort niederzulassen. Doch, wer weiss, ob mich Gott dessen wert halten wird. Man sagt, dass die Stunde noch nicht gekommen ist. Man lässt noch nicht nach „Palästinka" . . . Das Bethaus der Proselyten befindet sich im ersten Stockwerk eines zweistöckigen Hauses, in dessen zweiten Stockwerk ein jüdisches Bethäus untergebracht ist: Ein niedriger Raum, weisse Wände, einfache Holzbänke, ein einfacher Almemor, eine heilige Lade mit einem goldgestickten Vorhange, der den einzigen Schmuck darstellt. An .diesen. Raum ki, St. Petersburg. (Schluss). grenzt ein Zimmer für die Frauen, und ein zweites Zimmer, in dem der Bethausdiener wohnt. Als wir eintraten, hatte man gerade mit dem Morgengebete begonnen. Es sind einige Minjanim (Beter-Zehnschaften) von Proselyten versammelt, Junge und Alte, typische grossrussische Bauern. In Talejssim gehüllt, mit Käppchen auf den Köpfen und Gebetbüchern (mit russischer Uebersetzung) in den Händen, stehen sie da und beten leise. Schwer und hart kommen die hebräischen Worte von ihren Lippen. Vor dem Betpulte steht ein hochgewachsener, breitschultriger Bauer, eine Riesengestalt, mit einem ehrlichen slawischen Gesichte, breiter Nase, klaren, grauen Augen, breitem, auseinandergekämmtem Barte, dicken blonden Schläfenlocken, — in den Talis gehüllt, ein Käppchen auf dem Kopfe. Er betet in der üblichen Melodie, leicht, deutlich und ohne Fehler, — vielleicht sogar ein wenig zu grammatikalisch. Nur dass er den Buchstaben h manchmal zu hart ausspricht, so dass er an g anklingt. Er betet mit Leidenschaft, ruft von Zeit zu Zeit „ej!", wirft den Kopf zurück, blickt starr, streckt die Arme aus, wie vor Freude oder Leid. Seine Andacht ist ernst und einfach, ohne jeden falschen Zug. Und es erscheint ganz natürlich, dass der typische Slawe mit derselben Andacht betet wie der glühende Chassid. So gross ist die Macht ernster Stimmung. . . . Neue Beter kommen. Manche bringen Kinder mit, in bäuerlichen Pelzröckchen oder Jacken. Die Kinder stehen neben ihren Vätern und schreien laut : „Amen!" Ein blonder, rotbackiger junger Mann, der eine „Podriowka" und hohe Stiefei mit glänzenden Schäften anhat, tritt rasch ein. Er sieht sich ein wenig erschrocken um, ob er nicht viel versäumt hat, wirft die „Podrknvka" ab und hüllt sich in den Tallis. Sein Gesicht erhält sofort den Ausdruck frommer und ruhiger Stimmung.