Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Literarische Rundschau [Rezension]
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 653 - 654 (sequence 2)
- Language
- German
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653 Literarische Rundschau. 654 der wir bis dahin so viel wie gar nichts wussten", so kann letzterer Passus nur in höchst individuellem Sinne verstanden werden. Denn von der Kunst der Juden auf der iberischen Halbinsel wussten andere Leute sehr viel; was uns aber jene Grabsteine zeigen, ist nur in sehr hyperbolischem Sinne als Kunst zu betrachten. Der Verfasser hat in den Lemberger Archiven sehr zahlreiche Dokumente gefunden, die sich auf Zivilprozesse der Juden in den verflossenen Jahrhunderten beziehen, und vermeint nun, dass jeder Prozessakt schon gleich ein historisches Dokument ist und den Zeitgenossen tiefe geschichtliche Erkenntnisse erschliesst. Mässigung ist aber hier die . grösste Tugend. Aus einem dicken Band solcher Akten kann wohl zuweilen eine Erkenntnis herausdestilliert werden (besonders in bezug auf Sitten- und Wirtschaftsgeschichte), die sich in zehn Teile zusammenfassen lässt. Aber den Inhalt dieser Akten uns einzelweise mitzuteilen, hat keinen Zweck. Wieviel Geld Isaak Nachmanowicz zu Lemberg im 16. Jahrhundert dem Herrn Konstantinus Kornichtus schuldig war und mit welcher Summe ihm Herr Schulenberg durchgebrannt ist, geht keinen Menschen was an, obgleich besagter Isaak die alte Synagoge zu Lemberg gebaut hat. Ebenso wenig hat es irgend ein Interesse, zu erfahren, das? zwei Weinagenten im Jahre 1570 in Lemberg 377 Fass Malvasierwein, um 5000 fl. andere Ware und noch viele Süssigkeiten verkauft haben, und dass einer von ihnen sich über seinen Konkurrenten beklagt, dieser verkaufe stinkenden Malvasier zu 90 fl. auf 3 Monate usw. Was würde daraus werden, wenn wir alle Briefe unserer Weinreisenden mit ihren Klagen über die verruchte Konkurrenz sorgfältig aufheben und der Nachwelt als Dokumente unserer Zeitgeschichte überliefern würden? — Ueber die Legende von dem jüdischen Eintagskönig in Polen, Saul Wahl, ist schon so viel und Erschöpfendes geschrieben worden, dass es sich wahrlich nicht gelohnt hat, die alte Geschichte aufzuwärmen, zumal der Verfasser nicht das Geringste zur Erklärung der Sage beiträgt. Das ist nichts als eine von den späteren Nachkommen Sauls aus lächerlicher Eitelkeit ausgesponnene Legende, die sich jedoch auf einem Volkssprichwort stützt. Dieses lautet zur Bezeichnung einer wenig dauerhaften Sache: „Es wird nicht länger dauern als das Königtum (Melüchah) von Saul Wahl."' Das Wort „Melüchah'* wird aber auch in der Bedeutung von Glanz, Reichtum, hervorragende Stellung gebraucht. All dies besass Saul, aber es ging bei seinen Kindern rasch zugrunde. Er war sehr reich, wohltätig und angesehen, so dass während eines MAX LEVI. Interregnums in Polen die Kronmsignien kurze Zeit bei ihm in Verwahrung gegeben wurden. Das ist alles. Sonst war er ziemlich unbedeutend und es verlohnt sich nicht, den Leser mit ihm immer wieder und wieder zu behelligen. Eine andere wunderschöne Sage aus Lemberg, die von der „goldenen Rose", die schon wiederholt erzählt worden ist, gibt dem Verfasser Anlass zu der merkwürdigen Behauptung: „Die Legende ist der grösste Feind der Geschichte, denn sie umspinnt die historische Wahrheit wie Espenlaub und stört den Historiker im Betrachten der eigentlichen Blume." Die eigentliche Blume, die uns der Verfasser enthüllt, ist der Inhalt einer langen Reihe von Akten eines Prozesses, dessen Hergang übrigens öfters erzählt worden ist. Wie aber die Sage von der Frau Rosa entstanden ist, zu deren Grabstein man noch heute pilgert, wissen wir ebensowenig wie bisher. — Einiges Interesse hat die nach den vom russisch-jüdischen Archiv herausgegebenen Akten nacherzählte Geschichte von den Brüdern Espowicz, deren einer sich taufen liess, deren anderer vom König, freilich vergebens, zum Oberhaupt der Juden Polens ernannt wurde. Beide waren weiter nichts als sehr reich, machten gemeinsam grosse Geschäfte, die uns der Verfasser mit unerbittlicher Genauigkeit aufzählt, als wollte er uns zur Beteiligung animieren. Am Ende fragt sich der Leser: Was gehen mich diese Leute und ihr Treiben an? Der Verfasser verwechselt nämlich die historische Materialiensammlung, in der so manches Platz finden mag, was in die historische Darstellung nicht hineingehört, mit dieser letzteren, die nur den geläuterten und durchgearbeiteten Stoff bieten darf. Ueberdies verfügt der Verfasser nur in einem sehr geringen Grade über die Gabe des historischen Erzählers, und wo er gar die Form der novellistischen Darstellung wählt, wird er vollends ungeniessbar. Was würde z. B. Dubnow, Benzion, K a z , oder J. Hessen aus einem Stoff, wie „Der Schwedenfähnrich" oder „Die Steuerexekution" gemacht haben! Was ihm hauptsächlich mangelt, ist eine gründliche Kenntnis der hebräischen Literatur, und insbesondere des jüdischen Rechts und der weitschichtigen Responsenliteratur, ohne die einem die innere Geschichte der Juden in Polen unverständlich bleiben muss. Ihre äussere Geschichte, ihr Verhältnis zum Staat und zur Gesellschaft ist im allgemeinen genügend bekannt, und alles archivalische Material hat bisher nur mehr oder weniger untergeordnete Einzelheiten zutage gefördert. — Wenn der Verfasser behauptet, die einzelnen Episoden aus dem Leben und KINDERAKT der Tätigkeit des Sektierers Jakob