Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Jüdische Skizzen
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 647 - 648 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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647 648 JUEDISCHE SKIZZEN.*) Eiii geistvoller und gelehrter Franzose hat kürzlich ein Euch unter dem Titel ,,Le regime de l'incompetence" veröffentlicht , in dem er nachweist, class in unserer Zeit die Tendenz vorherrscht, dass auf allen Gebieten des geistigen und öffentlichen Lebens die Inkompetenten, die Unfähigen und Unberufenen die Führung an sich reissen. Wenn der Mann erst die Zustände in unserer Literatur l eimte! sagt man sieh unwillkürlich. Bei uns scheint die Verwilderung schon alle Grenzen zu übersehreiten. Wir sind wie eine wehrlose Stadt ohne Schutzmauer, in die jeder ungehindert eindringen und nach Gutdünken schalten darf. Und je inkompetenter einer ist, desto grösseren Lärm macht er um sich und desto grösseren Widerhall weckt er unter der Menge, die in der Mehrzahl ja aus Inkompetenten besteht. Kommt da ein impotenter Skribent, ein kleiner Literaturmakler, und wirft allen Ernstes die Frage auf, ob Juden Dichter sein können. Natürlich beantwortet er sie mit einem entschiedenen Nein, und anstatt das Männchen auf die Beobachtungsstation zu schicken, polemisiert man mit ihm. Da kommt ein anderer, der keine zwei Zeilen Hebräisch lesen kann, der vom Inhalt und von der Entwicklung des Judentums nicht die leiseste Ahnung hat und gründet uns ein neues Judentum eigener *) Felix Perles: Jüdische Skizzen. Leipzig, Verlag von Gustav Engel, 1912. MAX LEVI. Erfindung. Nicht ein Hohnlachen antwortet ihm, -welche» ihn von der Bildfläche hinwegfegte, sondern man polemisiert mit ihm und sucht ihm die Fehler seiner Konstruktionen nachzuweisen. Le regime de l'incompetence. Wer dazu verdammt ist, jahraus jahrein Bücher zu lesen und diesen WTust von Imlezillität und dreister Unwissenheit über sich ergehen zu lassen, für den ist es eine wahre Labe, endlich ein Buch zu treffen, welches ihn iür all die vergeudete Zeit und den herabgeschluckten Aerger reichlich belohnt. Solch eines ist das vorliegende Buch von Felix Perles. Es ist eine Sammlung von Abhandlungen, Skizzen und Besprechungen, von denen einige der bedeutendsten in dieser Zeitschrift erschienen sind. Der Verfasser vereinigt in sich eine sehr gründliche und minutiöse Kenntnis der Literatur und der Geschichte des Judentums mit einer umfassenden und erstaunlich vielseitigen Bildung. Er schöpft überall aus dem Vollen und reicht es dar in anmutigem, künstlerisch wohlgefälligem Gefäss, welches zum Geniessen einlädt. Und überall verspürt man die lebendige Wärme einer reichbegabten, allseitig harmonisch durchgebildeten Persönlichkeit. Bei der Lektüre des Buches, das überall fesselt, auch wo es zum Widerspruch herausfordert, wird man so recht inne, wie tief verflochten die Wissenschaft des Judentums in ihrer modernen Ausgestaltung mit der gesamten geistigen Kultur unserer Epoche und ihren wichtigsten Problemen ist. Wo man das Buch aufschlägt, ist es interessant und fesselnd, es bringt jedem etwas,, der sich für die Fragen des jüdischen Geisteslebens im Zusammenhange mit der Bildung unserer Zeit-interessiert. So sehr Perles überall der strenge Forscher ist, dem kein Detail zu klein ist, um es zu berücksichtigen, so wenig bleibt er jemals beim Nebensächlichen haften, er schreitet immer ins Grosse hinaus und lenkt den Blick des Lesers auf das Ganze; sei es, wenn er jüdische Charakterköpfe aus dem Mittelalter oder aus der jüngsten Vergangenheit schildert,sei es, wenn er Einzelfragen aus den entlegensten Gebieten der jüdischen Wissenschaft mit souveräner Beherrschung des Stoffes, auf sehr hoher Warte, nicht auf den Zinnen einer Partei stehend, behandelt, stets eröffnet er weite Ausblicke, regt zum Nachdenken an und gewährt reichen Genuss und Belehrung. Es sei nur kurz hingewiesen auf die feinen Studien „Entstehung und Bedeutung des Talmud" oder „Soziale Gerechtigkeit im alten Judentum", „Judentum und Griechentum in ihren gegenseitigen Beziehungen". Selten JUNGER JROEMER. kann man etwas Prachti-