Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Max Levi
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 645 - 646 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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645 Karl Schwarz: Max Levi. 646 das an erste Stelle gesetzt zu werden, in dem die Hände das nachdenkliche Haupt der jugendlichen Schönen stützen. Die geschlossene plastische Form mit der stark sprechenden Vertikallinie, die grandiose Frontalwirkung mit den ruhig modellierten Zügen, den grossen Augen und dem scharf akzentuierten Mund — das alles sind Wirkungen, wie sie nur ein grosser Künstler hervorzubringen imstande ist. Es ist das typische „Herausbissen" aus der Natur, die höchste Verinnerlichung und stärkste Konzentrierung, das Zusammenschweissen dessen zu künstlerischer Einheit, was in der Natur in losem Nebeneinander erscheint und wofür es des Künstlerauges bedarf, um es zur grossen AVirkung zu bringen. Das ist das Programm Levis gewesen; wo wir in seinem Oeuvre hinblicken, werden wir diese Konzentration als das Typische seiner Hand erkennen; wie die Kinder in anmutiger Gruppe im Bilderbucheblättern, ganz vertieft in ihr Spiel, mit grossen Augen die Herrlichkeiten der Märchenwelt betrachtend; wie die Mutter in zärtlicher Inbrunst ihren Liebling an sich schmiegt; mögen die ringenden Knaben ihre Kräfte messen oder der jugendliche David seine Siegesbeute jauchzend emporheben, hoch empor, damit es auch das ganze Volk sieht, oder mag der Kugelspieler mit gespannten Muskeln und sicherem Blick vor uns stehen — immer ist es ein Moment höchster Leidenschaft und der Ausdruck des Momentanen, höchste Verinnerlichung und Vergeistigimg, die den Beschauer an all diese Werke fesselt. Diese ausgesprochene Begabung Levis für das psychologische Erfassen der Erscheinungen erklärt auch sein Versagen auf dem Gebiete der Monumentalplastik. Seine Entwürfe für Denkmäler von Goethe, Moses Mendelssohn und Alfred Krupp sind Versuche geblieben, die deutlich erkennen lassen, dass hier seinem Talent eine Grenze gezogen war, dass nicht die gewaltige grosse Linie, sondern die subtile Formengebung seine Handschrift und dass sein eigentliches Revier dasjenige war, dem er seit 'Jahren seine ganze MAX LEVI. PORTRAITBÜSTE AGNES SORMA. Kraft gewidmetTiatte und in dem er mit'vielen Erfolgen, die sich auch durch zahlreiche Anerkennungen und Ehrungen dokumentierten, tätig war. —; Der Berliner Künstlerbund hat in seiner diesjährigen Frühjahrsausstellung die Hauptwerke Max Levis zusammengestellt, die in ihren 40 Nummern einen Ueberblick über sein bisheriges Schaffen geben sollten. Der Künstler, der die Aufstellung noch selbst mit leiten konnte, ist inzwischen von uns gegangen, und die Ehrung, die dem Lebenden zuteil werden sollte, ist nun zu einem Abschiedsgruss an den Toten geworden. Eindringlicher als alle Worte künden diese Werke, wer Max Levi war und was wir an ihm verloren haben.