Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 7 (Juli 1912)
- Article
- Illustrationen zu Russlands Judenpolitik im letzten Monat
- Date
- 1912-07-01
- Page
- Seite 641 - 642 (sequence 3)
- Language
- German
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641 Illustrationen zu 'Russlands Judenpolitik im letzten Monat. 642 Die Lehrer der Realschule in Nikalajew haben die für jüdische Schüler bestehende Prozentnorm benützt, um die Bestechung förmlich zu organisieren. Unter Leitung des Lehrers Twerintin wurden die Väter aller jüdischen Schüler zu Geldgeschenken genötigt, wobei man sich nach dem Vermögensstande der Betreffenden richtete. Ein Getreidehändler z. B. musste 2000 Rubel zahlen. * * * Die russische Verwaltung in den verschiedenen Gouvernements nimmt u. a. wieder eine Verfolgung auf geistigem Gebiete auf, die vor mehreren Jahren eingestellt worden war. Sie verbietet allenthalben jüdische Theatervorstellungen und schickt eigene Kontrollbeamte ins Theater, die sich überzeugen sollen, ob die Schauspieler, wie sie der Not gehorchend versprechen, wirklich deutsch spielen. Da sie dies gar nicht können und das Publikum sie auch gar nicht verstehen würde, finden die Beamten natürlich immer Grund, das Spiel unterbrechen zu lassen. Bei der fortschreitenden künstlerischen Entwicklung, die das jüdische Theater in Russland in den letzten Jahren genommen hat und bei dem Umstände, als es mit seinen primitiveren Stücken die einzige Stätte der Volksbelustigung für die so schwer heimgesuchten jüdischen Massen Russlands darstellt — müssen diese behördlichen Massregeln als eine schwere kulturelle Schädigung angesehen werden. Daneben geht der grosse materielle Schade, da weite Volksschichten vom Theater leben. Der Bialystoker Gouverneur wollte einer jüdischen Truppe nur dann das Spiel erlauben, wenn sie 30% des Ertrages für den antisemitischen echtrussischen Verband bestimmt und dies ausdrücklich auf den öffentlichen Anzeigen « bemerkt. * * * Dem nach Kursk versetzten Gouverneur von Tanibow, Muratow, geht der Ruf eines extremen Judenfeindes voraus. Dies veranlasst die Polizei zu energischen Ausweisungen der Juden; sie will sich des Gestrengen Wohlgefallen verdienen. Unter den Juden aber herrscht die grösste Panik. Viele Kaufleute liquidieren ihre Geschäfte, um Kursk verlassen zu können. Auch wurde ein Fast- und Bettag bestimmt, was aber — wieder aus Furcht, den neuen Herrn zu erzürnen — abgeleugnet wird. * * * Der Jude Chwatiuk antwortete dem Beamten Eristow, der ihn in der Kanzlei des Kiewer Generalgouverneurs „Zschyd" (im Russischen beleidigender Ausdruck für Jude, die „normale'' Bezeichnung lautet „Jewrej") mimte, dess ein echter Christ das Wort „Zschvd" nicht als Beleidigung nehmen dürfe, weil die ersten Christen und die ersten Apostel auch Juden gewesen seien. Für diese Aeusserung wurde Chwatiuk vom Kiewer Gerichte wegen — Gottesläste r u n g zu eine:' Woche Gefängnis verurteilt. * * * Aus Anlass der Gedenkfeier der hundertjährigen Zugehörigkeit Bessarabiens zum Russischen Reich erhielt derbekannte Antisemitenhäuptling W1 a cl i m i r P u r i s c h k e w i t s c h vom Zaren dessen B i 1 d - n i s zum Geschenk. Gleichzeitig w urde er zum. w i r k - liehen Staatsrat ernannt. Schliesslich steht seine Ernennung zum G e h'i 1 f e n des U n t e r - r i c Ii t s m i n i s t e r s bevor. (Piiiischkewitsch entspricht, mit westlichen Antisemiten verglichen, nicht etwa dem Typus Stöcker oder Dr. Lueger, sondern dem bekannten 'Dreschgrafen Pfmklcr oder dem Wiener M ec 1 i ani k e r Sc h n ei d ei•.) |_MAX LEVI Von Karl Ueberblickt man die Schar jüdischer Künstler, so gewahrt man, class wir unter den Plastikern die kleinste Zahl aufzuweisen haben. Antokolski, unser grösster Bildhauer, ist tot, einen Führer wie Liebermann in der Malerei können wir in der bildnerischen Kunst nicht nennen. Viele leisten ganz Besonderes, erregen immer wieder Aufsehen, wenn sie mit neuen Werken hervortreten, doch die bedeutendsten Plastiker unter den Juden befinden sicli noch in ansteigender Bahn, d. h. ihre Kunst ist noch nicht ausgereift, da sie fast alle noch in jüngeren Jahren stehen. Wenn in diese kleine Schar eine Bresche geschlagen wird, so empfinden wir dies als einen doppelt schweren Verlust, und wenn uns gar ein böses Geschick einen der Besten in der Blüte Max Levi. wird die Trauer um ihn eine Schwarz. der Jahre entreisst, allgemeine sein. Obgleich es allen denen, die ihn kannten, schon lange kein Geheimnis mehr war, dass die Tage von Max Levi gezählt waren, und obgleich der Tod in diesem Falle als eine Erlösung von jahrelangem Leiden und Siechtum angesehen werden muss, so stehen wir doch mit erschüttertem Herzen vor dem Grabeshügel, der sich über seinen irdische^ Resten vor wenigen Tagen geschlossen hat. Am -L Juni ist das Auge dieses Künstlers, der erst im 47. Lebensjahre stand, gebrochen, dieses ernst und tief schauende Auge, das einst so freudig, dann in den letzten Jahren so linster in die Welt blickte.