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Ost und West · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 639 - 640

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Article
Illustrationen zu Russlands Judenpolitik im letzten Monat
Date
1912-07-01
Page
Seite 639 - 640 (sequence 2)
Language
German
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639 Illustrationen zu Russlands Judenpolitik im letzten Monat. 640 wird gegen Beilis' Anwalt Margolin ein Disziplinarverfahren beantragt, weil er eine Broschüre gegen das Blutmärchen schrieb und dadurch die Kiewer Geschworenen beeinflusste (dabei war ja der Ritualmord offiziell aus der Anklageschrift entfernt). Und gegen den anderen Verteidiger des Beilis, Grigorowitsch-Barski, wird ein Gerichtsverfahren eingeleitet, weil er den Protest gegen die Blutbeschuldigung — unterschrieb. Ausserdem sollen die Zeitungen, die die Enthüllungen Brasul-Bruschkowski brachten, verfolgt werden. So will es Justizminister iS c h ts c 1 i er z lo wi t o w. * * * Die Jekaterinoslawer Abteilung der Liga gegen die Tuberkulose beschloss, von den Erträgnissen eines Blumentages ein Sanatorium zu bauen. Als die Ortsfrage besprochen wurde, trat plötzlich die Judenfrage hervor. Einige Anwesende meinten nämlich, man müsse das Sanatorium im Ansiedlungsrayon bauen, damit auch Juden der Wohltat teilhaftig werden können. Andere wiesen aber darauf hin, dass ein Sanatorium im Wald, also ausserhalb der Städte, gebaut werden müsse und dass da, auch im Ansiedlungsrayon, die Juden kein Wohnrecht hätten. Schliesslich einigte man sich daraufhin, die Regierung zu ersuchen, dass jeder Ort, auf dem sich das Sanatorium erheben werde, als in den Ansiedlungsrayon gehörig betrachtet werden solle. Im Dorfe Romanowka im Zwenigoroder Bezirke des Kiewer Gouvernements wohnte ein jüdischer Schmied, namens Elias Mezscherizki, der schon im Orte geboren war und dessen Eltern schon lange vorher dort gewohnt hatten. Als er nun mit einem Bauern einen belanglosen Streit hatte, machte dieser eine Anzeige und der Schmied wurde mittels Dekretes des Gouvernements ausgewiesen. Weder die Bitte einer Bauernversammlung des Ortes, dass Mezscheritzki als ein nützlicher und anständiger Mensch im Dorfe belassen werde, noch die Verwendung der Eigentümerin des Dorfes, einer Generalswitwe, half. Der Schmied nvusste fort und in ein benachbartes Städtchen ziehen, wo es auch ausser ihm Schmiede genug gibt. * * * Ein Fall von tausend ähnlichen:"7'' In" Skopin, Gouvernement Rjasan wohnte der Jude Hamerow schon mehr als 20 Jahre auf Grund einer besonderen Erlaubnis des seinerzeitigen Ministers Plehwe. Voriges Jahr, als ein neuer Gouverneur in der Person des Fürsten Obolenski nach Rjasan kam, wurde Hamerow ausgewiesen. Er half sich dadurch, dass seine Frau das Examen als Küchenmeisterin machte und als geprüfte Küchenmeisterin das Wolmrecht bekam, während er Angestellter eines Kaufmannes erster Gilde wurde und als solcher das Recht erhielt, sechs Monate im Jahre ausserhalb des Ansiedlungsrayons zu weilen. Nun entstand aber die Frage wegen der Kinder, denn das Wohnrecht, das eine jüdische Frau auf Grund ihres Gewerbes hat, geht nicht auf ihre Kinder über und der Vater hatte ja selbst kein Wohnrecht. Endlich und mit grosser Mühe erhielt er jedoch die Erlaubnis, trotz seines nur zeitweiligen Aufenthaltes in Skopin die Kinder bei sich zu behalten. Glücklich über diese Errungenschaft kehrte er von der Gouvernernentsstadt nach Hause zurück. Als er jedoch zwei Tage später die Stadt verliess, um in den Dörfern Produkte zu kaufen, kam die Polizei und — verhaftete die Kinder, weil sie nur mit dem Vater zusammen in Skopin wohnen dürfen. Es blieb nun den Eltern nichts anderes übrig, als die Kinder nach dem Ansiedlungsrayon zu schicken. * * * Aus dem taurischen Gouvernement werden 300 jüdische Familien ausgewiesen, denen nur eine Frist von mehreren Tagen zur Ordnung ihrer Angelegenheiten gegeben wird. * « * * Die Kiewer Gouvernementsverwaltung hat entschieden, dass Juden, die die musikalisch-dramatische Schule und andere ähnliche Spezialschulen besuchen, nicht das Wolmrecht in Kiew besitzen. Infolge dessen sind 500 Schüler, bezieh imgsweise 50 Familien, die ihr Wohnrecht von diesem Schulbesuch ableiten, ausgewiesen. * * * Der Polizeiminister von Kiew befahl seinen Leuten die schärfste Aufsicht darüber, dass die jüdischen Studierenden nur in zwei gewissen Stadtteilen Wohnung nehmen, — insofern sie ausser ihrem Studenten-Wohnrecht nicht auch noch das „allgemeine" Wolmrecht besitzen. In Piatigorsk wurde eine eigene medizinischpolizeiliche Kommission eingesetzt, die die Aufgabe hat, die Juden, die zur Kur hinkommen, daraufhin zu untersuchen, ob sie wirklich krank sind und die Kur benötigen. * * * Das Ministerium des Innern macht nun Ernst mit der Einführung der „Kontroll-Büchel" für jüdische Kaufleute und deren Angestellte, die sieb geschäftshalber ausserhalb des Ansiedlungsrayons aufhalten. Das Odessaer Börsen-Komitee, das eine Agitation unter sämtlichen russischen Börsenkomitees zwecks einer gemeinsamen Aktion gegen diese für die betroffenen jüdischen Kaufleute wie überhaupt für den russischen Handel gefährliche Registrierung eingeleitet hat, hat bis jetzt wenig Glück gehabt. Nach einer Meldung der antisemitischen „Semschtschina" entschied der Senat, dass auf jüdische Schüler, die zum armenischen Christentum übergetreten sind, die Prozentnorm weiter anzuwenden sei.

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