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Ost und West · 1912-07-01 · Heft 7 (Juli 1912) · p. Seite 627 - 628

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 7 (Juli 1912)
Article
Hermann Cohen
Date
1912-07-01
Page
Seite 627 - 628 (sequence 2)
Language
German
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627 Dr. Max Eschelbacher: Hermann Cohen. 628 über den Königsberger Philosophen ganz an Cohen angeschlossen hat, sind seine Ergebnisse auch dem weiteren Kreise der Gebildeten bekannt geworden. Von Lange, dem er nachher auf dem Marburger Lehrstuhl der Philosophie folgte, bis auf Houston Stewart ChamberJain, der ihn den „Nestor der wirklichen Ergründer Kants" nennt, sind seitdem die Kenner der Philosophie einig in der Anerkennung von Cohens ungewöhnlicher Bedeutung. Cohen ist dann ein Fortbilder Kants geworden und hat ein selbständiges System der Philosophie geschaffen, eine Logik, die viel mehr gibt, als ihr Titel anzeigt, die eine Prüfung und Untersuchung der grundlegenden Gedanken der mathematischen Naturwissenschaft bietet, eine Ethik, die die Prinzipien der Rechts- und Staatslehre wie der Religion entwickelt, und neuerdings noch eine Aesthetik. Ebensoviel, wie sein literarisches Schaffen, hat aber sein persönlicher Einfluss gewirkt, gehört er doch zu den deutschen Philosophen, die eine Schule gebildet haben. Eine hervorragende, scharf ausgeprägte Gruppe in der modernen Philosophie, die „Marburger Schule", sieht in ihm ihr Haupt und ihren Begründer. Alle diese reiche Wirksamkeit auf dem philosophischen Felde erschöpft aber Hermann Cohens Lebensarbeit noch nicht. Auch dem Judentum hat er seine Kraft geweiht. Selber hat er die Mahnung verwirklicht, die er in den jüngsten Tagen noch an die deutschen Juden gerichtet hat. „Wer der jüdisch-monotheistischen Religiosität inne geworden und wer ihrer teilhaft bleiben will, der muss, als Kulturmensch und als Kulturkraft, an seinem Teile für die Sicherung des Fortbestands dieser Religion, welche die seine ist, mitzuarbeiten als seine Aufgabe erkennen; als eine Aufgabe, die ebensosehr die seiner Kulturarbeit, wie die seiner lebendigen persönlichen Religiosität ist." So war auch seine eigene Arbeit zugleich der Durchdringung des Judentums gewidmet, der Ergründung seines Geistes und der Verkündigung seiner Ideen in den weitesten Kreisen. Vom Standpunkt der allgemeinen Kultur, als Kulturmensch hat er dabei das Judentum betrachtet, kritisiert und gewürdigt. Er ist Philosoph, heimisch in allen Gedankensystemen, die einzelnen Religionen sind ihm nur Ausprägungen und Erscheinungsformen der allgemeinen Idee der Religion, und so tritt er fast ohne jede Voraussetzung an die einzelnen Bekenntnisse und also auch an das Judentum heran. Fast, doch nicht ganz voraussetzungslos. Ohne Sympathie, ohne die Voraussetzung, dass wahrhafte Menschlichkeit, was dasselbe sei mit wahrhafter Göttlichkeit, in allen reifen Religionen zur Entwicklung ringe, lasse sich keine positive Religion verstehen und beurteilen, hat er auf dem V. Weltkongress für freies Christentum und religiösen Fortschritt bekannt. Mit solcher Sympathie tritt er jeder Religion gegenüber, mit der angestammten Religion aber sieht er den Menschen ausserdem noch verbunden durch das Band der Treue. Auf dieses Verhältnis des Menschen zu seiner angestammten Religion und demnach auch des Juden zu seinem Judentum wendet er Goethes Wort an „Frage nicht, durch welche Pforte du in Gottes Stadt gekommen, sondern bleib am stillen Orte, wo du einmal Platz genommen." So sind in Cohens Wesen besonders stark jene beiden Grundzüge ausgeprägt, die, seiner Analyse zufolge, dem modernen Menschen wesentlich sind, einmal die Freiheit, die Unabhängigkeit gegenüber der Religion, auch gegenüber der eigenen, die Ueberzeugung, dass die Religion sich zu rechtfertigen habe gegenüber der Kultur, aber eng verbunden mit dieser Selbständigkeit gleichzeitig die tiefe Sehnsucht nach den „Urrechten", den Urkräften der Religion, die er enthüllen will. So, als Philosoph, prüft und würdigt er das Judentum. Der Religion gegenüber ist dieser Standpunkt durchaus nicht selbstverständlich. Man braucht nur einen anderen, der das Judentum in grossem Stil geschildert hat, braucht nur etwa Samson Raphael Hirsch, den „gründlichen und gedankenreichen Kenner", wie Cohen ihn rühmt, zu lesen, und man wird dort einen ganz entgegengesetzten Ausgangspunkt finden. Nicht das Judentum misst Hirsch an der Kultur, sondern die Kultur am Judentum. Ganz zornig verwahrt er sich gegen die Annahme, als ob er das Judentum vertreten oder gar verteidigen wollte. So prüft Cohen als Kulturmensch das Judentum, Hirsch aber als Jude die Kultur. Aber merkwürdig! Diese Gegensätze, die zunächst unüberbrückbar scheinen, verlieren ihre Schärfe, wenn man in die Tiefe dringt. Denn für beide sind Judentum und Kultur nicht Gegensätze, sondern in hohem Grade identisch. Hirsch sieht im Judentum die Ideale aufgestellt, denen alle Kultur entgegenreifen muss, und Cohen rief dem Frankfurter Verbandstag der deutschen Juden zu „Also gibt es keine europäische Kultur und Ethik ohne den grundlegenden Anteil des

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