Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Reste althebräischer Musik
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 573 - 574 (sequence 2)
- Language
- German
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- Aleppo 1× ep/1047811
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573 Abraham Zewi Idelsolin-Jerusalem: Reste althebräischer Musik. 574 zu Land und durch fremde Einflüsse immer wieder von ihrer Tradition ab, entfernten und entfremdeten sich örtlich und zeitlich immer mehr von ihrer orientalischen Heimat, und hoben sich nun scharf von einander ab. Es kann daher auch nicht verwundern, wenn die oben erwähnten Forscher zu dem Resultate gelangten, dass die sogenannten Asehkenasim in ihren Gesangsweisen mit den sogenannten Sefardim keine Verwandtschaft aufweisen, und nur von einem aschkenasi* c h e n und einem s e f a r d i s c h e n Gesänge, keinesfalls aber von einem jüdischen V o 1 k s g e sänge die Rede sein könne. [Nun ist es aber eine bekannte Tatsache, dass nicht alle Juden die orientalische Heimat verlassen haben. Bereits vor dem zweiten Exil waren Juden in Babylonien und Persien, wie auch in Arabien ansässig. Zu diesen Stammesgenossen flüchteten sich sehr viele der Besiegten. Und dieser ganze Teil des Volkes ist n i e m a 1 s aus seinen Wohnstätten herausgekommen, ist von fremden Einflüssen — abgesehen von orientalischen — vollständig verschont und uns bis auf die Gegen wart erhalten geblieben. Ja, es fand selbst kein spagnolischer Einfluss statt. Denn weiter als bis Aleppo und Damaskus östlich und Cairo südlich — abgesehen von einzelnen Fällen, wo einige Seiardim sich in Bagdad und Sanaa nieder]iessen — drangen die „Spa-niolen" nicht vor. Dies wird durch die Sitten und Gebräuche sowohl als auch durch die Aussprache des Hebräischen dieser jüdischen Gruppe zur Genüge bekundet. Namentlich aber auch durch die Eigenheiten ihres tradit ioneilen Gesanges, der ebenso mit dem Gesänge der Aschkenasim wie mit dem der Sefardim viele Weisen gemein hat. — Wir inachen im folgenden den Versuch, auf Grund von Vergleichen der Gesangsweisen der orientalischen'' Juden mit denen der „sefardischen" und ,,askenasischenk< Juden die Reste der Musik des j ü d i s c h e n Volkes klarzulegen. Da aber gerade diese echtorientalischen Juden für die Musikforscher bis auf den heutigen Tag eine terra incognita sind, so schicke ich eine kurze Darstellung ihres Gesangs nebst Notenbeispielen voraus. Für eine genauere Orientierung verweise ich auf den von mir gesammelten und in Vorbereitung für den Druck befindliehen „Hebräisch-orientalischen Melodienschatz''. I. Betrachten wir in erster Linie den Gesang des am weitesten versprengten Teiles des Volkes, der I. Jemeniton. Ihrer Tradition nach find diese Juden schon nach der Zerstörung des ersten Tempels in die arabische Halbinsel eingewandert. Jedenfalls ist sicher, dass lange vor Mohammed Juden in Arabien und namentlich im Süden eine führende Kolle spielten. Sie sind auch dort, trotz unaufhörlicher Verfolgungen seitens des Islams, ansässig geblieben, und zwar in der Provinz Jemen und zählen gegenwärtig etwa dreissigtausend Seelen. Mit den anderen Juden kamen sie sehr wenig in Berührung und nur mit den Juden Palästinas und Aegyptens standen sie in schriftlichem Verkehr. Dass ein ausländischer Jude zu ihnen gekommen, oder es einem von ihnen geglückt wäre, zu den fernen Stammes - briiclern zu entkommen, gehörte zu den Seltenheiten. (Erst in den letzten Jahrzehnten ist es ihnen gelungen, in Massen auszuwandern, und zwar nach dem Lande ihrer Sehnsucht — nach Palästina.) Es steht also ausser allem Zweifel, dass sie nie von anderen Juden direkt beeinflusst wurden. Um so mehr aber verblüfft uns die auffallende Ähnlichkeit ihrer Gesangsweisen mit denen der Aschkenasim und hauptsächlich mit den Singarten der polnischen Juden. Sie besitzen einen feststehenden, ausgeprägten Synagogengesang und einen gut entwickelten Volksgesang. In ihrem Synagogengesange unterscheiden sie 15 Weisen: i. die Pentat euch weise, 2. die Propheten weise, 3. die Psalmweise, 4. die Hoheliedweise, 5. die Klagilied weise, (5. die Estherweise, 7. die Ijobweise, 8. die Liedweise des Pentateuchs, d. h. für diejenigen Stellen im Pentateuch, welche als „Lied" (Schira) bezeichnet werden, 0. die Semirothweise, 10. die Mischnaweise, IL die Tefillaweise, in welcher alle Gebetstücke (nicht Pijutim) rezitiert werden, 12. die Selichaweise, 13. die Taanithweise, 14. die Ascharothweise, lo. die Weise für die hohen Feste. Wir bringen hier Beispiele für einige dieser Weisen. Die synagogalen Weisen der Jemeniten bewegen .sich auf folgenden vier Skalen: Skala, 1. Durtonart, in welcher die Septime bald klein, bald gross auftritt, z. B. die Weise für die hohen Feste, vgl. Notenbeispiel Kr. 8. Die Liedweise des Pentateuchs bewegt sich nur im Umfange einer grossen Terz und schliesst auf der Sekunde, so dass es unmöglich ist, ihre Skala festzustellen (Noten beisp-el Nr. 3). Interessant ist es, dass die Saniaritaner für das Meereslied eine ähnliche Weise haben, welche nach ihrer Tradition noch von Moses herrühren soll! Skala 2. Molltonart mit grosser Sexte, vgl. Sei ich aweise Nr. 7, also mit der dorischen Kirchentonart identisch. Ob nun die Pentateuch- und Prophetenweise in derselben Tonart sich bewegen, lässt sich nicht feststellen, da sie niemals die Sexte berühren. Vgl. Nr. 1 u. 2. Skala 3. Hyperphrygische Tonart, d. h. aus folgenden Toristufen: h. c, d, e, f, g, a, also kleine Sekunde, kleine Terz, reine (manchmal auch verminderte) Quarte, verminderte Quinte, kleine Sexte und kleine Septime. In dieser Tonart steht die Tefillaweise (vgl. Nr. 6) und ist bei allen orientalischen und bei den sefardischen Juden zu finden, worauf wir noch zurückkommen werden. Skala 4. Die Klageliedweise bewegt sich in einem Umfange von einer reinen Quarte, und zwar c, d, e. f, worin eigentlich „d" vorherrschend ist, schliesst aber immer auf ..e"; ,,d*' wird oft zu .,dis" alteriert. Die Klageliedweise ist mit derjenigen der persischen und auch der babylonischen Juden identisch. Der Volksgesang der Jemeniten ist eine weitere Entwicklung des Synagogengesanges. Ks treten in ihm bereits Melodien mit fester, rhythmischer Form auf, wozu der Rhythmus des beim Volksgesange obligatorischen Tanzes und Händeklatschens viel beigetragen hat. So ist Nr. 9 der Notenbeispiele eine Reproduktion der Selicha weise, Nr. 10 eine Variation der Prophetenweise. Aber auch arabischer Einfluss ist in dem jemenitischen Volksgesange zu erkennen, hauptsächlich in den Gesängen der Dorfbewohner. In den Synagogengesang aber darf keine Neuerung hineingetragen werden, und er ist auch in der Tat vom arabischen Gesang grundverschieden.