Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Literarische Rundschau [Rezension]
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 571 - 572 (sequence 3)
- Language
- German
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571 Literarische Eundschau. 572 Die Einleitung de3 Werkes berichtet über die Geschichte des der Ausgabe zugrunde liegenden Manuskripts. Ausserdem hat Kahana dem Text Anmerkungen beigegeben, die nützliche Hinweise auf die Briefe und die übrige Literatur über Leo enthalten und auch die vielen im Briefe vorkommenden Orts- und Personennamen sowie die sonstigen italienischen Wörter erklären. Referent fand hier nur wenig zu ergänzen bzw. zu verbessern.2) 2) So ist S 32 Anm. Todesco zu lesen. — S. 38 ob-n h^Tüd ist natürlich Strella (mundartlich für Stella Wir schliessen die Anzeige mit dem Wunsche, da;s der rührige Herausgeber seine „Quellen zur jüdischen Geschichte", von denen die vorliegende Veröffentlichung nur das erste Heft bildet, in rascher Aufeinanderfolge erscheinen lassen könne. F. Perle s. vgl. span. estrella), die wörtliche Uebersetzung des hebräischen Namens seiner Tochter, da iriDK bekanntlich von persisch sitareh „Stern" kommt. — 8. 4ß rrt^Str rwbn, das der Herausgeber unerklärt lisst, ist eine Lichtung in Terzinen. RESTE ALTHEBRAEISCHER MUSIK. Von Abraham Zewi ldelsohn-Jerusalem. Mit dem Erwachen des Selbstbewusstseins im jüdischen Volke in den letzten Jahrzehnten wurde aucli das Interesse für jüdische Kulturgüter rege. Während aber alle anderen Schaffenszweige jüdischen Geistes erforscht und gepflegt wurden, blieb der jüdische Volksgesang noch ziemlich unerforscht. Wohl wurden auch auf diesem Gebiete mehrere verdienstvolle Untersuchungen, wie die von Naumbourg,1) Consolo,2) Singer,3) Ackermann4) und Friedmann5) gemacht. Aber diese Arbeiten, die ja an und für sich sehr schätzenswert sind und viel zur Kunde des jüdischen Volksgesanges beitrugen, sind doch einseitig, da sie lediglich den Gesang der Aijchkenasim (d. h. der deutschen und polnischen Juden) oder auch (wie die von Consolo und Naumbourg) bloss den traditionellen Gesang der italienischen und portugiesischen -Juden berücksichtigen. Alle Forscher des jüdischen Voiksgesangcs begingen den Fehler, <tass sie denOrientin den Kreis ihrer Untersuchungen gar .licht einbezogen, oder sich insofern — wie Acker- .mann und der Autor der Abhandlungen über jüdische Musik in der Jewish Encyclopaedie (vgl. J. E., Bd. III, Cantiiation) — mit einigen unsicheren, beiläufigen Aufzeichnungen begnügten. Wer aber den Dichter will verstehn, muss in des Dichters Lande gehen. WTer auf einem Gebiete der Wissenschaft den Charakter des Untersuchungsgegenstandes, und die Elemente, aus denen er geworden ist und sich zusammensetzt, erkennen will, muss dessen Heimat aufsuchen. Und ebenso muss natürlich derjenige, der sich der Erforschung des traditionellen jüdischen Gesanges widmet, dessen Entstehungsstätte in Betracht ziehen, den Gesang der dort ansässig gebliebenen Juden, die doch sicherlieh mehr als alle anderen von fremdem Einfluss verschont waren und dank ihrem Konservatismus alles Altertümliche treu aufbewahrten, untersuchen und mit dem Gesänge der anderen Juden vergleichen. Bei dem vollständigen Mangel an schriftlichen musikalischen Ueberlieferungen aus der antiken Zeit bleibt uns nämlich nur noch die mündliche Ueberlieferung der jüdischen Mu..ik, wie sie sich im Munde der Juden lebendig erhalten hat, übrig. Und wenn sich dann durcli die Vergleichun.ü herausstellt-, diss die Gesangsweisen der verschic denen getrennt lel enden Volksteile denselb3n Charakter und die.;ell33 musikalische Basis aufweisen, so sind damit *) Agudat Sehirim, Einleitung. Pari« 1874. 2) Cenni etc. Livorno. 3) Die Synagogentonarten (Steiger). Wien 1886. 4) Der synagogale Gesang in Winter und Wünsche. 5) Der synagogale Gesang, eine Studie- Berlin 1908. die Elemente des jüdischen Volksgesanges, wie sie wenigstens zur Zeit des zweiten Tempels im Volke lebten, dargetan. Das E.sil zerriss den jüdischen Volkskörper in mehrere Teile, die sich dann niemals mehr miteinander vereinten, und in geistiger Beziehung nur hie und da von einander beeinflusst wurden. Sie lebten und entwickelten sich weiter, indem sie ihr Eigenes mit dem verarbeiteten, was sie von ihrer Umgebung annahmen. Auf diese Weise bildete sich bei jedem Teile eine eigentümliche Geisteskultur aus. die natürlich den Gesang mit einbegriff. Man unterscheidet die zwei Hauptgruppen der sefardischen und aschkenasisehen Juden, die wiederum in Unterabteilungen zerfallen, Avie italienische, portugiesische, marokkanische, ägyptische, türkische und syrische Juden auf der einen, und polnische, litauische, nord- und süddeutsche und englische Juden auf der anderen Seite. Doch sind die JVamen ,,Sefardimk" und „Aschkenasim" durchaus unzutreffend, denn in Italien. Marokko, Aegypten, Türkei und Syrien existierten bereitvor der Emigration der Juden aus Spanien alte geordnete Gemeinden mit festen Riten, und es entstanden gleich nach der Ankunft der ,,Spaniolen'4 religiöse Kämpfe zwischen ihnen und den ansässigen Juden, die erst nach einigen Gene rationen durch ein Kompromiss beigelegt wurden. Darnach mussten die Spaniolen vieles von ihrem Ritus, ihren Ge brauchen und Eigenheiten aufgeben und diejenigen de eingeborenen Juden annehmen. Deshalb treten uns aucl so viele Unterschiede zwischen den einzelnen sefardischc? Gruppen entgegen,6) und ihre Tradition kann somit nich als rein und ursprünglich angesehen werden Aber auch die aschkenasisehen Gruppen unterscheide! sich vielfach untereinander, und es ist bereits die Vermutun; aufgestellt worden, dass die polnischen Juden nicht nu deutsche, sondern zum grossen Teile auch orientalisch* Elemente in sich aufnahmen, und zwar, wie aus den weiterei Untersuchungen hervorgeht, babylonischer und persischer Juden. Andererseits wanderten französische Juden nach Deutschland, deutsche Juden nach Italien und umgekehrtso dass der fremde Einfluss im süddeutschen Synagogen gesange auffallend genug und auch die Tradition der süddeutschen. Juden nicht als rein zu erachten ist. So kamen sowohl die sefardischen als die aschkenasisehen Gruppen durch ihre steten Wanderungen von Laim b) Vgl. Rosanes, Geschiehtder Juden in der Türkei. ' B. I. Husiatyn 1907.