Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Literarische Rundschau [Rezension]
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 569 - 570 (sequence 2)
- Language
- German
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569 Literarische Rundschau. 570 auch persönlich näher getreten ist, kann erst ermessen, was nicht nur das französische Judentum, sondern das Judentum überhaupt in ihm verloren hat. Denn trotzdem oder richtiger eben weil er ein aufrichtiger französischer Patriot war, blieb sein Blick nicht innerhalb der Grenzpfähle seines Landes haften, sondern richtete sich auf die Juden aller Länder, und speziell der Länder, in denen sie als Juden litten. Darum war er nicht nur der natürliche Ehrenpräsident der Alliance Israelite Universelle und der unermüdliche Mitarbeiter der Jewiäh Colonization Association, sondern auch der warme Freund der Ostjuden, auf denen, wie sein scharfer Blick früh erkannte, die Zukunft des Judentums beruhte. Wenn er sich an die Spitze aller Hilfsaktionen zu ihren Gunsten stellte, glaubte er damit keineswegs bloss einer Pflicht der Wohltätigkeit zu genügen, sondern an der Erhaltung des Judentums mitzuarbeiten, denn durch ihre •haltung werde zugleich die Erhaltung des westeuropäischen 1entums verbürgt. So war er auch einer der ersten, der moralische Bedeutung des Zionismus erkannte, und trotz Ablehnung seiner politischen Ziele eine offene Sympathie die machtvolle Bewegung bekundete. Zadoc Kahn hte sich selbst einmal den charge d'affaires du judaisme tlheureux und hat sich damit treffend gekennzeichnet. ,nn das Schönste und Anziehendste an ihm war sein grosses erz, das warm schlug für alle Leiden des einzelnen Juden ,vie der gesamten Judenheit. Und in welcher Weise er sich bemühte, diese Leiden zu stillen, dafür sei als Zeugnis nur eine Tatsache angeführt, die sein Biograph diskret verschwiegen hat. Zadoc Kahn, der als hoher Staats Würdenträger ein beträchtliches Einkommen hatte, ist fast mittellos gestorben. Denn obgleich ihm ein Rothschild und ein Hirsch unbeschränkte Mittel für wohltätige Zwecke zur Verfügung stellten, hat er auch noch aus seinen eigenen Mitteln weit über seine Verhältnisse in zartsinnigster Weise Wohltätigkeit geübt. Die Wärme seines Herzens tritt uns auch in allen seinen Predigten entgegen, von denen fünf Bande gedruckt vorliegen. Dieselben sind durch ihre abgerundete Form und rednerische Vollendung im besten Sinne französisch, ihrem ganzen Inhalt nach jedoch im besten Sinne jüdisch und stehen, wie es auch die vorliegende Biographie anerkennt, am meisten unter dem Einfluss Jellinek's, vornehmlich auch in dem starken Hervortreten des belehrenden Elements neben oder vor dem rein erbaulichen. Wissenschaftlich hat Zadoc Kahn sich nur wenig betätigen können. Denn die erdrückende Last der Amts- ^cschäfte liess ihn gegen Neigung und Begabung nicht zur gelehrten Arbeit kommen. Doch verfolgte er sorgfältig die neueren Erscheinungen auf dem Gebiete der jüdischen Yissenschaft, wie er denn auch der eigentliche Gründer ler Societe des Etudes juives ist. Die unter seiner Leitung rschienene vollständige französische Uebersetzung der >ibel erhebt zwar nicht den Anspruch, eine streng wissencliaftliche Leistung darzustellen, zeugt aber doch in den i>n ihm bearbeiteten Teilen, so speziell in den Psalmen, on seinem tiefen Verständnis für den Geist des Urtextes. Julien Weill hat sich seiner Aufgabe in hervorragender Veise entledigt. Er gibt ein liebevoll gezeichnetes überaus < ^ziehendes Bild nicht nur von dem Leben und Wirken « es trefflichen Mannes, der aus den kleinen Verhältnissen r 'iner elsässischen Heimat bis zur höchsten Stelle im frantischen Judentum aufgestiegen ist, sondern von all den u ichtigen Ereignissen, die das Judentum innerhalb und ausserhalb Frankreichs im letzten halben Jahrhundert berührt haben. Denn die äussere und innere Entwicklung Zadoc Kahn's ist gleichsam nur der Rahmen, in dem hier ein gutes Stück jüdischer Geschichte aufgezeigt wird. War doch Zadoc Kahn, wie es sein Biograph mit Recht ausspricht, ein Jude, dem nichts Jüdisches fremd war, und konnte daher sein Leben nur verwoben mit der ganzen jüdischen Geschichte dargestellt werden. Die Synoden der 60er Jahre, das Kriegsjahr 1870/71, die Anfänge des Antisemitismus, die Judenverfolgungen in Russland, die verschiedenen Hilfs- und Kolonisationswerke bis zum Zionismus und endlich die Affäre Dreyfus, unter deren Zeichen das letzte Jahrzehnt seines Lebens stand, alles sehen wir in lebendiger Schilderung an uns vorbeiziehen, doch, immer in engster Beziehung zu der überragenden Persönlichkeit, die aktiv oder passiv die Hauptfigur in dem grossen Drama darstellt. Ausser den erwähnten inneren Vorzügen ist das Buch auch äusserlich glänzend ausgestattet und mit vier Bildern Zadoc Kahn's geziert. Möge es das Andenken an den hochverdienten Mann dauernd erhalten nicht nur im Lande seines Wirkens, sondern überall da, wo eine edle, selbstlose, ganz dem Dienste des Judentums gewidmete Persönlichkeit gewürdigt wird. E. P e r 1 e s. * * * Abraham Kallana. Sepher C h a j e Jehuda. Kiew 1911« Erst seit einigen Jahren kennen wir durch das Verdienst von Ludwig Blau die hebräischen Briefe des Leo Modena, die endlich eine gerechte Würdigung des bei allen Fehlern doch sympathischen Mannes ermöglichen und zugleich ein wertvolles Dokument für die Kulturgeschichte des zeitgenössischen italienischen Judentums bilden. Nunmehr hat K a h a ii a auch die hebräischen Tagebuchaufzeichnungen Leo's veröffentlicht, die zwar nicht entfernt in ihrer Bedeutung an die Briefe heranreichen, aber doch eine wichtige Ergänzung dazu darstellen. Ein sorgfältiges Tagebuch von einem durch seine Schicksale wie seine literarischen Leistungen in gleicher Weise unsere Teilnahme beanspruchenden Rabbiner aus jener Zeit (Leo lebte 1571 bis 1648 in verschiedenen Städten Italiens und hauptsächlich in Venedig) ist schon an sich eine einzigartige geschichtliche Urkunde. Nur geschieht ihrem Wert Eintrag, wenn man sie, wie es auf dem Titelblatt geschieht, als Autobiographie bezeichnet. Denn das wollen diese Aufzeichnungen gar nicht sein, nennt sie doch Leo selbst nur w, d. i. Tagebuch1), und berechtigen auch weder durch ihren Inhalt noch durch ihre Form zu einer solchen Benennung. Es sind grösstenteils formlose Notizen, die zwar als S t o f f zu einer Autobiographie hätten dienen können, indem alles, was Leo's Herkunft, seine Erlebnisse und seine Tätigkeit betrifft, dort sorgfältig mit Datum aufgezeichnet ist, doch eine gerade bei einer so eigenartigen Persönlichkeit besonders wünschenswerte Darstellung seiner inneren Entwicklung vermissen wir ganz darin. Trotzdem ist das Gebotene noch immer von Bedeutung. Ganz abgesehen davon, dass verschiedene Angaben geeignet sind, die Chronologie seines ungeordneten Lebens und Sehaffens aufzuhellen, erschliessen sich unr; darin zahlreiche bisher unbekannte Einzelzüge aus seiner amtlichen und literarischen Wirksamkeit, und andere schon bekannte, so seine Leidenschaft für das Kartenspiel, finden neue drastische Belege. *) S. 71 psr\2 >W d. h. mein Tagebuch in quarto.