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Ost und West · 1912-06-01 · Heft 6 (Juni 1912) · p. Seite 555 - 556

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 6 (Juni 1912)
Article
Abraham Berliner
Date
1912-06-01
Page
Seite 555 - 556 (sequence 2)
Language
German
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555 S. Bernfeld: Abraham Berliner. 556 Rücksicht auf den mir hier gewährten Raum leider versagen. Dabei hat Berliner seit 1873, d. h. seit der Begründung des Rabbinerseminars zu Berlin, an diesem Lehrhause eine segensreiche Lehrtätigkeit ausgeübt. Sie umfasste die verschiedenen Gebiete, auf denen er sich als Forscher bewährte. Und eigentlich beschränkte sich Berliners Tätigkeit nicht auf das Rabbinerseminar, denn er wirkte anregend und belehrend auf junge Gelehrte, die zu dem stets freundlichen und hillsbereiten Meister zu kommen pflegten und durch seinenBriefwechselm.it fast allen zeitgenössischen Fachgenossen in Nah und Fern. Die Wissensehaft des Judentums kennt nur wenige Forscher vom Range Berliners, die so bereitwillig und unermüdlich die Arbeiten anderer förderten, wie diesen neidlosen Mann der Wissenschaft. Aber Berliner hat sich nicht'bloss als ausgezeichneter Gelehrter hervorgetan.'' Er ist ein Mann von grosser organisatorischer Kraft, die er verschiedenartig betätigt hat. Jn Wort und Schrift (Berliner hat sich in früheren Jahren auch als geistvoller Redner und Publizist bewährt) trat er für die Erhaltung und Befestigung des konservativen Judentums ein. Dabei bekundete sich seine Hebenswürdige und menschenfreundliche Natur, dass er wohl für sein religiöses Ideal kämpfte, aber niemand bekämpfte. Trotz aller Entschiedenheit, mit der er für seine religiöse Ueberzeugung eintrat, ist er niemandes Feind geworden, und niemand ist je ihm feindlich gesinnt gewesen. Berliner hat im Gegenteil wegen seiner vornehmen und lauteren Gesinnung und nicht zum mindesten auch wegen seiner vornehmen Kampfesart in allen Lagern Freundschaft und Verehrung gefunden. Wenn man sein Leben und Wirken betrachtet, wird man ihn als einen glücklichen Mann bezeichnen, aber dabei auch sagen müssen, dass er dieses Glück durch fleissige unermüdliche Arbeit, der Sache der Juden und des Judentums gewidmet, und durch vorzügliche Charaktereigenschaften wohlverdient hat. Dieser bescheidene, liebenswürdige und fromme, echtjüdisch fromme, Gelehrte, hat in seiner Persönlichkeit und in seinen wissenschaftlichen Lehren manche Aehnlichkeit mit der Persönlichkeit Raschis, über dessen Lehre und Wirken Berliner uns ausser dem oben genannten grossen Werk noch manche treffliche Abhandlung gegeben hat. SEMINARDIREKTOR ARON HORWITZ. Ein Qedenkblatt zu seinem 100* G e b u r t s t a g e, (Geb. am 9. Mai 1812 — gest. am 27. August 1881.) Von Bernhard Traubenberg. Die Emanzipation, welche den Juden Sonne, Licht und Luft zuführte, hat eine Fülle von Talenten hervorgebracht, die den schwer unterdrückten Volksstamm auch innerlich emanzipierten und ihm zum politischen das geistige und moralische Bürgerrecht erwarben. Die Zeitenwende, die durch das Jahr 1812 bezeichnet wird, gebar nicht nur die Freiheit, sondern auch die Kräfte, die den neuen Errungenschaften der Bildung und Aufklärung die Tore öffneten. Es sprosste, grünte und keimte allerorten wie nach einer schwülen Gewitternacht. Man braucht, um nicht erst zahllose Vertreter der Kunst, Politik, Literatur, Dichtung und Wissenschaft nennen zu müssen, nur an Auerbach und Bernstein zu denken, deren Säkulargedenktage von weiten Kreisen ihrer Anhänger vor kurzem begangen wurden. So Hess das Emanzipationsjahr auch einen .Mann das Licht der Welt erblicken, der wie wenige dazu berufen war, in einem gewissen Umkreis das Kulturniveau der Juden zu heben und der grossen Armee der Intellektuellen neue Truppen zuzuführen: Aren Hurwitz. Nach mannigfachen Irrfahrten auf der Lebensreise wurde Horwitz Rektor der jüdischen Knabenschule zu Berlin und Direktor des mit demselben verbundenen Lehrerseminars. An vielen Schülergenerationen hat er wie Sokrates Hebeammendienst geleistet und aus ihnen herausgeholt, was sie nur irgendwie herzugeben, vermochten. Horwitz verkörpert ein Stück Kulturgeschichte Berlins. Denn Hunderten und Hunderten war er der Prometheus, der Lichtbringer, der in ihnen den Funken der Vernunft entzündete und sie mit den Grundstoffen ausrüstete, aus denen sie sich später eine geistige Existenz bauen konnten. Horwitz war gewiss kein führender, eigene Bahnen wandelnder oder gar schöpferischer Geist, der die Welt mit neuen Forschungsergebnissen hätte bereichern können. Aber die Erscheinungen der Zeit zeigten beim Gange durch sein psychisches Spektrum eine eigenartige, bunte und fesselnde Farbenpracht. Stellte er auch keine neuen Ziele auf, so war er doch ein sicherer und kundiger Wegweiser zu alten und bewährten Idealen. In Strelno — Provinz Posen — geboren, verlebte er eine an Entbehrungen reiche Jugend. Die ärmlichen Verhältnisse des Elternhauses bekam Horwitz empfindlich genug zu spüren. Aber der tüchtige Kern, der in ihm steckte, überwand mit seltener Zähigkeit alle Rauheit des Daseins. Horwitz war zunächst vielfach auf sich selbst gestellt. Erst später kam er in reiferen Jünglingsjahren auf das französische Gymnasium zu Berlin, an welchem er in überraschend kurzer Zeit die Reifeprüfung ablegte. Aber er hatte noch lange unter des Lebens Not und Sorge zu leiden, ohne in seinem hohen Streben auch nur im geringsten zu erlahmen. Die jüdischen Jünglinge jener Epoche waren gewohnt, ihren Weg über Stein, zackigen Fels und unbequemes Geröll zu nehmen. Der steile Hang, der zur Höhe führt, ist von den meisten erst nach vielen Anläufen und Bewältigung schwerer Hindernisse erklommen worden. Waren diese Wege auch beschwerlich, unrationell, weitschweifig und für ein zielbewusstes Aufsteigen unzweckmässig, wurde das Ziel auch nicht in gerader Linie und in der kürzesten

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