Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 6 (Juni 1912)
- Article
- Alfred Graetzer
- Date
- 1912-06-01
- Page
- Seite 539 - 540 (sequence 1)
- Language
- German
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539 540 ALFRED GRAETZER. Von Karl Schwarz. Am Tage, bevor der Altmeister Jozef Israels die Augen schloss, ist ein junger Künstler von uns gegangen, der jäh aus tatkräftigem Schaffen gerissen wurde. Am 11. August des vergangenen Jahres ist Alfred Graetzer in Berlin gestorben. Ein junges Menschenleben ist geknickt worden, auf ansteigender Bahn, als gerade die Sonne über ihm aufzugehen sich anschickte und die ersten Blümlein der Anerkennung und des Erfolges aufspriessten. Von einem kleinen Kreise erst gekannt und geschätzt, vor der Oeffentlichkeit in stille/Arbeit zurücktretend, ist seine Kunst entstanden; frohe Zuversicht auf eine schöne Zukunft und sicheres Gefühl des eigenen Wertes waren die Führer seines zielbewussten Schaffens — ein unergründliches Geschick hat ihm den Griffel entwunden und seinem Streben ein allzufrühes Ende bereitet. — Als wir zu Beginn des Jahrganges 1910 dieser Zeitschrift Alfred Graetzer erstmalig einem grösseren Kreise vorführten, sprachen wir die frohe Zuversicht aus, dass sich der Künstler bald einen grossen Kreis von Freunden erwerben werde. Ueber Erwarten schnell scharten sich die Verehrer um ihn, aber ihnen allen blieb nicht mehr viel anderes übrig, als die letzten Früchte seiner künstlerischen Produktion zu geniessen und sie als Andenken zu bewahren. — Wir wollen nicht mit dem Geschicke hadern, dass es so grausam gewaltet, nicht in dumpfer Trauer wollen wir seiner gedenken, unsere Aufgabe ist es vielmehr, das Lebenswerk Graetzers, das nun abgeschlossen vor uns liegt, zu .betrachten, sein Streben und Können zu würdigen und die Taten seines Schaffens als ein Denkmal, das er sieh selbst errichtet hat, zu beleuchten. — Alfred Graetzer wurde am 28. Dezember 187 f) zu Gross- Strehlitz in Oberschlesien geboren. Nach Absol- NACH EINER LITHOGRAPHIE, vierung des Gymnasiums Sonniges Häuschen. sollte er Maschinenbau studieren und arbeitete ein Jahr lang in Berlin als Maschinenbaueleve. Dann wandte er sich der künstlerischen Laufbahn zu, besuchte nach kurzem Aufenthalt auf der Berliner Akademie die Akademie in München, ging dann nach Paris und nach Ungarn zu Hollosy und siedelte schliesslich noch Dresden über, wo er im Jahre 1903 ein eigenes Heim gründete. Nach der Geburt eines Sohnes erkrankte seine Frau und musste sich in ein Sanatorium in südlichem Klima begeben, so dass der Hausstand bald wieder aufgelöst werden musste. Von dieser Zeit an lebte Graetzer meistens in Berlin. Gar bald erkannte der junge Künstler seine besondere Begabung für die Schwarz-Weiss-Kunst und insbesondere für die Steinzeichnung. Mit grossem Eifer suchte er aus der Verbindung der verschiedensten Techniken, durch feine und feinste Nuancierungen der Kunst der Lithographie Herr zu werden. Ein starker Drang zu exakter Wissenschaft, besonders zu Mathematik und Philosophie, führte ihn bald dazu, auch den Problemen der Kunst nachzugehen und durch das Studium der alten Meister und mittels Experimente dem Wesen der Kunstentwicklung und Kunstbildung näher zu kommen. Dieses spekulative Herantreten an die Kunst, die Verbindung von Natur und Wissenschaft, schärfte seinen Blick und gab ihm die Möglichkeit, die leisesten Schwingungen seiner Seele in ihr zum Ausdruck zu bringen. fj^^^^^ß^^rr^ 1^.^^^^'J^^'^'"^Cj^.^^'^''i *•, " ■ -r^ogfl-p^r - - -' - -■<? j^jffgSgr ^m^m^^'] <si£fauC ^r<^A>Ajfr Der Künstler, der auf dem Lande aufgewachsen war, hatte in seiner Jugend die stillen Erlebnisse der Natur in sich aufgenommen. An der heimatlichen Scholle mit kindlicherLiebe hängend, hat er sich dann in dem Strudel der Welt umgesehen, hat das Leben und Treiben der Grossstädte an sich vorüberrauschen lassen und die Werke der unvergänglichen