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Ost und West · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 475 - 476

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Die neueste Erfindung eines jüdischen Hofmusikers
Date
1912-05-01
Page
Seite 475 - 476 (sequence 3)
Language
German
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475 Landcsrabhiner Dr. Silberstein-Schwerin: Die neueste Erfindung eines jüdischen Hofmnsikers. 476 Sommer veröffentlichte, er die Erfindung, nachdem er sich in Berlin Patentschutz erworben hatte. Die Erfolge waren ganz hervorragend. Es liegen mehrere Anerkennungsschreiben der verschiedensten Musiker < Ins In- und Auslandes vor. die es nicht für möglich hielten, auf so schwer spielbaren Instrumenten wie Oboe und Engl. Horn unbeschränkte Zeit ohne Unterbrechung spielen zu können und zu ihrer grössten Ueberraschung vom Gegenteil glänzend überzeugt wurden. Vor wenigen Monaten gastierten in Schwerin Felix Weingartner und Henry Marteau. Heide Künstler, denen der Apparat vorgeführt wurde, waren begeistert. Weingartner nennt die Erfindung in einem Schreiben vom 14. November geradezu ejjochemaehend. ,.Es handelt sich um nichts Geringeres, als dass sämtlichen Hlasiustrumenten dadurch die Möglichkeit gegeben wird, lange Phrasen und Figurationen ohne die geringsten Unterbrechungen durch das störende Atemholen wiederzugeben. Der Wenn icli ein Werk uiber ' diey Orientierung des Menschen in der Geschichte zu schreiben hatte, würde ich ihm das Motto vorsetzen: Es kommt immer anders! Ja. es kommt immer anders, als sich's die Dutzendmenschen, aber auch» anders, als sich's hervorragende Geister in bezug auf Gebiete, die mehr an der Peripherie ihres Interesses liegen, vorstellen. Im Jahre 1783 stiess kein Geringerer als Moses Mendelssohn einen wahren Schlachtruf gegen das jüdisch-deutsche Jdiom aus. ..das nicht wenig dazu beigetragen habe, den Mann aus dem Volke zu demoralisieren". Ein Jahrhundert später sprach der berühmte Geschichtsschreiber Grätz von einer ..halb tierischen Sprache". Aber was noch viel mehr bedeuten will: Eine ganze Reihe von ostjüdischen Intellektuellen-Generationen, die leuchtendsten Namen an ihrer Spitze., eiferten in den stärksten Ausdrücken gegen dieses Idiom. Niemand, dem sein guter Ruf als Mann der Aufklärung (..Haskalali") lieb war, durfte es wagen, in der einzig von der grossen Masse der Ostjuden verstandenen Sprache seine Gedanken und Gefühle zu formen und weiterzugeben.. Niemand glaubte es auch nötig zu haben, weil jeder die Tage der Verachteten für gezählt hielt. . . . Und doch kam es anders, ganz anders. . . . Zwar hat. noch im Jahre 1802 ein Komitee russischjüdischer Intellektueller der russischen Regierung die Bitte unterbreitet, sie möge ein strenges Verbot aller nichtreliuiösen Veröffentlichungen in jüdisch-deutscher Sprache erlassen. Aber diese charakteristische Tatsache hat gleichwohl nicht viel zu besagen. Das Anathema gegen den „Jargon" war von den geistigen Führern der „Haskalah" damals längst nicht mehr . beachtet. Ohne ihren prinzipiellen Standpunkt aufzugeben, hatten sie immer mehr eingesehen, dass sie sich zu dem fatalen Idiome bequemen müssten. wenn sie gehört sein wollten. Und— was wohl das Entscheidende ist — nicht nur Belehrer, auch Dichter gingen bald diesen Weg. Anfangs mit einer Art gestammelten Entschuldigung vor sich selbst und den andern, dann immer befreiter, freier und froher. Die sozialen und nationalen Bewegungen im russischen, sowie überhaupt im östlichen Judentum taten das Uebrige. Und so stehen wir heute vor Ergebnissen, die Mendelssohn und Grätz natürlich nicht ahnen konnten, die russisch-jüdischen Intellektuellen der „Eiaskalah'vKpoehe aber hätten ahnen müssen, und nur deshalb nicht ahnten, weil sie das deutsche Judentum sklavisch nachahmen wollten, ohne zu merken, dass bei ihnen zu Lande die Verhältnisse und Voraussetzungen doch ganz andere waren als dort. Wir stehen heute einer Literatur gegenüber, die sich den Respekt der Kult urweit erworben hat und die nicht nur auf die Sprache, in der sie geschrieben ist, sondern auch auf die Massen, die diese Sprache sprechen, gute Bläser kann nunmehr viel schöner und freier phrasieren, wie bisher, lange und aneinander gebundene Töne bringen wie der Geiger. Die künstlerischen Vorteile sind ganz enorm." In diesen Tagen lässt sich Dr. Richard Stranss den Apparat auf der Flöte, Oboe und Tuba vorführen. Nun möchte man glauben, dass eine Erfindung von so weittragender Bedeutung schnell zur Einführung gelangt und dem Erfinder materiellen Erfolg bringt. Das ist aber nicht der Fall. Der Künstler ist darauf angewiesen, selber den Apparat technisch zu konstruieren. Dabei ist er beruflich sehr in Anspruch genommen, die vielen Korrespondenzen, die er nun zu führen hat, da Anfragen von allen Seiten an ihn gerichtet werden, und die Vorführungen kosten Zeit und Geld und lassen das Ausbauen nur langsam vorwärtsschreiten. Hier wäre Förderung der Kunst und des Künstlers durch unsere vielgerühmten Philanthropen und Kunstmäzene sicheram Platze. Nachdruck verboten, veredelnd und verschönernd wirkt. Wir selbst gewinnen immer mehr und immer freundlichere Beziehungen zu dieser Literatur und zu ihrem kostbaren Ursprünge, dem ostjüdischen Volksliede und der ostjüdischen Legende. Wer sich über diesen allen Hindernissen zum Trotz siegreichen Entwicklungsgang der Literatur des Jiddischen informieren will, lese die „Historie de la Litterature Judeoallemande" von Dr. M, P i n e s.1) Notabene, wenn er französisch kann. Wer es nicht kann, mag es bedauern. Und alle mögen es beklagen, dass dieses Buch zuerst französisch geschrieben werden musste und darüber nachdenken, warum es nicht deutsch geschrieben wurde — zumal der Verfasser, wie ich weiss* das Deutsche ebenso gut beherrscht wie das Französische. Dr. Pines hatte wohl seine Gründe, dem Buche das empfehlende Vorwort des Professors Andler Vordrucken zu lassen, und die germanistisch-fachlichen Bemerkungen des Pariser Universitätslehrers, sowie seine freundliche Stimmung gegenüber dem Thema sind gewiss recht willkommen. Nur hätte er sich nicht auf das Gebiet des jüdischen Religions-, Kultur- und Sprachproblems als einer ihm übrigens recht fern liegenden Zukunftsfrage verlocken lassen sollen. Da hat der Verfasser des Buches selbst, wiewohl vom Hause aus orientiert, dieser Versuchung denn doch ganz anders widerstanden. Er lässt keinen Zweifel darüber, dass er für Vergangenheit und Gegenwart in bezug auf Jiddisch und seine Literatur den positivsten Standpunkt einnimmt, aber er vergisst keinen Augenblick, dass seine Aufgabe nur eine literar geschichtliche ist. Kurz, aber gut, ist das Kapitel über die Geschichte der Sprache selbst. Ganz vortrefflich schildert er, wie sie geworden ist, wie sie sich in der ausserdeutschen Umgebung „radikal von ihrer Muttersprache differenzierte". Er zeigt uns ihre Dialekte und wie sie — vom Hause au» viel weniger unterschieden als z. B. die deutschen Mundarten — dank den. klassischen Dichtern und ihrem „instinet admirable du genie de la langue" immer mehr sich ausgleichen. Er berichtet uns endlich, wTie die allmählich an Stelle von unkontrollierten Märchen getretene wissenschaftliche Untersuchung die Grammatik der Sprache festgestellt hat. Was die Geschichte der Literatur selbst betrifft, so sei namentlich auf die Behandlung der schwierigen Uebergangszeit von der primitiven Legenden- und Erbauungszur künstlerischen Literatur aufmerksam gemacht. Es fehlt hier nicht an dem erklärenden Zeitbilde. Die ganz seltsame, unwirkliche Art der ostjüdischen Aufklärungsepoche *) M. Pines, Docteur de l'Universite de Paris. Histoire de la Litterature Judeo-allemande. Avec im preface de Charles Andler, professeur de la Sorbonne. Paris, Jonvie" & Cie., Editeurs. 1911. (582 ß. Lexikon-Format).— Es ist auch eine Ausgabe in Jiddisch erschienen. LITERARISCHE RUNDSCHAU.

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