Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Der Taube
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 471 - 472 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
- article
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/2583875-2584019-2584025-2601036--13076-2601121- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
471 David Bergelsohn: Der Taube. 472 l'ml einige Tage später kam er wieder. Derselbe junge, ausgeruhte.Arzt mit demselben kleinen Schnurrbart und denselben schwarzen, klugen Augen und sass wieder so lange bei dem Kranken. Sah ihm ins Gesicht und sann. Auch der Taube sali dem Arzt ins Gesich t und sann. Aber sie verstanden einander nicht. So verschieden waren die beiden Leute, die sich da in die Augen sahen. Schliesslich wurde der Taube gesund, ganz wider Erwarten und ohne Menschenhilfe. Und es war wirklich merkwürdig: Er war noch kräftiger und gesünder ate früher. Nur eins hatte er davongetragen: Er schlief nicht mehr bei Nacht. Hoch, breitknochig und gleichgültig wandelte er auf und ab und schwieg zusammen mit den stillen, finsteren Nächten. Lange und finstere Nächte waren es, hüllten die ganze träumende Welt in ihre dunklen Tiefen, und schläferten alles Lebende und Keimende ein. Nur ihn nicht, den einzigen Weltpuls, der nicht ruhen, ja nicht einmal an Ruhe denken durfte. Immer ging er auf und nieder in dem kleinen Raum, klopfte wie die Unruh einer Uhr, und trug die Leiden und die Trauer aller Schlafenden auf sich. Er war müde, aber an Ruhe dachte er nicht. Würde ihn jemand an der Hand fassen und festhalten, —■ er würde sich sicherlich losreissen und weiter auf- und abwandern. Manchmal wird das Kind der Trödlerin unruhig, ächzt zuerst und bricht dann in lautes Weinen aus. Die Trödlerin fährt erschreckt aus dem Schlafe auf, hebt ein wenig den schweren Kopf und beruhigt das Kind. „So schlaf, schlaf!*' Nun hört sie den Tauben daneben auf und ab gehen und flucht. Aber der Taube hört nicht und wandert weiter hin und her. Seine Tritte sind hart und fest, und die Nacht ist still und verschlingt sie still und allmählich und wartet auf neue. Und die neuen schweren Schritte sind schon da und hämmern das schläfrige Hirn. Und wohl deshalb, weil die Nacht so still ist und nur der Taube hin und her geht, kommt es ihr vor, dass er ewig so gehen und die Nacht sich ewig, ewig hinziehen wird. Sie erschreckt vor dem Gedanken, zieht die Decke über den Kopf und schläft in der alten Angst der Kinder]ahre ein. Nun schläft sie schon fest. Aber im schlafenden Hirn schwirrt noch ein Fluch. Einmal erwachte der Trödler mitten in der Nacht und hörte den Tauben nicht auf und ab wandeln. Vielleicht hat ihn schon der Teufel geholt — dachte er. Der Taube aber lag in seinem Bette und klopft»4 fortwährend leise mit den Füssen an die Bettstelle. Er war nicht schläfrig, wusste nicht, ob vor der Nacht auch ein Tag war und ob nach der Nacht etwas sein wird. Plötzlich sah er, wie von draussen jemand durchs Fenster guckte. Er kniete im Bette hin und sah nach dem Fenster. Es war eine Kuh, die dort stand, eine traurige, unglückliche Kuh. Er erkannte sie bald. ... Wowe Byks Kuh. .. . Rasch griff er nach der Hacke und eilte hinaus. Rieht ig, eine Kuh stand draussen, frass nasses Stroh vom niedrigen Dach und kaute es gemächlich mit ihren geraden, stumpfen Zähnen. Sie bemerkte ihn und zog sich zurück. Er ging ihr nach, ganz langsam, ohne Hast. Ringsum still und öde. Ein feuchter Wind strich durch die blasse Nacht und trieb allerlei Unwesen: Riss vom Dach eines nahen, verfallenen Häuschens Stroh heraus und blies es über den schmutzigen Schnee hin. Verfing sich in den Bäumen neben dem Hause eines Reichen und klopfte mit ihren Spitzen auf das eiserne Dach. Und irgendwo in der zweiten Gasse kam gerade ein Händler spät von seinem Geschäfte heim und pochte nach Herzenslust an ein Fenster seines verschlafenen Hauses. Ganz in der Nähe vor einem Hause stand eine Menge Hunde,, die sich freundlich ansahen und mit den Schweifen einander zuwedelten. Bis einer von ihnen die Kuh und den Tauben sah und auf sie zusprang. Da liefen sie alle hin. Die Kuh aber floh vor dem. Tauben, er mit der Hacke hinterher. Und der Wind vergass an die Spitzen der Bäume und setzte dem Rudel nach, das durch die blassdunkle Nacht in wildem Durcheinander über Gräben und Misthaufen jagte. Früh morgens fand man den Tauben tot und neben ihm die getötete Kuh von Pessie, der Milchhändlerin. Lind Pessie weinte. Sie habe doch sicherlich keine Schuld .... Sie konnte nicht fortsetzen. So bitterlich weinte sie. Die Leute standen nachdenklich herum und schwiegen. DIE NEUESTE ERFINDUNG EINES JUEDISCHEN HOFMUSIKERS. Mitgeteilt von Landesrabbiner Dr. Silberstein-Schwerin. Es dürfte die Leser dieser Zeitschrift interessieren, dass der Grossherzogliche Hofmusiker Bernhard Samuels kürzlich eine Erfindung gemacht hat, die in Nachdruck verboten. der juu sikalisch en Welt Aufsehen erregt hat und von vielen Musikkapazitäten mit grosser Freude aufgenommen worden ist. Dr. Hans Richter - Bayreuth nennt die Erfindung eine der grössten Wohltaten, die der musikalischen Welt erwiesen werden konnte. Graf Seebach, der Generaldirektor der Königlich Sächsischen Kapelle und des Hoftheaters zu Dresden, hofft, dass durch die neue Erfindung Samuels auf dem Gebiete der Blasinstrumente sich ein Fortschritt von grosser Bedeutung vollziehen wird. So spricht sich eine grosse Anzahl der bedeutendsten Musiker anerkennend aus. Die Erfindung bezweckt, einem grossen Uebelstand beim Spielen von Blasinstrumenten abzuhelfen, indem durch den Samuelschen Ton-Binde- Apparat „Aerophor** das Abbrechen von gehaltenen Tönen oder langen Phrasen verhindert werden soll. Das Abbrechen entsteht dadurch, dass die Lungenluft nicht ausreicht, um das Blasinstrument zum Tönen