Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Der Taube
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 469 - 470 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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4G9 David Bergelsohn: Der Taube. 470 Rembrandt: Das Opfer Manoahs. schlafenden Köpfe zur Seite fallen und schlafen dann wieder mit einem Gedanken der Zuversicht ein: So Gott will, wird's ein guter Markt. . . . Plötzlich das erschrockene Aufwiehern eines Pferdes, der Schlitten springt zur Seite. Der Bauer, der die Pferde antreibt, stösst einen Schrei aus. Die Juden erwachen in furchtbarem Schrecken. Jedem klopft das Herz. Was ist geschehen? Der Bauer steht schon bei den Pferden und flucht unflätig. Die Juden laufen geschwind hin und erkennen den Tauben. Den Körper eingezogen, im wattierten Leibchen, mit dem Gurt herum, auf dem Kopfe die Mütze bis über die Ohren, — so liegt er da. In der festgeschlossenen rechten Hand eine Hacke. Er ist noch ganz warm. Man legt ihn auf den Schlitten und fährt ihn nach Hause. Man kann ja nicht anders. Die Juden sehen missvergnügt nach dem blassen Streifen im Osten und seufzen: Sie haben den Markt verspätet. In der Stadt wusste man bald alles haarklein. Kein Zweifel! Der Taube hatte Byk umbringen wollen. Und es fand sich ein Zeuge, der Byks Angst vergrösserte. Spät bei Nacht war er am Bykschen Hause vorbeigegangen und hatte einen Mann den hohen Zaun hinaufklettern gesehen. Da habe er Angst bekommen und sei entlaufen. Bei Byk nahm man nun bald einen neuen Pförtner auf, einen gesunden Kerl, der ganze Nächte an den hohen Zaun klopfte. Der halberfrorene Taube aber war zwei Wochen krank und wälzte sich stumpfsinnig in seinem Bette in der nassen Küche. Irgendwer erbarmte sich seiner und schickte einen Arzt zu ihm. einen jungen, ausgeruhten, gutmütigen Arzt, mit kleinem Schnurrbart und schwarzen klugen Augen. Und der gutmütige, ausgeruhte Arzt sass lange bei dem Kranken, sah ihm lange in das gleichgültige Gesicht und hörte geduldig die lange Geschichte an, die ihm die heisere, dürre Trödlerin erzählte. Offenbar erschien ihm alles, was er da sah und hörte, sehr wichtig und interessant. Und darum sass er wohl so still und nachdenklich und mit so grossem Respekt da.