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Ost und West · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 467 - 468

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Die Geschichtslüge über Leopold Zunz
Date
1912-05-01
Page
Seite 467 - 468 (sequence 6)
Language
German
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467 Prof. Dr. Kalischer: Eine Gesehichtslüge über Leopold Zunz. 468 Wiedererweckung; seiner Kritik, die, wiowohl sie nur die Zunzstelle betraf, doch zugleich das Verdikt über sämtliche der Kaiserin Augusta zugeschriebene Briefe aussprach, erfreuen, aber er hat wohl nicht daran gedacht, dass sie nur wenige Jahre spater wieder vergessen sein und die Fälschung über Leopold Zunz wieder aufleben werde. Nun. wir zweifeln nicht, dass Zo lisch an in einer etwaigen neuen Auflage seines. Werkes sich korrigieren wird, aber wir zweifeln., dass damit die Pabel für immer begraben sein werde. Dann erinnert sich vielleicht der eine oder andere dieser Erinnerung und stellt die Wahrheit, wieder her. DER TAUBE. Von David Bergelsohn. — Aus dem Jüdisch-Deutschen übersetzt von X, (Schluss ) Und wie er, nach Hause gekommen, neben dem Trödler am Ofen steht, denkt er noch immer darüber nach. Er erinnert sich jetzt, dass er hei Byk im Hause war und dieser nehen ihm stand. Und an noch etwas erinnert er sich: dass er taub ist und ein Träger, und einmal ein Weib Lea hatte und eine Tochter — Esther. Er verzieht das Gesicht und zeigt auf seine Brust. Essen — soll das für den Trödler bedeuten. Der Trödler aber sitzt ruhig neben ihm, hält sein kleines, schmutziges Kind auf den Knien und streichelt dessen unreinen Kopf. Seine" Stimme ist weinerlich und eintönig, wie die eines Weibes. Er hat keinen Bart. Bloss einige Haare stecken in seinem Kinn und auf der Oberlippe und bewegen sich hin und her, wenn er spricht. Er gähnt laut, steht auf und schreit dem Tauben ins Ohr: „Ich mein5, er kann bezahlen, der Byk . . ." Das schmutzige Kind verzieht das Gesicht, öffnet den kleinen, zahnlosen Mund und verliert den Atem. Der Trödler hört es nicht und schreit dem Tauben weiter ins Ohr: „Der Teufel soll ihn holen, den Byk!" Die Trödlerin stürzt von der Strasse herein, nimmt das weinende Kind in ihre kalten, dürren Arme und kreischt: „Für eine solche Geschichte sollte er gut zahlen, der Lump. . . . Aber er weiss ja, mit wem er's zu tun hat." Sie fasst ihn an der Hand und sehreit: „Warum schweigst du . . . du tauber Narr!'* Doch seine Gedanken sind schon wieder verworren. Er sieht ihr gerade ins Gesicht und rührt sich nicht. Ein Nachbar, ein Schneider, mit einem weichen, hellen Bart, kommt herein, betrachtet den Tauben eine Weile und zieht ihn am Aermel: ..Tauber, was für ein Tag ist heute?" Er ist ein weichherziger, guter Mensch, der junge Schneider mit dem langen, weichen Bart. Er will nur herausbekommen, wie weit des Tauben Verworrenheit geht. Dabei schlägt sein Herz so schnell und das zarte Gesicht ist schon ganz rot, di3 Augen funkeln und schämen sich. Er hat wohl gar eine Dummheit begangen? ... Doch der Taube weiss nicht, wer ihn am Aermel zieht, und warum man ihn zerrt. Gebückt, die Hände versteckt, verlässt er das Haus, geht und weiss nicht wohin, streift vor der Klaus herum und auf dem Markte zwischen den Geschäftsläden. Und plötzlich findet er sich wieder bei Byk im Hause. Und Byk steht vor ihm und schreit ihm in eines seiner Lappenohren: „Was willst du, Tauber?" Nachdruck verboten. Man öffnet die Tür und weist ihn hinaus. Er steckt wieder die Hände in den Aermel und gehorcht still, ohne ein Wort zu sagen. VI. Kurze Frosttage. Eigentlich keine Tage, sondern dunkle und ganz schrecklich kalte Dämmerungen. Der Schnee fiel in dichten Massen. Früh morgens hatte der Trödler einen Sprung nach dem Markte gemacht, — sich über dem Pelz noch in den Schal seines Weibes gewickelt. Rasch war er zurück — eingeschneit und mit blauer Nase, rieb sich die erfrorenen Ohren mit den erstarrten Fingern und erzählte von drei Erfrorenen, die man irgendwo in der Nähe bei einem Dorfe gefunden hatte. Ja. und noch eins! Juden wollten auf einen Jahrmarkt fahren, kamen aber nur bis vor die Stadt, von wo sie kaum noch lebendig zurückkamen. Er freute sich, dass er mit genug Heizung versehen war, sass mit einer Arbeit am heissen Ofen, sah auf die schneeverwehten Scheiben und band vorlauter Behaglichkeit mit dem Tauben an: „Dass du mir zu Hause bleibst, Tauber! . . . Hörst du?" Der Taube hörte aber nicht und machte goradr das Gegenteil. Er zog das kurze, dicke Leibchen an. schnallte den Gürtel fest an, zog die Mütze über die Ohren und zupfte sogar die Trödlerin rückwärts an ihrem Kopftuch. Sie soll sehen, dass er fortgeht. ... In die Mühle geht. . . . Zu Byk in die Mühle. . . . Die Trödlerin warf ihm einen bösen Blick zu: „Geh in die Hölle. . . . Und bleib gleich dort! . . .u Er nickte ihr aber weiter zu: Ja, ja, zu Byk in die Mühle. Er ging langsam durch die Stadt, wandte sich nach links und nahm den Weg in das einsame Tal, wo der Schneesturm mit dem Rauch einen Rund tanz aufführte. Der in Pelze gewickelte Mühlpförtner erblickte ihn und stellte sich vors Tor, wollte ihn nicht hineinlassen. Da warf er sich auf ihn. Nun ringen sie beide und schlagen sich blutig. Schliesslich kommt der Gendarm, der den Tauben zwei Leuten übergibt. Darnach eine stille, sternenklare Frostnacht. Und Freitag ganz früh morgens fährt ein Schlitten, voll mit schlafenden Juden, auf irgend einen Jährmarkt in einem nahen Städtchen. Es ist ganz still ringsum. Rechts schläft der Bauernfriodhof, und links Wowe Byks weisses Haus mit dem langen Garten. Und über alledem ein grauender klarer Himmel. Die Sternchen schon ganz matt, winken einander noch ein stilles Nachtgeschichtchen zu. r ' . Die Juden im Schlitten las-en immer wieder die

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