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Ost und West · 1912-05-01 · Heft 5 (Mai 1912) · p. Seite 459 - 460

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Journal
Ost und West
Volume
12 (1912)
Issue
Heft 5 (Mai 1912)
Article
Die Geschichtslüge über Leopold Zunz
Date
1912-05-01
Page
Seite 459 - 460 (sequence 2)
Language
German
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459 Dr. Kalischer: Eine Geschichtslüge über Leopold Zunz. 4GO läge S. 463): ,,Bezeichnete doch selbst Zunz, der sein Lehen dein Studium der jüdischen Literatur gewidmet hatte, sein Festhalten am Judentum als die grosse Grille seines Lebens." Woher hat Zollschan diese ohne Quellenangabe aufgestellte, jedem, der nur einigermassen Zunz' Leben und sein Werk kennt, ungeheuerlich erscheinende Behauptung? Es ist gut, der Sache auf den Grund zu gehen, es ist im Interesse des Judentums. Denn, man bedenke doch: Zollschans Buch hat in einer ungewöhnlich kurzen Zeit die zweite Auflage erlebt. Tnusende haben es gelesen und werden es losen, aber sicherlich nur wenige von ihnen werden aus psychologischen Gründen oder aus ihrer Kenntnis der Dinge heraus eine so bestimmt auftretende Behauptung nicht glauben. Wie verderblich könnte das angebliche Beispiel eines Zunz auf die Lauen und Schwankenden und auf viele andere wirken! Wenige Monate nach dem Tode der Kaiserin Augusta veröffentlichte die „Tägliche Rundschau" angebliche Briefe der Kaiserin an eine Frau von Schöning und eine Frau von Bonin. In dem uns hier allein interessierenden angeblich aus dem Jahre 1882 stammenden Briefe an Frau von Bonin, den die „Tägliche Rundschau" am 15 August 1890 (Beilage S. 755) brachte, spricht die Kaiserin ihre Missbilligung über den Antisemitismus aus und beklagt ihn ebensowohl aus menschlichen Gründen, als auch deshalb, weil er die Bekehrung der Juden verhindere. „Ich weiss noch von meiner Jugend her, dass in den zwanziger und dreissiger Jahren . . . sich von den angesehenen Juden sehr viele taufen Hessen, und deren Familien zählen heute zu den respektabelsten im Lande. Damals trug sich das Christentum mit seinem vorherrschend humanistischen Gepräge allen als eine begehrenswerte Religionslehre an, denn damals hatte sich die Weltanschauung mit Ilerderschen Lehren und mit Hegeischen Grundsätzen erfüllt,, und das Christentum übte eine bezwingende Wirkung auf alle intelligenten Bekenner der israelitischen Religion aus. Es bleib en mir die Stunden unverge sslich, in denen ich mit Leopold Zunz religiöse Fragen besprach. Nicht viel fehlte, und auch er gab „die grosse Grille seiner Seele4* auf. Damit bezeichnete er seinen Entschluss, es anderen nicht nachzutun, die Christen geworden. Der Zug zum Christentum war ein gewaltiger geworden". Dieser Brief ist — ebenso wie die übrigen, die die „Tägliche Rundschau1* am 3. und 20. August 1890 veröffentlichte — eine Fälschung, und der den Nachweis der Fälschung erbracht hat, ist der unvergessliche Dr. S Neu mann. Das bezeugt ihm der berühmte Kirehenhistoriker, vielseitige Gelehrte und politische Schriftsteller Friedrich Nippold in seinem Buche: „Aus dem Leben der beiden ersten deutschen Kaiser und ihrer Frauen Forschungen und Erinnerungen- (Berlin 1906) mit den Worten, die mit Berücksichtigung des Umstandes, dass der apokryphe Brief der Kaiserin den Antisemitismus verurteilt, gewühlt sind (S.371): „Um so freudiger durfte es begrüsst werden, dass es gerade ein jüdischer Gelehrter gewesen ist, welcher die Quellen des Betrugs unwiderleglich aufgedeckt hat", und fügt hinzu: „Um so betrübender und nur zu lehrreich für die üblen Mächte, welche auf unsere Publizistik einwirken, ist dagegen die andere Tatsache, dass auch nach jenem unantastbaren Nachweis der Fälschung das weitverbreitete Buch: „Die Damenpolitik am Berliner HoP die gefälschten Briefe als echte Dokumente nachgedruckt hat". Hier haben wir wohl eine der Quellen von Zollschans Aussage, der gegenüber sich die Wiedergabe von Neumanns Nachweis der Fälschung nur 7u sehr rechtfertigt. A. v. Dyck: Simson und Delila.

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