Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Unser Frühling
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 447 - 448 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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447 Julius Goldberg: Unser Frühling. 448 willkürliches"* jus nun scriptum aus, dass dorn gegenüber alle gesetzlichen Beschränkungen nur etwas ( nbedeutendes sind. Der Ministerpräsident Kokowzew durfte sich den Luxus leisten zu erklären, er werde seine Politik nur nach .„den bestellenden Gesetzen" richten,*) er konnte es sogar wagen, in der Reichsdiima "zu äussern, dass er kein Gesetz über die Nationalisierung des Kredits einzubringen gedenke. Wozu;ui»'h neue Ausnahmegesetze? Hat es doch die Praxis sn weit gebracht, dass man auch ohne Gesetz den jüdischen Wirtschafts-Genossensehaften jeden Kredit verweigert. lTnd wird man denn nicht allmählich auf der ganzen Linie Beschränkungen praktisch verwirklichen können, ohne den schwerfälligen Apparat der Gesetzgebung in Bewegung zu setzen, ohne die immerhin unangenehmen Reden der Oppositionsminderheit der Reicbsduma anhören zu müssen, ohne das Ausland, mit dem man doch bis zu einem gewissen Grade rechnet, in Erregung zu bringen4? Das einzige Hindernis— die denkbare Rücksicht der Behörden auf das Gesetz — ist beseitigt, nachdem man sich nicht gescheut hat, ein Ausnahmegesetz, gerade den Rechtskundigen gegenüber, so zu interpretieren, wie es geschah. Damit hat man urbi et orbi, auch dem kleinsten ,,Tschinownik" verkündet, wieviel in Russland das Recht der Juden wert ist/ Gewiss, es wird keinen Verfolgungen gelingen, Russland zu einem judenfreien Staate zu machen. Ein Handelsvolk, das so eng mit der Volkswirtschaft zusammengewachsen ist, kann nicht willkürlich ausgeschieden werden. Auch wenn die Juden, der langen Verfolgungen müde, es wollten, auch wenn sie ein Ersatzland — was leider auch nicht entfernt der Fall ist — hätten. Eine wesentliche Wendung zum Bessern aber — und auch dies muss offen aus- *) Vergl. den Artikel „Exzellenz Kokowzew" in der Zeitschrift „Xord u. Süd", April 1912. gesprochen werden — ist für absehbare Zeit nicht ya\ erwarten. Mag auch dieser neue Kurs noch so schwere Folgen selbst für das gesamte russische Volk und für die russische Volkswirtschaft haben, mag auch der sogenannte russische Nationalismus hauptsächlich vom wildesten Despotismus und schädlicher Karriere - .macherei diktiert sein, der Zeitpunkt des Aufatmens liegt noch fern. Der Schamlosigkeit des russischen Vorgehens nur einige Grenzen zu ziehen und denjenigen der Verfolgten, die sich unter dem Druck der Verhältnisse in Russland nicht mehr behaupten können, die Möglichkeit zu schaffen, eine freundlichere Heimat zu finden — das ist das einzige, was in dieser schweren Situation zu tun übrig bleibt- Das k a n n geschehen, wenn das Gewissen der zivilisierten Welt mehr als bisher geweckt wird, wenn die gesamte Judenheit ihrer Pflicht bewusst .sein wird; d a s m u s s a b e r a u c Ii g e s c h e h e n ., w <e n n d i e gesamt e Welt nicht dem Auf erstehen -der i n o d e r n i s i e r t e n 1 n q u i s i t i o n in e i n e m s og ena nnt en europä ischen S t a a t e g 1 e i c b g ü 11 i g z u s c h a u e n will. Die V e r w i r k 1 i c h u n g d er v o n ,, 0 s t u nd W est" p rop agierten Idee ei nes interterritorialen Kongresses — das beste Mittel in der gekennzeichneten Richtung — m u s s von n e u e m auf d i e T a g e s o r d - n u n g gestellt w e r d en Es w i r d s i c h eine F o r m finden lasse n, d i e a u c h d e n a m e r i k anis c hen S t i m m ungen g e r e c Ii t w i r d. . . Die Zeit ist zu ernst, um diese einzig fruchtbare Idee wegen Prinzipienreiterei scheitern zu lassen. D er Ivongress muss, wenn a u c h in einer weniger vollendeten Gestalt, z u r T atsache werden, es muss ein G e - s a m t w i 11 e geschaffen werde n! Sonst . . . ., wir möchten es nicht aussprechen, sonst .... sind wir verloren! L. Glaize: Die Gefangennahme Simsons. (Zum nachstehenden Artikel „Sinison in der bildenden Kunst".)