Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 12 (1912)
- Issue
- Heft 5 (Mai 1912)
- Article
- Die Juden und die deutschen Universitäten
- Date
- 1912-05-01
- Page
- Seite 433 - 434 (sequence 9)
- Language
- German
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433 Theodor Zlocisti: Die Juden und die deutschen Universitäten. 434 Tübingen, Rostock haben nie jüdische Ordinarien gehabt. Andere Universitäten halten die Zahl jüdischer Ordinarien fest. Die Verschiebung der Prozentverhältnisse ist nur scheinbar wegen der kleinen Zahlen. Berlin geht kräftig rückwärts: seit Jahren hat kein Jude ein Ordinariat erhalten. Eifersüchtig hüten die einzelnen Fakultäten das Dekorum, keine öffentlich-rechtlich gesicherte Heimstätte für jüdische Professoren zu sein. Selbst die Mediziner, dem heftigsten Ansturm der Juden preisgegeben, halten die — Posten besetzt. Von 14% aller Ordinarien (1874/75) sind die Juden auf 5% im Jahre 1909/10 zurückgedrängt. Seit 1884 ist nur ein Jude aufgerückt! In den einzelnen philosophischen Disziplinen darf e i n Jude, höchstens zwei, ein Lehrfach ordentlich4' vertreten. Aber von48Mathematikern sind 5 Juden. Die Nationalökonomie ist jndenrein. Die beiden Historiker in Strassburg sind rein vom Judentum. Mit der Annahme der Taufe wächst die Befähigung für das Ordinariat zusehends. Zwar kommen die Ernennungen nicht so flott, wie bei den Christen von Geburt und Ueberlieferung. Und federt seit den Jahren der Herrschaft des Rassegedankens das Sprungbrett nicht mehr so leicht: doppelt und dreifach so elastisch schnellt es doch in die Höhe als der tüchtigste Ansatz der Juden. Im ,,Ländle" freilich — im liberalen Musterstaat Baden — wird die Schwungkraft der Taufe „voll und ganz" gewürdigt. Da steigen die Jungchristen auf von ll/2% über 4% zu 7% der Ordinarien. Die jüdischen Extraordinarien fallen von 14% auf 7%; die getauften Anwärter für den kurulischen Sessel mehren ihr Prozentverhältnis von 0 über 9 bis zu 14. Die Juden stauen sich im Gebiet der niederen Weihen. Da können sie grau und alt werden. Werden ihre wissenschaftlichen Leistungen indes gar zu peinlich bedeutend, dann gehen die Weisen ein in den lucus a non lucendo, das Honorarprofessoriat. 12% der dorthin Eingegangenen sind Juden! Gegen diese Zurücksetzungen anzukämpfen, im Bewusstsein des Rechtes und mit dem Ziele, die Herrschaft des Rechtes zu sichern, ist ehrenvolle Tat. Sie muss geleistet werden, dass nicht die Niedergedrückten Verbogene und Geknickte, die Verachteten wieder verächtlich werden. Allein in diesem ewigen Hinblicken auf den glitzernden Demanten des Rechtes liegt vielleicht die Gefahr hypnotischer Starrheit. Wir könnten unser Gesichtsfeld engen und den Ernst, die Schwere, die Tiefe der wirklichen Probleme verkennen, welche die A11 g e m e in f o r m e 1 des Staatsgesetzes nur vertüncht. Der Zwang der politischen Konstruktionen hat vor uns die Trennung der Gewalten, die man viel zu abstrakt-leblos und verwirrend-falsch als ,, Staat" und ,,Kirche" bezeichnet, als Ideal gestellt. In Wesen jüdischen Denkens, das nur die Einheit der sittlichen und sozialen Mächte begreifen konnte, liegt sie nicht! Diese Einheit zu gewinnen, so die Persönlichkeit erlöst, indem sie sie in die Gesamtheit auflöst, ist das Hochziel aller modernen Kultur. Wie verschieden diese Inhalte sein mögen und wie feindselig oft die Benennungen, die „Überschriften'"' gegeneinander stehen: dieses Einheitsbedürfnis drängt in den sozialistischen und monistischen Theorien nicht weniger leidenschaftlich als in den christlichen Staatsideen zutage. Die Toleranz gegen das individuelle religiöse Bedürfen ist unverlierbares Besitztum der modernen Menschheit. Aber die Erziehung der Generationen wird in jedem einheitlichen Volksgebilde nur das Vorrecht der Einheitlichsten sein. Diese Einheitlichkeit begreift die Unterrichtsverwaltung als Ausschaltung der Juden. Sie handelt auch heut noch in der — kul tu r-bis torisch bedenklichen, staatsrechtlich aber haltlosen — Fiktion: im Christentum lägen die Wurzeln der deutschen Kultur, deren eine Ausdrucksform der deutsche Einheitsstaat ist. Ohne das Christentum sei die deutscheW issenschaft nicht zu denken. Und nicht die gewordene deutsche Nation. Brechen wir hier ab! Die Nachkommen der Kämpfer ums ,,Recht", Mendelsohns, David Friedländers, Riessers, Moritz Veits sind nicht bei uns. Luxusübermut? Oder Einheitsbedürfnis? — Man könnte traurig werden! . . REVUE DER EREIGNISSE. Amerikanisch-jüdische Sorgen. Der Newyorker „Sun" sandte einen Korrespondenten nach Russland, um dort die Stimmung in der Frage der Einlassung amerikanischer Juden zu studieren. Der Bericht dieses Korrespondenten ist sehr interessant. Man erfährt aus ihm, dass es für Russland kein anderes Mittel gegen Amerika gibt, als sich in der Erzeugung landwirtschaftlicher Maschinen und in der Kotton-Industrie auf eigene Füsse zu stellen, dass es aber ganz unfähig ist, diese Mittel anzuwenden. Es fehlt, speziell für die Kotton-Industrie in Turkestan, an Geld für grossartige Bewässerungsanlagen, an Unternehmungsgeist, an Pflanzern, an Ingenieuren. Nichtsdestoweniger wird Russland, so behauptet der Nachdruck mit Quellenangabe gestattet. Zeitungsmann, nicht nachgeben. Es wird lieber die Waren teurer bezahlen, als die amerikanischen Juden hereinlassen. Dies, weil es fürchtet, dann die eigenen Juden emanzipieren zu müssen. — Sollte diese Ansicht richtig sein, was freilich zweifelhaft ist, — dann würde die amerikanische Aktion gegen Russland, trotz dessen Verlegenheit, einen vorläufigen Misserfolg für die Juden bedeuten. Einen Trost würde nur das Sprichwort bieten: Aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Inzwischen bemühen sich die einheimischen Antisemiten in Amerika, die Volksleidenschaften gegen die Juden anzufachen. Die Brandt-Schiff-Affaire, die sie, wie wir in der letzten Nummer von „Ost und West" berichteten,' nach berühmten Mustern